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Gesundheitspolitik 7. Jänner 2010

Die Unbeweglichkeit des Umfelds ...

...blockiert den Bewegungsdrang: Bewegung ist ein wichtiger Eckpfeiler der Gesundheit. Trotz dieser allgemein bekannten Tatsache gestaltet sich das gesamte Leben, vom Kindergarten bis zum Berufsalltag, zunehmend bewegungsfeindlich.  

Mit Kampagnen und Aktionen wird in vielen Ländern für gesundheitsfördernde Bewegung geworben. Der Erfolg ist nur mäßig, denn Schule und Beruf lassen sehr oft wenig Raum für körperliche Aktivitäten. Dazu kommen alles andere als bewegungsfreundliche Freizeitgewohnheiten.

„Bewegung ist ein wahres Wundermittel für die Gesundheit“, wirbt der Fonds Gesundes Österreich und erläutert in einer Broschüre: „Bewegung stärkt Herz und Muskeln, baut Stress ab und macht gute Laune. Bewegung macht fit und fördert die Gesundheit. Wer sich rundum gut fühlt, ist im Alltag belastbarer und einfach besser drauf.“ Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erinnert in regelmäßigen Abständen an die gesundheitsfördernde Wirkung von Bewegung. Dennoch nehmen in allen westlichen Industriestaaten chronische Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates zu, steigt die Anzahl der übergewichtigen Personen und gehen die Herz-Kreislauferkrankungen nicht zurück.

In Deutschland wurde im Rahmen einer Evaluierung der bundesweiten Kampagne „Bewegung und Gesundheit – jeden Tag 3.000 Schritte extra“ eine groß angelegte Befragung durchgeführt. Das Ergebnis zeigte eindeutig, das Interesse der Bevölkerung an Bewegung ist durchaus vorhanden: 75 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen Bewegung im Alltag als Maßnahme der gesundheitlichen Prävention sehr wichtig ist. Mehr als die Hälfte (54 %) schätzte das Motto „Jeden Tag 3.000 Schritte extra“ als geeignet ein, um Menschen anzuregen, sich mehr zu bewegen.

Marc Danzon, WHO-Regionaldirektor Europa

 

Doch die Realität sieht anders aus. Einer der Hauptgründe dafür, dass Wunsch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen, dürfte in der Arbeitsmarktsituation begründet sein. Laut verschiedener Umfragen in Deutschland hat etwa die Hälfte aller unselbständig Beschäftigten mehr oder weniger stark ausgeprägte Ängste, den Arbeitsplatz zu verlieren. Ähnliche Zahlen gibt es auch für Österreich. Wer derartige Ängste hat, tut sehr viel, um den Job nicht zu verlieren: Überstunden, kurze Mittagspausen und Mehrarbeit. Für tägliche Spaziergänge, Lauftraining oder Bewegungsübungen bleibt den meisten da kaum noch Zeit und Energie.

Mobilität bremst Bewegung

Wer denkt, Kinder haben es besser, der irrt. Bereits 8-, 9-Jährige sitzen oft fünf oder mehr Stunden ununterbrochen im Klassenzimmer. Zu Hause kommen dann oft noch Nachhilfestunden dazu, damit die Aufnahme ins Gymnasium auch wirklich klappt. Und weil Bewegung in den Augen mancher Politiker offenbar Luxus ist und nichts mit Lernen zu tun hat, wurden die Turnstunden laut Rechnungshof seit 2001 insgesamt um fünf Prozent gekürzt. Aus Kostengründen, wie es heißt. Über die Folgekosten für das Gesundheitssystem wurde allerdings nicht nachgedacht.

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, heißt es umgangssprachlich. Die Einführung von Schul- und Betriebsbussen war und ist zweifellos gut gemeint und meist auch tatsächlich gut. Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist ebenfalls eine gute Sache. All diese Verkehrsmittel haben aber einen gravierenden Nachteil: Sie hindern die Leute daran, sich zu bewegen. Und das fängt bereits beim Schulbus für Kinder an.

Neue Arbeitzeitmodelle, mehr Solidarität und eine bessere Verteilung von Arbeit könnten den Zeitdruck deutlich reduzieren, sind Experten überzeugt.

Die WHO definiert Bewegung als „jede alltägliche Bewegung. Dazu gehören Arbeit, Erholung und direkte sportliche Betätigungen“. Wenn man auf diese Weise die Bewegung zum Bestandteil des Alltags mache und sich 30 Minuten täglich bewege, wirke sich das in mehrfacher Weise positiv auf die Gesundheit aus: „Bewegung ist ein breiter Begriff für unterschiedlich intensive Betätigungen, die vom regelmäßigen Treppensteigen über Tanzen und schnelles Gehen bis zum Joggen, Radfahren und sonstigen Sporttreiben reichen. Dabei braucht die Bewegung nicht anstrengend zu sein, um ihren gesundheitsdienlichen Zweck zu erfüllen.“

Mehr Bewegung in der Schule

Es habe auch direkte Auswirkungen, wenn man sich etwa für eine körperlich aktive Art der Fortbewegung entscheide. Die Folge dieser Ratschläge sind unzählige Kampagnen, Aktionen, Initiativen und Veranstaltungen in praktisch allen Industriestaaten. Der Fonds Gesundes Österreich hat mit dem Gesundheitsministerium mit der Kampagne „Es ist nie zu spät, den ersten Schritt zu tun“ Ähnliches versucht. Ziel war es, Schwellenängste abzubauen und Menschen zu motivieren, den ersten Schritt in ein bewegteres Leben zu machen. Denn trotz regelmäßiger körperlicher Aktivität gehören die Österreicher zu den Bewegungsmuffeln: Rund 60 Prozent sind selten oder nie aktiv. Ein Ansatz, das zu ändern, könnte durch mehr regelmäßige und gezielte Bewegungsaktivitäten an den Schulen erreicht werden, indem die Turnstunden aufgestockt werden, fordert Wolfgang Dür, Direktor des Ludwig Boltzmann Institute for Health Promotion Research.

Mehr Bewegungsfreiheit in der Arbeitswelt könnte zum Beispiel bedeuten, dass „Bewegungspausen“ verpflichtend vorgeschrieben sind, wie etwa Mindest-Nachtruhe oder Mittagspause.

 

 Nächste Ausgabe: Wie uns das Gesundheitssystem krank macht.

Daten und Fakten
Lediglich 2,3 Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben des Jahres 2007 entfielen nach „System of Health Accounts“ laut Statistik Austria auf Prävention. Rund 45,7 Prozent wurden für die stationäre Gesundheitsversorgung und 25,0 Prozent für ambulante Gesundheitsversorgung ausgegeben. Der Rest wurde auf pharmazeutische Erzeugnisse, medizinische Ge- und Verbrauchsgüter, Krankentransport und Rettungsdienste sowie für die Verwaltung (3,1 %) ausgegeben. Nur 20 Prozent der Pflichtschulabsolventinnen betreiben wenigstens einmal pro Woche Sport, bei Akademikerinnen sind es immerhin 30 Prozent, und bei Männern sind es 26 und 34 Prozent.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundheitswesen als Querschnittsmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Experten neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit der beiden Ärzte Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele. Das Buch ist seit kurzem auch auf der Shortliste zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 in der Kategorie Medizin/Biologie nominiert. Die endgültige Entscheidung erfolgt über ein Publikumsvoting auf www.wissenschaftsbuch.at

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 1 /2010

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