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Wer welche Inhalte der Medikamentenliste einsehen darf, ist noch strittig.
Foto: Österreichische Ärztekammer Foto: Archiv Foto: Felcitas Matern
 
Gesundheitspolitik 16. Februar 2010

E-Medikation – bitte warten

Ein Projekt mehr, das zeigt, wie Einzelinteressen eine gute Idee blockieren können.

Österreich verfügt seit Jahren über eine gut ausgebaute e-card-Infrastruktur, die als Basis für die E-Medikation vorgesehen ist. Auch belegen eine Reihe von Studien und Pilotprojekten, dass der Nutzen einer individuellen Arzneimittelerfassung und -beurteilung durchaus gegeben ist. Woran die zügige Umsetzung dennoch scheitert, ist – wie so oft – eine fehlende „gemeinsame Sichtweise“ der Beteiligten.

 

Die Idee hinter der E-Medikation ist einfach und überzeugend: Im Sinne einer höchstmöglichen Patientensicherheit sollen Experten schnell, unkompliziert und in Echtzeit die individuelle Verträglichkeit beziehungsweise Unverträglichkeit von Arzneimittelverschreibungen abrufen können – nicht nur bezogen auf das vorliegende Rezept, sondern auf alle gespeicherten und einem Patienten aktuell verordneten Arzneimittel.

Wo viel Licht, da auch viel Schatten

Dass mit diesem Tool auch ökonomische Parameter wie etwa Doppelverschreibungen leicht erfasst und kontrolliert werden können, versteht sich von selbst. Dass sich Hauptverbandschef Hans-Jörg Schelling dadurch auch die „Erhöhung der Transparenz der Medikamentenverschreibung und Medikamentennutzung“ erhofft, macht die Sache für so manche Beteiligte im System nicht attraktiver. Und spätestens hier sind wir an jenem Punkt angelangt, an dem sich die Geister scheiden: Wer will sich schon gerne kontrollieren lassen? Wer will eine Reihe von Veränderungen in den Dokumentationsabläufen einführen, die – ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt – einfach als unbequem empfunden werden? Ganz zu schweigen von technischen Problemen, die erst recht wieder Ausnahmen von der Regel erfordern. Last but not least sind Lösungen zum Datenschutz oder die Klärung von Kompetenzen noch immer heftig in Diskussion.

Hier zeigt sich bereits deutlich, dass derzeit noch eine Reihe zentraler Fragen offen sind, die es jedenfalls zu klären gilt, bevor es zu einer österreichweiten Umsetzung kommt: Wer darf welche Medikationsdaten sehen und prüfen? Erfolgt die Datenspeicherung zentral oder dezentral? Wer ist der Betreiber der Lösung? Und: Gibt es eine verpflichtende oder freiwillige Teilnahme der Patienten? Darüber hinaus fehlt zurzeit noch Wesentliches, nämlich das grundsätzlich gemeinsame Verständnis und Vorgehen zwischen den Stakeholdern, der Österreichischen Ärztekammer, der Österreichischen Apothekerkammer, den Ländern und Krankenanstalten sowie dem Gesundheitsministerium und der Sozialversicherung.

Mehr Marketing für die Idee

Vor rund einem Jahr wurde der Hauptverband mit der Projektleitung für die E-Medikation beauftragt, einem Folgeprojekt der seit 2007 laufenden Aktion „Arzneimittelsicherheitsgurt“. Mitte 2009 wurden ein „Projektlenkungsausschuss“ (PLA) und ein „Beratungsausschuss“ mit Vertretern der Länder, des Bundes, der Ärzte- und Apothekerkammern sowie des Hauptverbandes und der Kassen konstituiert. Eine wesentliche Erkenntnis stand bereits am Beginn der Planungsaktivitäten: Ohne frühzeitige Information und Einbeziehung der Betroffenen ist eine vernünftige Umsetzung nicht möglich.

