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Peruaner schätzen selbst am Land die traditionelle Medizin ihrer Ahnen kaum noch.
 
Gesundheitspolitik 27. November 2008

Peru: Unterversorgung und Boom bei Schönheits-OPs

Schönheitsoperationen boomen, Arme in ländlichen Gebieten sind unterversorgt und traditionelle Medizin ist nicht mehr gefragt. Dr. Andrea Hofer lebt und praktiziert in Lima.

„Das Gesundheitssystem in Peru diskriminiert Arme und indigene Frauen und Kinder“, kritisiert Amnesty International. Die aus Niederösterreich stammende Allgemeinmedizinerin Dr. Andrea Hofer und ihr peruanischer Mann Dr. José Torres Noriega, der ebenfalls Arzt ist, sehen das etwas differenzierter: Große Teile der Bevölkerung seien überhaupt nicht gesundheitsbewusst.

„Alle acht Stunden stirbt in Peru eine Frau aufgrund von Komplikationen bei der Geburt. 45 Prozent aller Todesfälle im Land betreffen Kinder unter fünf Jahren. Damit zählt Peru zu den Ländern mit der höchsten Kinder- und Müttersterblichkeit in Lateinamerika“, heißt es in einem Bericht von Amnesty International. Dr. Andrea Hofer und ihr Mann Dr. José Torres Noriega bestreiten die Zahlen nicht. „Die meisten Leute in Peru sind nicht gesundheitsbewusst und interessieren sich nicht für gesunde Ernährung“, ist die Erfahrung des Ärzte-Ehepaares. Gesundheitsvorsorge und gesunde Ernährung seien im Andenstaat etwas für Reiche, der Rest der Bevölkerung glaube nicht, selbst etwas für die Gesundheit tun zu können. „Sie halten auch nichts von Heilpflanzen und Ritualen ihrer Vorfahren“, so Andrea Hofer.

Rund 60 Prozent der Bevölkerung sei nicht krankenversichert und müsse Arztbesuch und Spitalsaufenthalt selbst bezahlen. „Eine ärztliche Behandlung in einem Sozialspital kostet einen Dollar, aber bei einem Durchschnittseinkommen von 100 Dollar macht sich das bei einer Familie mit mehreren Kindern schon bemerkbar“, gibt Hofer zu bedenken. Eine Geburt im Spital koste etwa 30 Dollar. „Das hält viele Frauen davon ab, im Spital zu entbinden“, ist die Ärztin überzeugt. Die Regierung habe eine Art Sozialhilfesystem geschaffen. „Das Geld wird an die Frauen ausbezahlt, weil es die Männer vertrinken würden.“

Viele Menschen nicht versichert

Peru hat rund 27 Millionen Einwohner, davon leben etwas mehr als ein Viertel auf dem Land, drei Viertel in Städten. Die Landflucht nimmt zu, Lima hat rund sieben Millionen Einwohner, aber wahrscheinlich sind es zehn Millionen. Niemand wisse genau, wie viele Arme in den Slums am Rande der Großstädte leben, sagt Dr. Noriega: „Diese Menschen sind nicht krankenversichert.“ Auf dem Land lebt die Bevölkerung weit verstreut. „Die meisten Leute haben nur ein geringes Einkommen und keine Krankenversicherung.“ Für die Armen gibt es Sozialspitäler. „Das sind Blech-Container, es ist sehr heiß drinnen, und draußen warten die Menschen oft stundenlang in der brütenden Sonne“, berichtet Hofer. Ein großer Teil der Krankheiten sei auf Ernährungsmängel zurückzuführen, erzählt Hofer: „Die Leute sind dünn, untergewichtig und ganz schlecht ernährt, sie haben einen schlechten Zahnstatus, sehen nicht gut, haben aber keine Brillen.“ Es gebe Kinder, die aufgrund von Vitaminmangel blondes Haar haben. „Die Mütter wollen nicht hören, dass eine Mangelerscheinung die Ursache ist“, schildert Hofer die Problematik. Arme Leute suchten, wenn überhaupt, erst sehr spät einen Arzt auf, das Geld würden sie lieber für Zigaretten und Alkohol ausgeben. „Diese Einstellung zu ändern, das geht nicht von heute auf morgen, das braucht sehr viel Zeit und Geduld“, sagen Hofer und ihr Mann. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr gut ausgestattete Privatkliniken in Peru, in denen sich vor allem die Oberschicht behandeln lässt. Aber auch Touristen, vornehmlich aus USA, aber auch aus Europa, besuchen den Andenstaat aus medizinischen Gründen. Ihr Ziel sind nicht etwa wunderheilende Nachfahren der Inka oder kräutersammelnde Gurus, sondern Schönheitschirurgen. „Die Schönheitschirurgie boomt in Peru“, wissen Hofer und ihr Mann. Von Face-Lifting, Nasenkorrektur bis zum Fettabsaugen kann man sich in Peru zu Schnäppchenpreisen rundum verschönern lassen. Eine Nasenkorrektur koste in Peru etwa zehn Prozent von dem, was man in den USA dafür auf den Tisch legen müsse.

Probleme bei der Anerkennung des Studiums

Die aus Waltersdorf bei Baden stammende Niederösterreicherin hat ihren Mann beim Studium in Wien kennengelernt. José Torres Noriega stammt aus einer privilegierten Schicht in Lima, sein Vater war Anwalt, die Brüder sind Anwälte, es gibt mehrere Ärzte in der Familie. „Bei den ersten Besuchen gefiel mir Lima nicht, aber dann begann ich das Land, die Stadt und die Menschen hier zu lieben“, erzählt Hofer. Vor drei Jahren entschloss sich das Paar, nach Lima zu übersiedeln. Hofer ließ sich ihr Studium im EU-Land Spanien anerkennen, weil Spanien ein Anerkennungs-Abkommen mit Peru hat. Ihr Mann dachte, als peruanischer Staatsbürger brauche er das nicht, und musste erleben, dass sein österreichischer Studienabschluss in Peru nicht anerkannt wurde. Er musste den Turnusdienst noch einmal in einem Spital in Lima absolvieren und Prüfungen ablegen. Diese Zeit habe ihm viel gebracht, erinnert sich Dr. Noriega: „Ich habe gelernt, wie man als Arzt mit bescheidenen Mitteln improvisieren und viel machen kann.“ Inzwischen hat das Ehepaar eine gemeinsame Praxis in Lima. Die Allgemeinmedizinerin schätzt die Gelassenheit der Peruaner. Die könnte auch mit ein Grund dafür gewesen sein, dass Hofer bald nach ihrer Übersiedlung schwanger geworden ist: „Wir haben viele Jahre vergeblich auf ein Baby gehofft, hier in Lima hat es geklappt, unsere Eliza ist jetzt schon bald ein Jahr alt.“ Das Leben in Lima ist freilich auch viel weniger hektisch als in Österreich. Auch deshalb liebt sie das Land zwischen dem Pazifik und den Anden.

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Peruaner schätzen selbst am Land die traditionelle Medizin ihrer Ahnen kaum noch.

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Dr. Andrea Hofer, Allgemeinmedizinerin in Lima

Von Birgit Köhlmeier und Martin Rümmele, Ärzte Woche 48/2008

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