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Eine umfassende Förderung von Selbsthilfegruppen würde vielen Patienten zugute kommen.
 
Gesundheitspolitik 9. Dezember 2009

Studie: Selbsthilfe braucht mehr Unterstützung

„Fleckerlteppich“ an Förderungen verhindert mehr positive Effekte für Gesundheit und Krankheitsbewältigung.

Erstmals wurde in einer Studie des Instituts für Soziologie der Universität Wien und des Ludwig Boltzmann Instituts Health Promotion Research die Landschaft gesundheitsbezogener Selbsthilfegruppen in Österreich genauer analysiert. Demnach gibt es insgesamt rund 1.700 Gruppen und Organisationen, also etwa 20 pro 100.000 Einwohner.

 

„Österreich liegt gleichauf mit der Schweiz, aber deutlich hinter Ländern wie Deutschland“, analysiert Studienleiter Prof. Dr. Rudolf Forster. Als Zielgruppe haben drei Viertel der Gruppen die von Krankheiten Betroffenen, bei zwölf Prozent haben sich Angehörige zusammengeschlossen, bei weiteren zwölf Prozent Betroffene und Angehörige.

Viele der Gruppen pflegen enge Beziehungen zu einzelnen Ärzten aus verschiedenen Fachrichtungen – teils haben diese die Gründung unterstützt und halten laufend engen Kontakt. Aus den qualitativen Interviews der Studie mit Ärzten und anderen Stakeholdern des Gesundheitsbereichs wird deutlich, dass diese vor allem die durch die Gruppen mögliche wechselseitige Unterstützung von Betroffenen als wichtig und wirkungsvoll erleben. Einen hohen Stellenwert hat weiters der durch die Kooperation mit Selbsthilfegruppen mögliche Zugang zu persönlichem Erfahrungswissen.

„Die laufende Tätigkeit – Gesprächsgruppen zum Erfahrungsaustausch, Einzelberatung und Informationsarbeit – wird hauptsächlich durch ehrenamtliche Eigenleistungen ermöglicht, aber viele Gruppen sind an den Grenzen ihrer Möglichkeiten“, so Forster weiter. 80 Prozent aller Selbsthilfegruppen oder -organisationen haben ein Jahresbudget von unter 5.000 Euro, vor allem die größeren Gruppen klagen über zu wenig Unterstützung von außen.

Unterstützungsstellen auf Landesebene

Auf Landesebene gibt es Unterstützungsstellen für Selbsthilfegruppen. Sie fördern Startphase und laufende Aktivitäten, bieten Fortbildungen an und koordinieren die Tätigkeiten, etwa bei Ansuchen um Förderungen. Die Länder unterstützen diese Stellen und auch einzelne Gruppen finanziell oder durch Bereitstellung von Räumen. Weiters stehen den Gruppen projektorientierte Mittel unter anderem vom Fonds Gesundes Österreich, von Krankenversicherungsträgern und dem Bundessozialamt zur Verfügung. Forster kritisiert, dass „es auf Bundesebene weder eine öffentlich finanzierte Einrichtung gibt, die inhaltliche und organisatorische Unterstützung für bundesweit tätige Gruppen und Verbände bereit stellt, noch eine finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand institutionalisiert ist“.

Verstärkte finanzielle Förderung

Im Regierungsübereinkommen ist eine stärkere Förderung der Tätigkeit von Selbsthilfegruppen geplant. Das Hoffen und Bangen auf Projektmittel soll durch eine gesicherte Finanzierung der Vergangenheit angehören. Gleichzeitig soll eine bessere Abstimmung der Aktivitäten von Selbsthilfegruppen unterstützt werden. Forster fordert zudem die Weiterentwicklung und Absicherung der Unterstützungsstellen für Selbsthilfegruppen auf Landesebene. Weiters nötig sei eine höhere Grundfinanzierung einzelner Selbsthilfegruppen sowie finanzielle und sachliche Unterstützung für Beratungsleistungen oder Beteiligung an Projekten wie Disease-Management-Programmen. „Stakeholder des Gesundheitswesens müssten verpflichtet werden, mit Selbsthilfegruppen eng zusammen zu arbeiten“, so Forster. Zudem brauche es klare Regeln, wenn Selbsthilfegruppen auch mit Mitteln aus der Privatwirtschaft, etwa von Pharmaunternehmen, arbeiten.

Interessensvertretung für Patienten

Aus Forsters Sicht würde die Unterstützung von Selbsthilfegruppen dazu beitragen, über diese auch Interessen von Patienten verstärkt zu vertreten. „Beteiligung – also die Mitwirkung an der Gestaltung des Gesundheitswesens und seiner Leistungen – von Patienten- und Angehörigenorganisationen ist in Österreich kaum institutionalisiert“, kritisiert der Experte.

Für Forster wäre wichtig, Vertreter von Selbsthilfegruppen auch auf Ebenen wie den Landesgesundheitsplattformen einzubeziehen – gleichzeitig würde es um Mitgestaltung von Angeboten in einzelnen Spitälern in Fragen des Leistungsangebots und der Qualitätssysteme oder auch um die Weiterentwicklung der Angebote der Sozialversicherungen gehen. „Die Ressourcen und vielfältigen Möglichkeiten von Selbsthilfegruppen werden derzeit insgesamt viel zu wenig gefördert oder von der Gesundheitspolitik aktiv genutzt“, fasst Forster zusammen.

Webtipp
Erste Studienergebnisse, UniWien

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 50 /2009

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