An erster Stelle soll daher das Akzeptanzmanagement stehen und erst dahinter folgen in absteigender Reihenfolge Nutzendarstellung und Funding, Projektmanagement, gesundheitspolitische Zielsetzung und Implementierungsstrategien, rechtliche Rahmenbedingungen und Datenschutz und erst zuallerletzt die technischen Lösungen und Standards.

Doch wie bereits bei der e-card-Einführung wurde die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Es sind wieder nicht die technischen oder juristischen – und durchaus lösbaren – Aufgaben, die auf Widerstand stoßen, sondern aller Kommunikation zum Trotz das notwendige Veränderungspotenzial. Denn unterschiedliche Zielgruppe verfolgen naturgemäß unterschiedliche, subjektive Nutzenkonzepte. Ein Umstand, der ein innovatives Marketingkonzept ebenso erfordert wie klare Rahmenbedingungen und ein deutliches politisches Commitment.

Selbst wenn Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner vielfach betont, dass „die Welt beim Thema E-Medikation nicht neu erfunden werden muss und keine zusätzlichen Strukturen zu schaffen sind“, ist es doch ein umfassender Change-Prozess, der von der Arztordination bis hin zum Krankenhaus reicht.

Was die E-Medikation bringen kann

„Der Schwerpunkt im E-Medikationsprozess liegt zunächst beim Verschreiber, weil dort eine unmittelbare Qualitätssteigerung erreicht werden soll. Letztlich – aber zeitlich gesehen nicht prioritär – muss es Ziel sein, dass auch die Patienten über das ELGA-Portal vollen Zugang zu ihren Daten haben“, ist von der Initiative ELGA deutlich formuliert. Einvernehmlich festgelegt hat das Gremium auch, dass der Teilnahme- und Verpflichtungsgrad am Medikationsprozess möglichst hoch gehalten werden soll: Ein Engagement ist grundsätzlich für alle Arzneimittel verordnenden und abgebenden Gesundheitsdiensteanbieter verpflichtend, während für Patienten eine generelle Opt-out-Möglichkeit geschaffen werden soll.

Systemimmanente Risiken wie die des Datenschutzes, eine strategisch ausgewogene Kosten-Nutzen-Relation und die Frage der Kernkompetenzen müssen in die Beurteilung des E-Medikationskonzeptes miteinbezogen werden. Sie sind nicht immer nur in Zahlen auszudrücken, auch wenn die vorliegenden Fakten doch überzeugend wirken: Nach aktuellen Studien sind Medikationsfehler eine wesentliche Ursache von Behandlungsfehlern. Allein in den USA sind jährlich etwa 770.000 Menschen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen betroffen. Etwa ein Drittel davon wird als „vermeidbar“ angesehen und bereits sehr einfache elektronische Erfassungssysteme konnten in den USA die Medikationsfehlerrate um 40 Prozent reduzieren.

Uneinigkeit eröffnet Warteschleife

Aufgrund eines jüngsten Beschlusses des PLA werden Pilotregionen eingerichtet, in denen das E-Medikationsprojekt starten soll: das Donauspital Wien sowie die Bezirke Tirol West und der Zentralraum Wels. Je Pilotregion nehmen 100 Allgemein- und Fachärzte, zehn Apotheken, zehn Hausapotheken führende Ärzte und eine Krankenanstalt teil. „Bitte warten“ heißt es dennoch für den Startschuss, denn Ärzte und Apotheker sind sich nach wie vor nicht einig, wer Einsicht in die Medikationslisten nehmen darf. „Wir sind sehr weit. Die Apotheker werden sich wohl noch bewegen müssen“, meint dazu der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Präsident der Ärztekammer für Tirol, Dr. Artur Wechselberger. Die Ärzte wollen neben den verschriebenen rezeptpflichtigen Arzneimitteln auch OTC-Produkte in der Medikationsliste sehen. Seitens der Apothekerkammer heißt es dazu deutlich „nein“, denn „alle rezeptfreien Medikamente sind Kompetenz der Apotheker.“

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 7 /2010

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