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Gesundheitspolitik 3. Dezember 2008

Drogenbericht: Zahlen alleine sind zu wenig

Weniger Tote, mehr Experimentierfreudigkeit bei illegalen Drogen.

Die Freude über die gesunkene Zahl der Drogentoten ist für einige Experten nur bedingt berechtigt. Ihre Forderung: In Österreich müsste viel mehr in die Suchtforschung investiert werden.

Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen legte kürzlich den aktuellen Drogenbericht vor, der auf den Zahlen von 2007 basiert: „Sowohl beim problematischen als auch beim i.v.-Drogenkonsum zeigt sich eine Stabilisierung“, analysiert Bundesdrogenkoordinator Franz Pietsch vom Gesundheitsministerium die Daten. Die Zahl der Menschen mit „besonders problematischem Gebrauch“ von Drogen liegt nun zwischen 22.000 bis 33.000. Und: „Zum ersten Mal seit Jahren ist die Zahl der Drogentoten rückläufig: 2007 waren es 175, im Jahr zuvor noch 197“, so Pietsch, der darauf hinweist, dass dieser Trend weiter beobachtet werden müsse. Der Experte betont zudem den Erfolg der neuen – und nach wie vor sehr umstrittenen – Regelungen zur Substitutionsverordnung: „Inzwischen gibt es in Österreich über 10.000 Substitutionspatienten, das entspricht einem Anstieg von einem Fünftel im letzten Jahr.“

Analysiert wurde im Drogenbericht zudem der „Probier- und Experimentierkonsum“ bei illegalen Drogen. Demnach hat sich innerhalb von sechs Jahren der Anteil der Bevölkerung, der mit Ecstasy und Amphetaminen experimentiert, von zwei auf vier Prozent erhöht. Kokain und halluzinogene Stoffe würden nun von vier Prozent ausprobiert – viermal soviel wie bisher.

„Die Daten des Drogenberichts wurden sicher auf seriöse Weise erhoben, die Frage ist, wie sie interpretiert werden“, merkt Christoph Lagemann, Leiter des Instituts Suchtprävention in Linz, an. So liegt die Zahl der Drogentoten schon seit einigen Jahren um die 200 – die geringfügigen Veränderungen würden wenig über die Situation von Drogenmissbrauch aussagen. „Es fehlen Standards zur Obduktion von Menschen, bei denen Drogenmissbrauch als Todesursache vermutet wird“, kritisiert Lagemann. Dazu kommt in Wien die Schließung des gerichtsmedizinischen Instituts – welche Verstorbenen schließlich in den Statistiken als „Drogentote“ gelten, ist oft dem Zufall überlassen.

Interpretationsspielräume

Anders als bei legalen Drogen, wo es um vielfach höhere Prävalenzzahlen geht, müssten die Daten zum Austesten von illegalen Drogen aus Lagemanns Sicht auch im Licht der statistischen Schwankungsbreite betrachtet werden. Dass mehr Menschen mit illegalen Substanzen experimentieren, hängt eng mit deren Zugänglichkeit zusammen – heute 70-Jährige kamen nie mit LSD oder Ecstasy in Berührung, daher wird die Lebenszeitprävalenz in den nächsten Jahren weiter steigen. Die Situation in Österreich in Bezug auf den Missbrauch illegaler Drogen würde dem europäischen Trend entsprechen, „es ist keine Frage, dass mehr Bemühungen nötig sind, Sucht stärker zum Thema zu machen und mehr in die Präventionsarbeit zu investieren.“

Für Dr. Hartmann Hinterhuber, Direktor der Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck, bedeuten die Angaben über die durch Drogenkonsum verursachten Todesfälle im Drogenbericht, „dass Österreich im EU-Schnitt immer noch sehr hohe Mortalitätsraten aufweist.“ Ein großes Defizit ortet er in der Forschung zur Suchtmedizin – vor einem halben Jahr wurde aus Geldmangel das von ihm geleitete Institut für Suchtforschung mit Standort in Frastanz geschlossen. Als Forschungsstätten verbleiben so das Wiener Anton-Proksch-Institut sowie Projekte an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. „Ich erwarte mir von der neuen Regierung, dass in diesem Bereich endlich die nötigen Mittel investiert werden.“ Hinterhuber sagt, dass Suchterkrankungen im Spitzenfeld der gesundheitlichen Probleme der Österreicher liegen – „es geht auch um nicht stoffgebundene Phänomene, etwa die Glücksspiel- oder Computerspielsucht.“

Auch nach Lagemanns Meinung wäre es wichtig, mehr in die Forschung zu investieren, „anstatt nur Zahlen zusammenzutragen, deren Aussagekraft zu viel Raum für politische Interpretationen lässt.“ Die ständig wiederholte Forderung nach noch mehr Repression hält er nicht für gut. Auch Hinterhuber betont, dass bei den Ausgaben zum Umgang mit dem gesellschaftlichen Problem „Sucht“ nur ein minimaler Prozentsatz für die Prävention und ein Vielfaches in repressive Maßnahmen wie Polizei-Einsätze investiert wird. Mehr Forschung würde punktgenauere Maßnahmen in der Prävention ermöglichen – sowohl im städtischen als auch im ländlichen Bereich. Am Land wäre das Thema Sucht weniger stark in der Öffentlichkeit verankert, umso schwieriger wäre es für Menschen, die im privaten Bereich Drogen konsumieren, für Beratungs- und Betreuungsangebote zu gewinnen.

Lagemann verweist auf europäische Zahlen, die auf einen Anstieg bei den älteren Suchtkranken hinweisen – „für diese Personengruppen gibt es bei der Prävention, der Beratung als auch der Therapie kaum gezielte Ansatzpunkte.“

Foto: Privat

Dr. Franz Pietsch Bundesdrogenkoordinator

Foto: Privat

Dr. Hartmann Hinterhuber Direktor der Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck

Foto: Privat

Christoph Lagemann Leiter des Instituts Suchtprävention, Linz

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche

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