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Gesundheitspolitik 9. Dezember 2009

„Geschwüre“ im Gesundheitssystem

Prim. Dr. Günther Leiner: „Die Entscheidungsträger werden von Machtinteressen wirtschaftspolitischer, parteipolitischer und standespolitischer Art geleitet, und da setzt oft die Vernunft aus.“

Ein langjähriger profunder Kenner des österreichischen Gesundheitssystems ist Prim. Dr. Günther Leiner, Facharzt für Innere Medizin, von 1990 bis 2001 Abgeordneter zum Nationalrat (ÖVP), Mitbegründer und derzeitiger Präsident des Europäischen Gesundheitsforums Gastein (EHFG, siehe Kasten). Sein Wort hat daher Gewicht. Anlässlich des Podiumsgesprächs im Parlament kritisierte er die Spitalslastigkeit unseres Gesundheitssystems, die festgefahrenen Machtverhältnisse sowie die fehlende Patientenorientiertheit heftig und provokant. Im Folgenden eine Zusammenfassung seiner mitunter emotionalen Stellungnahme.

 

In einem Papier des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger zum Thema „Gesundheitsfinanzierung sichern“ mit dem Titel „Langfristige Potenziale zur Steuerung der Ausgaben und zur nachhaltigen Kostenlenkung“ wird unter Punkt 4.6. „Maßnahmen im Bereich der Landesgesundheitsfinanzierten Krankenanstalten, Problemstellungen und Lösungen“ betont: „Grundsätzlich könnte in Österreich eine ausgeprägte Krankenhauslastigkeit des Gesundheitssystems diagnostiziert werden“ – aus meiner Sicht nicht „könnte“, sondern „ist“. Das ist halt vorsichtig ausgedrückt, na gut.

Österreich liegt bei den Gesamtausgaben für stationäre Leistungen, Anzahl der Akutbetten und Krankenhaustage in der Akutversorgung bei 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Vergleich zu einem OECD-Mittelwert von 3,5 Prozent. Anzahl der Akutbetten: 6,1 pro 1.000 Einwohner im Vergleich zu 4,0, Krankenhaustage 1,8 Tage pro Kopf im Vergleich zu 1,2 Tagen. Auch die Einweisungsrate von 27 Prozent liegt über dem Europaschnitt von 18 Prozent.

Dieses Problem kenne ich seit 1990. Es hat sich im Grunde nichts wirklich geändert. Ich war bei vielen Sitzungen, wo immer wieder das Gleiche gesagt wurde und herausgekommen ist – über 20 Jahre hinweg. Das oben erwähnte Papier des Hauptverbandes ist ein gut fundiertes, zukunftsweisendes Papier, und das Gesundheitsministerium ist seit vielen Jahren bestrebt, Gesundheitspolitik für die Bevölkerung zu machen – das möchte ich sehr betonen.

Was Österreich bremst

Warum kommen wir in Österreich mit unseren Vorstellungen und vernünftigen Überlegungen dennoch nicht weiter? Erstens wird bei der Finanzierung immer nur über die Finanzierung des Systems gesprochen, der Krankenhäuser, der Ärzte, der Medikamente, der Heilmittel. Das ist ein Fass ohne Boden. Man gliedert aus, man reduziert das Personal, und das ist bereits ein falscher Schritt.

Zweitens: Die Entscheidungsträger werden von Machtinteressen wirtschaftpolitischer, parteipolitischer und standespolitischer Art geleitet, und da setzt oft die Vernunft aus. Immer wo Macht ist, setzt die Vernunft aus – sonst würde es keinen Krieg geben. Die derzeitige Finanzkrise wird sicher nicht gelöst werden können, solange diese Machtinteressen nicht hinter die Bedürfnisse der leidenden Menschen zurückgestellt werden.

