zur Navigation zum Inhalt
Foto: flickr
 
Gesundheitspolitik 20. November 2008

Frankreich: Liberales System mit zahlreichen Tücken

Die gebürtige Vorarlbergerin Daniela Berchtold ist als Allgemeinmedizinerin vom französischen Gesundheitswesen sehr angetan. Sie ortet aber auch einzelne Probleme.

In Frankreich erhalten alle Ärzte einen Kassenvertrag. Das recht liberale System ermögliche zwar eine fast uneingeschränkte Niefderlassungsfreiheit für Mediziner, führef aber auch zu einem großen Konkurrenzdruck, meint die aus Vorarlberg stammende und in Straßburg tätige Allgemeinmedizinerin und Notärztin mit eigener Praxis Dr. Daniela Berchtold.

„Frankreich ist ein guter Platz zum Leben“, alles sei viel liberaler als in Österreich, schwärmt Dr. Daniela Berchtold. Besonders begeistert ist sie von den Kinderbetreuungseinrichtungen, die in Frankreich in allen Orten zu finden sind. „In Österreich hätte ich als Alleinerzieherin in manchen Regionen Probleme, meinen Beruf in Vollzeit auszuüben“, ist sie überzeugt. Mehr als 20 Jahre lebt die Allgemeinmedizinerin mit Unterbrechungen in Frankreich und sie ist entschlossen, in der „Grande Nation“ zu bleiben. Vor vier Jahren hat sie eine eigene Praxis für Allgemeinmedizin in Straßburg eröffnet und weiß seither: „Das macht man nur einmal, es kostet viel Zeit, Energie und Geld.“

Mittelamerika und Afrika

Nach der Matura ging Berchtold nach Paris, studierte ein Jahr Französisch an der Sorbonne ufnd anschließend zwei Jahre Französisch und Spanisch an der Universität Wien. Dann erst begann sie mit dem Medizinstudium. Nach der Promotion 1990 zog es sie wieder nach Frankreich. An der Universität Aix-Marseille II absolvierte sie eine Ausbildung für Tropenmedizin. „Das sollte eine Vorbereitung für Mittelamerika sein, ich wollte nach Nicaragua“, erinnert sich Berchtold. Es kam anders. Sie lernte ihren späteren Mann kennen, ging mit ihm drei Monate in den Kongo, kam wieder zurück, arbeitete zwei Jahre als Turnusärztin am Landeskrankenhaus Bregenz, ging dann wieder nach Marseille und absolvierte dort ihr drittes Turnusjahr. Von 1995 bis zum Frühjahr 1996 lebte sie mit ihrem Mann in Burkina Faso und arbeitete in Ouagadougou. Nach der Geburt ihres Sohnes machte sie eine Zeit lang Praxisvertretungen und arbeitete bei SOS Médecin in Aix-en-Provence, bis sie 2001 nach Straßburg übersiedelte.

„SOS Médecin, das ist eine Struktur, die es in dieser Form in Österreich nicht gibt“, erläutert Berchtold. Frei praktizierende Ärzte halten einen 24-Stunden-Einsatzdienst aufrecht und machen ausschließlich Hausbesuche. „Man kann entweder direkt bei SOS Médecin anrufen oder die Notrufzentrale informiert den Einsatzdienst und schickt ihn vorbei“, so Berchtold. Die SOS-Mediziner machen kleine ambulante Eingriffe, verschreiben Medikamente oder alarmieren die Rettung und überweisen jemanden ins Spital, wenn notwendig. Dieses System sollte, so Berchtold, Ambulanzen in den Spitälern entlasten, es habe aber zu vermehrtem Konkurrenzdruck bei niedergelassenen Ärzten geführt. „Jemand verlangt vom Hausarzt ein bestimmtes Medikament, der lehnt aus irgendwelchen Gründen ab, dann ruft der Patient einfach SOS Médecin – und schon hat er sein Medikament“, nennt Berchtold ein Beispiel. Hier soll nun gegengesteuert werden.

„Die Regierung hat beschlossen, dass jeder verpflichtend einen Hausarzt wählen und in einem Formular eintragen muss. Das heißt, die Leute können nicht mehr von sich aus einen Facharzt konsultieren, sie müssen vom Hausarzt überwiesen werden“, erklärt die Ärztin. Durch diese Regelung sollen Doppelgleisigkeiten bei Untersuchungen vermieden und die Verschreibungen von Medikamenten kontrolliert werden. Auch SOS  Médecin müsse bei jedem Einsatz einen Bericht an den Hausarzt des behandelnden Patienten schreiben. Auf diese Weise sollen die Kontrollen verstärkt und Einsparungen erzielt werden, die man auch in anderen Bereichen anstrebt. „Wir Ärzte haben einen Vertrag unterschrieben, dass wir 50 Prozent Generika verschreiben“, erzählt Berchtold. Wenn ein Patient unbedingt das Originalprodukt wolle, habe er das Recht darauf, aber der Arzt müsse das extra auf dem Rezept vermerken.

