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Foto:  Begsteiger
Die Krise spürt wohl bald jeder Arzt im eigenen Geldbörsel. Und in die Gebarungen der ohnedies bereits unter Geldmangel leidenden Krankenkassen könnten durch eine Rezession noch größere Finanzlöcher gerissen werden.
 
Gesundheitspolitik 20. November 2008

Blanker Medizinbetrieb

Die Finanzkrise der Marktwirtschaft trifft auch das Gesundheitswesen.

Neben den Krankenkassen müssen vor allem auch viele Ärzte „bluten“, die ihr Geld Banken, Fondsgesellschaften und Anlageberatern anvertraut haben.

 

Eigentlich war er vorgewarnt. Der oberösterreichische Internist Herbert M. (Name der Redaktion bekannt und geändert) hat vor drei Jahren rund 150.000 Euro bei der Pleite der Finanzgesellschaft Amis verloren. Damals wurden Kundengelder von etwa 16.000 Anlegern mit einem Volumen von 64 Millionen Euro widmungswidrig verwendet bzw. entwendet. Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen bis zu 80 Prozent der Amis-Geschädigten Ärzte gewesen sein, denn die Fondsmanager hatten sich ursprünglich auf Vertreter von Gesundheitsberufen spezialisiert gehabt.

So geläutert vertraute M. doch lieber wieder seiner Bank – einem der fünf großen Institute in Österreich. Gut beleumundet, gut aufgestellt, beste Bonitätsnoten der internationalen Ratingagenturen. Der Spezialist der Bank hatte M. zum Ansparen mit einem gemischten Fonds geraten, in dem einige Teile Aktien gebündelt waren. Die Performance des Fonds war in den vergangen Jahren durchaus gut. Also zögerte M. auch nicht, als ihm sein Bankberater weitere lukrative Anlagemöglichkeiten präsentierte.

Diese und der einst positive Fonds sind heute noch 40 Prozent dessen wert, was M. eingezahlt hat. Denn seine Bank hat wie die meisten anderen auch Geschäfte gemacht mit amerikanischen Investmentbanken (von denen gerade noch zwei nur dank staatlicher Hilfe überlebt haben), mit stark expandierenden Banken in Island (deren Spekulationen nun das ganze Land in die Pleite gerissen haben) und mit Steueroasen. Der einzige „Trost“ für den Internisten: Er ist nicht der einzige Anleger, der in der aktuellen Finanzkrise viel Geld verloren hat.

Blutende Ärzteschaft

Ärzte waren immer schon begehrtes Zielpublikum von Banken und Anlagegesellschaften. Und gerade diese Berufsgruppe gehört nun stark zu den Verlierern der Krise. Die Ärzte sind aber nicht die Einzigen, die in der Krise bluten müssen. Auch einzelne Krankenkassen haben Geld verloren. So ist etwa auch die Unfallversicherung (AUVA) in den Strudel der Finanzkrise geraten. Wie AUVA-Obmann Hans Jörg Schelling vor wenigen Tagen mitteilte, seien Veranlagungen im Ausmaß von insgesamt 29 Mio. Euro betroffen. Zwölf Millionen davon seien definitiv verloren, bei den anderen 17 Millionen Euro bestehe noch Hoffnung auf eine Erholung. Dem Vernehmen nach geht es um Papiere der inzwischen Pleite gegangenen Investmentbank Lehman Brothers sowie Investments in Island. Die Summe sei aber weniger als zehn Prozent der gesamten Veranlagungen am Geld- und Kapitalmarkt.

Kranke Kassen

Szenenwechsel: Am Landesgericht Feldkirch wird in den nächsten Tagen der Prozess um das negativ verlaufene Zins-Swap-Geschäft der Vorarlberger Gebietskrankenkasse (VGKK) fortgesetzt. Die Bank Austria brachte, wie berichtet, Klage gegen die Kasse ein, da der Bank durch die vorzeitige Kündigung des Geschäfts ein Schaden von mehr als 2,3 Millionen Euro entstanden sein soll. Bereits im März 2007 war bekannt geworden, dass die VGKK vor neun Jahren rund 60 Millionen Euro Versicherten-Gelder in Fonds angelegt hatte. 2005 soll sich die VGKK entschlossen haben, die erzielten Gewinne in einem Swap-Geschäft gegen eine ungünstige Zinsentwicklung abzusichern. Nach einem kurzzeitig positiven Verlauf nahm dieser Swap dann eine negative Entwicklung. Nachträglich habe sich herausgestellt, dass eine Bewilligung dafür nötig sei, weil die Bank nicht jene Geschäfte getätigt haben soll, die ausgemacht waren; die Genehmigung dafür sei deshalb vom Gesundheitsministerium nicht erteilt worden, sagt VGKK-Obmann Manfred Brunner. Daher habe man das Geschäft rückabgewickelt.

Für Hauptverbandsgeschäftsführer Josef Kandlhofer sind die beiden Sozialversicherungen Einzelfälle. Er geht davon aus, dass andere Kassen nicht von Finanzspekulationen betroffen sind, sagte er kürzlich bei der Gesundheitstagung „Puls“ in Wien. Denn die Kassen hätten ihr Geld großteils in Staatsanleihen angelegt beziehungsweise die Schulden vor allem staatlich abgesichert.

Allerdings könnte die Finanzkrise die Kassen ganz anders treffen, nämlich dann, wenn eine Rezession zu steigenden Arbeitslosenzahlen und damit sinkenden Einnahmen bei den Kassen führt, fürchtet WGKK-Obmann Franz Bittner. Bei einem Gesamtbudget von 13,8 Milliarden Euro wird der Gebarungsabgang 2008 aller 19 Krankenkassen nach der jüngsten Vorschau des Hauptverbands heuer bei minus 286 Millionen Euro liegen. Doch das ist nicht das einzige Problem der Krankenkassen. Trotz Mehrwertsteuersenkung und Solidarbeitrag der Pharmaindustrie steigen die Arzneimittelkosten aufgrund massiver Mengenzuwächse. Ist die Wirtschaftslage schlecht, steigt erfahrungsgemäß der Arzneikonsum in der Bevölkerung.

Drückende Schuldenlast

Dazu kommt der hohe Schuldenstand der Kassen. „Unsere Schulden betragen 22 Prozent des Jahresumsatzes“, sagte Bittner kürzlich in einem Zeitungsinterview. Seit 2003 hätten die Gebietskrankenkassen allein für Zinsen 100 Millionen Euro gezahlt; das haben die Grünen aus Anfragen an das Sozial- und Gesundheitsministerium errechnet.

Sie und Bittner fordern deshalb von der künftigen Regierung eine Entlastung der Kassen und eine Reform, die verhindert, dass neue Verluste entstehen. Es könne nicht sein, dass die Regierung allein in Österreich den maroden Banken 100 Milliarden Euro zur Sanierung zur Verfügung stelle und die Krankenkassen weiterhin austrockne, kritisiert Bittner.

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Die Krise spürt wohl bald jeder Arzt im eigenen Geldbörsel. Und in die Gebarungen der ohnedies bereits unter Geldmangel leidenden Krankenkassen könnten durch eine Rezession noch größere Finanzlöcher gerissen werden.

Von Martin Rümmele, Ärzte Woche

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