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Gesundheitspolitik 1. Februar 2010

Kritik zu "Situational Judgement Test"

Heute starten die Voranmeldungen zu den Zulassungstests an den Medizinischen Universitäten. In Graz wird erstmals mittels "Situational Judgement Test" auch die soziale Kompetenz überprüft. Eine gute Erweiterung möchte man meinen, doch jetzt kommt Kritik von der Medizinische Universität Wien. 

Von "schwerwiegenden konzeptionellen und methodischen Mängeln, die keine ausreichende Prognosekraft zulassen", ist bei Rudolf Mallinger die Rede. Für den Vizerektor der Medizin-Uni Wien ist das erweiterte Grazer Aufnahmeverfahren "eher ein Gesinnungs- als ein Eignungstest", betont er in einer Aussendung.

Graz geht andere Wege

Die drei Medizin-Unis Wien, Graz und Innsbruck wickeln ihr Aufnahmeverfahren zwar zu den selben Terminen ab, setzen aber auf zwei unterschiedliche Verfahren: Die Medizin-Unis Wien und Innsbruck verwenden den "Eignungstests für das Medizinstudium" (EMS), der Studien-Fähigkeiten wie medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis, räumliches Vorstellungsvermögen, Umgang mit Zahlen und Ähnliches abfragt. Die Medizin-Uni Graz setzt dagegen auf einen Wissenstest in den Grundlagenfächern Biologie, Chemie, Physik und Mathematik sowie auf Textverständnis.  

Der "Situational-Judgement-Test" mit kurzen Beschreibungen ärztlich-relevanter Situationen, zu denen im Multiple-Choice-Format verschiedene Handlungsmöglichkeiten angeboten werden ist ab heuer neu und wurde "unter Einbeziehung eines interdisziplinären Teams von Expertinnen und Experten einschlägiger Fachrichtungen entwickelt." Deshalb kann die Medizinische Universität Graz die Aufregung nicht verstehen. Zusätzlich gäbe es  international gute Beispiele, wie Canad oder UK für dessen wissenschaftliche Relevanz.

Erwünschte Antworten leicht zu erkennen

Rudolf Mallinger kann den Einsatz dieses Verfahrens trotzdem nicht nachvollziehen: Nach einer Evaluierung des Sozialtests habe man festgestellt, "dass darauf verzichtet werden sollte, weil die richtigen bzw. sozial erwünschten Antworten zu leicht zu erkennen sind". Außerdem seien sich nur 60 Prozent der Experten einig, welche Antwort die richtige ist. "Eine seriöse Bewertung des Testergebnisses sei kaum möglich", meinte Mallinger, der "strikt gegen Experimente mit Sozialtests ist".

Self-Assessment  an der MedUni Wien

Die MUW bietet stattdessen heuer erstmals ein Self-Assessment an, bei dem Kandidaten sich selbst anonym über studienrelevante Persönlichkeitsmerkmale testen können. Dabei wird anonym ein Fragebogen ausgefüllt. Vorteil laut Mallinger ist, dass jeder Studienwerber "für sich selbst und ohne den Druck eines Zulassungsverfahrens" die Schlussfolgerungen aus dem Ergebnis ziehen kann. Dieser Ansatz sei "für die so genannten Soft Skills besser, weil Verfälschungstendenzen hier eine deutlich geringere Rolle spielen".

Die Medizinische Universität Graz reagiert mit einer schriftlichen Klarstellung: "Eine erste wissenschaftliche Analyse hat die dramatischen Verbesserungen in punkto Studienerfolg und Reduktion der Dropout-Rate eindrucksvoll gezeigt“, so heißt es in der Aussendung, die die Vorwürfe gelassen nimmt: "Universitäten sollten idealerweise Bühnen des friedlichen Wettstreites von Ideen und Orte der Weiterentwicklung sein. In diesem Sinn ist es als positiv zu sehen, dass an unterschiedlichen Universitäten unterschiedliche Wege gegangen werden. Die Wirkungen können wissenschaftlich evaluiert werden; gute Wege werden sich durchsetzen."

Reaktion auf Frauen-Ergebnisse

Mit den neuen Tests reagieren die Medizin-Unis wohl auf das schlechte Abschneiden von Frauen bei den Aufnahmetests. So entfielen an den drei Medizin-Unis zwischen 43 und 46 Prozent der zur Verfügung stehenden Studienplätze auf Frauen, angetreten waren überall deutlich mehr als 50 Prozent.Die elektronische Voranmeldung läuft an allen drei Medizin-Unis von 1. bis 21. Februar, die Aufnahmetests werden am 9. Juli durchgeführt. Im Wintersemester 2010/11 stehen wie im Vorjahr insgesamt 1.500 Anfängerplätze für die Studien Humanmedizin und Zahnmedizin zur Verfügung. Davon entfallen 740 (davon 80 für Zahnmedizin) auf die Medizin-Uni Wien, 400 (davon 40 für Zahnmedizin) auf Innsbruck und 360 (davon 24 für Zahnmedizin) auf Graz. 

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