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Gesundheitspolitik 5. Februar 2010

Die ersten vierzehn Tage

Der 26. Jänner war ein freundlicher Tag: Nach der Kälteperiode am Anfang des Monats war Tauwetter angesagt. Im Zeichen dieser Großwetterlage wurde die neue Wissenschaftsministerin Beatrix Karl angelobt. 14 Tage später erklärt die neue Wissenschaftsministerin Beatrix Karl  im Interview, dass sie mit dem "Mythos Ärztemangel“ aufräumen will.

SpringerMedizin.at: Welche drei Eigenschaften beschreiben Sie am besten?

BM Karl: Konsequent, geradlinig und dialogbereit.

SpringerMedizin.at: Nach den ersten Tagen im Ministerium, welche Aufgaben sind für Sie die dringlichsten?

BM Karl: Im März findet in Budapest und Wien die Bologna-Konferenz statt. Diese gilt es gut vorzubereiten – und wir müssen vor allem an der besseren Umsetzung der Bologna-Architektur arbeiten. Weiters möchte ich den Dialog Hochschulpartnerschaft engagiert fortsetzen, um mit den Hochschulpartnerinnen und Hochschulpartnern bis Sommer Vorschläge zu erarbeiten. Im Bereich Forschung arbeiten wir in der Bundesregierung aktuell an einer FTI-Strategie. Mein Schwerpunkt gilt hier der Stärkung der Grundlagenforschung.

SpringerMedizin.at: Glauben Sie könnte es nochmals zu Uni-Besetzungen kommen?

BM Karl: Davon gehe ich derzeit nicht aus. Mein Weg ist der Weg des Dialogs – das habe ich seit Amtsantritt mehrfach unterstrichen und rasch die ÖH zu einem Treffen geladen. Auch mit den protestierenden Studierenden wird es in Kürze ein Gespräch geben.

SpringerMedizin.at: Ist für Sie eine unabhängige Grundlagenforschung
ohne eine Beteiligung von Pharmafirmen realistisch? 

BM Karl: Die Beteiligung von Pharmafirmen ist per se nichts Schlechtes. Gerade im medizinischen Bereich hat sich bezüglich Verhaltensregeln in den vergangenen Jahren einiges getan. Beispielsweise wurde ein Verhaltenskodex eingeführt -  freiwillig. Nun geht es natürlich darum, dass sich auch alle Seiten daran halten. 

SpringerMedizin.at: Zum einen gibt es Zugangsbeschränkung an den medizinischen Universitäten zum anderen wird ein Ärztemangel
prognostiziert. Wie ist hier Ihre Position?
 

BM Karl: Ich möchte mit dem "Mythos Ärztemangel"aufräumen, denn ein solcher ist derzeit nicht valide belegbar. In manchen Fachbereichen gibt es einen Mangel, ja. Aber hier ist nicht die Universität gefordert, sondern der Gesundheitsminister und die Österreichische Ärztekammer. Die Universitäten bilden genügend Absolventinnen und Absolventen aus. Allerdings warten sie in Österreich derzeit durchschnittlich zwölf Monate auf einen Turnusplatz. Da verwundert es nicht, dass viele österreichische Absolventinnen und Absolventen überlegen, ihre weitere Ausbildung im Ausland, vorzugsweise in Deutschland, zu machen. Hier gilt es, bei der Attraktivität des Arztberufes anzusetzen.

SpringerMedizin.at: Was verbinden Sie mit „über.morgen“?

BM Karl: Eine kritische Studierenden-Bewegung, mit der ich in Kürze diskutieren werde.

SpringerMedizin.at: Wie wollen Sie dem viel diskutierten "Studientourismus“ begegnen? 

BM Karl: Die Mobilität der Studierenden ist grundsätzlich begrüßenswert und wird auch durch Programme wie "Erasmus“ gezielt gefördert. Problematisch wird es dann, wenn Ungleichgewichte zwischen Ländern entstehen. In Österreich diskutieren wir vor allem über den Zuwachs deutscher Studierender. Hier gab es zuletzt erfreuliche Signale der deutschen Bildungsministerin Schavan, mit der ich in den kommenden Wochen ein Gespräch führen werde.

SpringerMedizin.at: Können Sie sich ein Bachelor Studium Medizin vorstellen? 

BM Karl: Mit der jüngsten UG-Novelle wurde die Möglichkeit geschaffen, die Bologna-Architektur auch auf das Studium der Human- und Zahnmedizin anzuwenden. Allerdings darf die Bologna-Architektur nicht auf jenes Studium angewendet werden, das der Ärzteausbildung dient. Die Anwendung der Bologna-Architektur bezieht sich auf die Schaffung von interdisziplinären Studien wie bspw. Medizintechnik oder Gesundheitsökonomie etc. Diese Berufsbilder gibt es bereits, allerdings fehlt die adäquate Ausbildung. Hier mit einem Bachelor-Studium anzusetzen, halte ich für sinnvoll.

SpringerMedizin.at: Wie stehen Sie zur Facharztausbildung Allgemeinmedizin? 

BM Karl: Darüber wird seit einiger Zeit im Gesundheitsministerium diskutiert, eine entsprechende Arbeitsgruppe mit unterschiedlichen Stakeholdern aus dem betreffenden Bereich wurde eingerichtet. Die Facharztausbildung ist allerdings keine universitäre Angelegenheit und muss daher mit den Zuständigen diskutiert werden.

SpringerMedizin.at: Die Erwartungen an Sie sind sehr hoch. Große Themen wie Forschungsförderung, mehr Geld für die Lehre oder neue Zugangsbeschränkungen wollen gelöst werden. Können Sie als Wissenschaftsministerin den hohen Erwartungen überhaupt gerecht werden?

BM Karl: Ich bin guten Mutes, dass im Dialog und mit einer gewissen Kompromissbereitschaft aller Beteiligten gute Lösungen zustande kommen werden.

Andrea Niemann

  • Herr Mag. Franz Kaiser, 12.02.2010 um 12:30:

    „2 Anmerkungen zum Interview:

    a - würde das Arbeitszeitgesetz in Österreichs Spitälern und Ordinationen umgesetzt gäbe es jetzt schon einen Ärztemangel in Österreich. Die Umsetzung der Arbeitszeitgesetze führt in der EU generell zu einem Ärztemangel.

    b - die österreichischen Universitäten genießen einen guten Ruf, Bildungsexport und Dienstleistungsexport, die Mobilität von AkademikerInnen sind angeblich Zukunftstrends. Warum nützen wir diesen Ruf nicht und bilden Ärztinnen/Ärzte auch für andere Länder aus? Wenn ausländische StudentInnen durchschnittlich über € 1.000 pro Monat in Österreich ausgeben ist das auch ein nicht zu unterschätzender volkswirtschaftlicher Faktor, zusätzlich der familiäre Besuchstourismus und die nachhaltig positive Einstellung zu Österreich. Die Frage der Ausbildungskosten ist bilateral mit den Herkunftsländern zu lösen.“

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