Grundsätzlich bezahlen in Frankreich die Patienten den Arzt direkt, entweder in bar oder mit Scheck, Bankomat- oder Kreditkarte. Der Arzt stellt den Krankenschein aus, gibt ihn dem Patienten und dieser kann mit dem Schein bei der Krankenkassa das Bezahlte wieder zurückholen. Auch das dient letztlich der Kontrolle und soll die Sparmoral heben. Keine Einsparungspläne gäbe es im französischen Gesundheitssystem in zwei Punkten – bei der Fortbildung und bei der Vorsorge, betont sie. „Die kontinuierliche Fortbildung wird finanziell sehr stark gefördert. Pro Jahr sind acht Fortbildungstage als Pflicht vorgeschrieben. Da gibt es Fortbildungsprogramme in ganz Frankreich zu verschiedenen Themen, pro Tag werden 30 Euro bezahlt.“ Gespart wird dagegen bei der Ausbildung der Mediziner. So sei die Bezahlung der Turnusärzte ganz schlecht, „weil der Turnus als Teil der Ausbildung betrachtet und dementsprechend gering bezahlt wird“. Das Geld fließe eben in spätere Fortbildungen und seit Neuestem in die Prophylaxe.

Derzeit laufen in Frankreich große Kampagnen zur Verbesserung der Vorsorgemedizin. Bisher sei es jedem Arzt überlassen gewesen, ob er Vorsorgeuntersuchungen durchführt oder nicht. „Es gibt keine Vorsorgemedizin in Frankreich wie in Österreich,“ sagt Berchtold. Derzeit werde mit einer Kampagne über die drei großen Krebsarten Darm-, Gebärmutterhals- und Prostatakrebs informiert und für Vorsorgeuntersuchungen geworben.

Das österreichische Gesundheitssystem bezeichnet die ins Elsass ausgewanderte Alemannin als „nach wie vor eines der besten“. Vor allem in der Vorsorgemedizin habe Österreich vor Jahrzehnten Pionierarbeit geleistet.

Berchtold hatte nach eigenen Angaben kein Problem, mit dem österreichischen Medizinstudium in Frankreich als Ärztin zu praktizieren. „Als Ausländer aus bestimmten Ländern Europas wird das Diplom anerkannt, es muss natürlich übersetzt und beglaubigt werden, dann kann man sich in der Ärztekammer eintragen und praktizieren.“ Es werde nicht die Zahl der zugelassenen Ärzte nach einem Bevölkerungsschlüssel festgelegt und auch nicht, wie viele Ärzte und Ärztinnen und wer von ihnen einen Kassenvertrag bekommt. Jeder Mediziner, der eine entsprechende Ausbildung vorweise, müsse auch einen Kassenvertrag erhalten und könne sich niederlassen, wo immer er wolle, ob in der Stadt oder auf dem Land, ob in einer Gemeinschaftspraxis oder alleine.

Enormer Konkurrenzdruck

Dieses liberale Gesundheitssystem sei zwar positiv zu bewerten, bringe jedoch auch Nachteile mit sich. Die Niveauunterschiede zwischen niedergelassenen Ärzten seien sehr hoch, es gebe große Disparitäten zwischen Stadt und Land. Ein Allgemeinmediziner könne in seiner Praxis ziemlich alles tun, was er gut kann, aber auch Dinge weglassen. Während es am Land teilweise zu wenige Ärzte gebe, sei die Ärztedichte in Städten und im Umfeld von Städten dagegen sehr hoch, was zu erheblichem Konkurrenzdruck führe. „In der Stadt muss ein Arzt die Praxis auch am Samstag geöffnet haben, sonst suchen sich die Patienten einen anderen.“ Berchtold hat das Problem nicht. Sie hat sich ein zweites Standbein geschaffen, ist in Teilzeit als Ärztin bei der Rettungsleitzentrale angestellt.

Lesen Sie weitere Teile der Ärzte-Woche-Serie "Auslandsmediziner schildern ihren Alltag":

Kanada: Ein Land, in dem die Ärzte die Freiheit schätzen

Italien: Gesundheitssystem in öffentlicher Kritik

Peru: Unterversorgung und Boom bei Schönheits-OPs

Schweden: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Großbritannien holt im Gesundheitswesen auf

Niederlande: Ambivalente Meinungen über Reform

Deutschland: Von Innsbruck nach Berlin: Den Rechenstift im Kopf

Norwegen hat ein gesundes Luxusproblem

Rekordverdächtiges Tempo bei Reformen in Finnland

Nicaragua macht sich auf den Weg aus der Armut

Spanien, Land der langen Patienten-Wartelisten

Wie der König Thailands das Rauchen stoppt

Indien: Gute Ausbildung, aber fehlende Infrastruktur

Hohe Kindersterblichkeit im goldreichen Ghana

Israel: Bei medizinischer Versorgung beispielhaft

In Belgien wird der Patient sofort zur Kassa gebeten

Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet

KennwerteFrankreichOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 2.979 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 11,1 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 31.048 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 79,7 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 79,5 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 6,9 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 14,8 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 15,2 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 2,7 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 357 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben

Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten

In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.

 

Von Birgit Köhlmeier und Martin Rümmele, Ärzte Woche 47/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben