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Nicht jede Krankheit ist wirklich eine echte Erkrankung. Experten orten, dass die Industrie oft normale Leiden medikalisiert.
 
Gesundheitspolitik 14. Jänner 2010

Nicht jede Krankheit macht die Menschen wirklich krank

Auf der Suche nach neuen Wachstumsmöglichkeiten entdecken Gesundheitsunternehmen gewöhnliche Leiden, die als Krankheit ausgeben, sagen Kritiker. Nicht alle Patienten sind somit krank.

Problem

Die Verhinderung von Krankheiten kann nicht nur bei den Lebensumständen der Menschen allein ansetzen, sondern sollte auch Entwicklungen im Gesundheitswesen beachten, sagen Experten. Nicht jede Krankheit ist nämlich eine echte Erkrankung.

 

Kritiker, wie der deutsche Wissenschaftsjournalist Jörg Blech, orten im Gesundheitswesen eine „Industrie zur Krankheitserfindung“. Blech beschreibt in seinem gleichnamigen Buch ausführlich, wie pharmazeutische Firmen und medizinische Interessensverbände Leiden erfinden und Krankheit zum Industrieprodukt wird. „Dazu münzen Firmen und Verbände normale Prozesse des Daseins um in medizinische Probleme, sie medikalisieren das Leben“, schreibt der Autor.

An zahlreichen Krankheiten, wie etwa an der Osteoporose, zeigt er, wie die Gesundheitsindustrie mittels Knochendichtemessung ganze Bevölkerungsschichten erkranken lässt und zum Schlucken neuer Medikamente verleitet. Tatsächlich ist der Nutzen der Knochendichtemessung für beschwerdefreie Patienten nicht wissenschaftlich belegt. Vielmehr sei die Reduktion der Knochendichte eine Alterserscheinung wie Falten oder der Abbau der Muskelmasse und beginne im Alter von etwa 35 Jahren. Ob jemand aber deshalb im Alter zu verstärkten Knochenbrüchen neigt, ist nicht sicher.

Aus diesem Grund wurde die Untersuchung an beschwerdefreien Menschen in Deutschland auch wieder aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherer gestrichen.

Jörg Blech, Gesundheitsjournalist

Doch nicht nur bei der Diagnostik wird enorm Geld verpulvert, sondern auch bei der Therapie. Aus dem Osteoporosebericht der Österreichischen Sozialversicherungen ging 2007 hervor, dass Österreich im EU-Vergleich die meisten finanziellen Mittel für Osteoporose-Diagnostik und -therapie ausgibt. Knapp gefolgt von Deutschland. Einer der Gründe: In Österreich gibt es fast doppelt so viele Geräte zur Knochendichtemessung wie von einer entsprechenden EU-Expertenkommission empfohlen wird. Geräte, die teuer in der Anschaffung sind und dementsprechend ausgelastet werden müssen. Doch das verbessert die Versorgung nicht zwingend. Mit einer Frakturrate von 19,7 pro Jahr bezogen auf 10.000 Einwohner über dem 65. Lebensjahr liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld, hinter Schweden und der Slowakei.

Oft werden Empfindungen als Krankheiten definiert. Nicht wenige hängen mit dem Alter zusammen und sind folglich keine Krankheit, sondern natürliche Abnützungserscheinungen des Körpers oder schwindende Energien. So nimmt etwa seit Jahren die Altersdepression zu, und es werden immer mehr Psychopharmaka verordnet. Nicht selten mit negativen Wechselwirkungen mit anderen – nötigen – Medikamenten. Tatsächlich sind jedoch viele der von vermeintlicher Altersdepression Betroffenen traurig über den Verlust von ihnen nahe stehenden Menschen. So tragisch das im Einzelfall ist, die mit steigendem Alter zunehmende Konfrontation mit dem Tod ist keine depressive Störung, sondern eine schmerzliche Erfahrung, die sozialer Hilfe, aber nicht zwingend einer Medikation bedarf.

Eine weitere Auswirkung der von Betriebswirten als angebotsinduzierte Medizin bezeichneten Entwicklung ist, dass Experten bereits davor warnen, dass zu viel geröntgt wird. Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz Wolfram König schätzt, dass in Deutschland pro Jahr 135 Millionen radiologische Untersuchungen vorgenommen werden. Das entspreche einer Quote von 1,6 pro Einwohner. Zahlen aus Österreich gibt es dazu keine. Tatsache ist aber, dass die Gerätedichte hier sogar noch höher ist als in Deutschland. Und die teuren Geräte müssen ausgelastet werden.

Ein anderes typisches Beispiel ist die Behauptung von Pharmaherstellern, wonach 43 Prozent aller Frauen an sexueller Dysfunktion leiden. Man hofft dabei auf einen ähnlichen Siegeszug wie mit Potenzpillen für Männer. Also versucht man Frauen einzureden, dass sexuelle Lustlosigkeit nicht durch Stress, Sorgen, eine belastende Beziehungen oder andere Umstände hervorgerufen wird, sondern dass sie krank sind. Und dass es dagegen bald ein probates Mittelchen gibt. Ja, es gibt sogar schon einen Namen für diese vermeintliche Krankheit: Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD).

Lösungen

Transparenz und mehr Kontrolle neuer medizinischer Angebote könnten den Trend zur Krankheitserfindung verhindern oder zumindest bremsen.

 

Wissenschaftler der Newcastle University in Australien prangern das sogenannte Disease mongering an, bei dem schlicht und einfach Krankheiten „beworben“ werden. So werden, vereinfacht gesagt, die Werbeverbote für Produkte umgangen. Man wirbt nicht für das Produkt, sondern warnt vor der Krankheit.

Oft vergessen werde angesichts dieser massiven Bewerbungen, dass von 1.000 Befindlichkeitsstörungen ungefähr 900 von den Betroffenen selbst gelöst werden können. Von den verbliebenen 100 Problemen, die die Menschen ins formale Krankenversorgungssystem führen, können 90 in der allgemeinmedizinischen Praxis geklärt werden. Von den verbliebenen zehn müssen neun zum Facharzt und nur ein Patient muss stationär ins Krankenhaus.

Experten fordern außerdem mehr Transparenz: Neben der Wirksamkeit sollten auch die Kosten von Leistungen und Interventionen und der damit verbundene Nutzen sichtbar gemacht werden. Speziell neue Technologien müssten einem unabhängigen sogenannten Health Technology Assessment (HTA) unterzogen werden. Dabei werden Technologien und Produkte auf ihren tatsächlichen Nutzen hin untersucht und bewertet. Derzeit gibt es in vielen europäischen Ländern noch viel zu wenig solcher unabhängigen Einrichtungen und meist sind sie von der öffentlichen Hand auch unterdotiert.

 

 Ende der Serie

Kasten:
Daten und Fakten
12.400 Krankheiten
So wie aus zwölf Produkten der pharmazeutischen Industrie im Jahr 1930 inzwischen etwa 12.000 geworden sind, hat sich auch die Zahl der Krankheiten auf über 12.400 erhöht. Immer mehr Menschen werden von einem industriellen Komplex aus Medizin, Pharmafirmen und anderen Profiteuren im Gesundheitsmarkt krank geredet. Der Wirtschaftstheoretiker Leo A. Nefiodow sieht im Gesundheitsbereich einen Megamarkt, der zur Wachstumslokomotive im 21. Jahrhundert werden könnte. Er stellt aber auch fest, dass Wachstum im derzeitigen Gesundheitswesen nur stattfinden kann, wenn es noch mehr Kranke und noch mehr Krankheiten gibt. Selbst die von ihm prognostizierten Zukunftsfelder brauchen vor allem etwas, und das in großer Zahl, nämlich die besorgten Gesunden, die sogenannten „worried well“.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundheitswesen als Querschnittsmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Experten neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit der beiden ÄrzteWoche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele. Das Buch ist seit kurzem auch auf der Shortliste zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 in der Kategorie Medizin/Biologie nominiert.

Von Martin Rümmele und Andreas Feiertag, Ärzte Woche 2 /2010

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