Operationen teuer und riskant

Eine Studie aus den USA aus Michigan, in der die Todesursache von 141.000 Patienten nach Operationen analysiert wurde, zeigt, wie wichtig der Faktor Erfahrung ist. Beispielsweise liegt die Todesrate bei Entfernung der Prostata in Spitälern mit den meisten Eingriffen bei 0,04 Prozent. In den ungeübtesten hingegen bei 0,3 Prozent. Das Risiko ist hier um das Zehnfache höher. Eine Gallenblasenentfernung kostet an den kleinsten Abteilungen 3,7 Prozent der Patienten das Leben, an den größten nur 1,9 Prozent. Auch für Österreich liegen Zahlen vor, welche die Bedeutung des Faktors Erfahrung unterstreichen. So haben die Auswertungen des Instituts für klinische Epidemiologie der Uni Innsbruck gezeigt, dass an Abteilungen mit weniger als elf Brustoperationen pro Jahr die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu sterben, um 40 Prozent höher liegt als im Durchschnitt. An einer Abteilung mit zwölf bis 23 Brustoperationen liegt die Sterblichkeit noch um zehn Prozent höher als in spezialisierten Brustzentren. Hier gäbe es noch viele Beispiele. Ich möchte damit nur aufzeigen, dass bei kleinen Abteilungen nicht nur Einsparungspotenzial vorhanden ist, sondern auch deutlich gezeigt wurde, dass menschliches Leiden und vermehrte Todesfolgen auftreten. Das jährliche Sparpotenzial wird übrigens vom Rechnungshofpräsident Moser mit 2,9 Milliarden beziffert, wenn man vernünftig mit den Krankenhäusern umgehen würde. Das WIFI hat von 1,5 Milliarden und ein Gesundheitsökonom von 1,4 Milliarden Euro gesprochen.

Ethisch nicht vertretbar

Selbst wirtschaftspolitische Überlegungen im Sinne einer regionalen Strukturpolitik lassen sich vor diesem Hintergrund ethisch nicht mehr vertreten. Bei all diesen Finanzierungsüberlegungen des Gesundheitssystems wird der Mensch als Person nur sekundär berücksichtigt. Würde das System von der Seite des Patienten betrachtet, würde man sich fragen: wann, wo, wie oft, zu welchem Zeitpunkt braucht ein Patient die entsprechende Behandlung? Dann würde man vielleicht auch überlegen, dass man viele teure Apparate nur in bestimmten Schwerpunktkrankenhäusern braucht. Dass der Patient nicht alle vorliegenden Untersuchungen durchmachen müsste und die Medizin kostengünstiger und menschlicher würde. Solange sich die Machtpositionen und Einstellungen nicht ändern, wird es in Österreich keinen weiteren Fortschritt in der Gesundheitspolitik geben. Trotzdem bin ich überzeugt, dass wir in Österreich eines der besten Gesundheitssysteme haben. Aber stehen bleiben ist immer ein Rückschritt.

 

Quelle: Podiumsgespräch „Gesundheit im Zeichen der Krise“, 12. November 2009, Wien

Kasten:
European Health Forum Gastein
Das EUROPEAN HEALTH FORUM GASTEIN (EHFG) wurde 1998 als europäische gesundheitspolitische Konferenz gegründet, mit dem Ziel, eine Diskussionsplattform für alle von gesundheitspolitischen Entscheidungen betroffenen Gruppen zu bieten. Seither hat sich das EHFG durch die Zusammenführung von Politikern, Entscheidungsträgern, Interessensvertretern und Experten aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Industrie, Zivilgesellschaft sowie Wissenschaft und Forschung zu einer einzigartigen, alljährlich stattfindenden Veranstaltung entwickelt. Diese vier Gruppen mit ihren jeweiligen Perspektiven stellen die vier Säulen des EHFG dar.
Die Integration verschiedener nationaler, regionaler und europäischer Perspektiven fördert den Austausch von Meinungen und Erfahrungen sowohl zwischen den Schlüsselakteuren der 27 EU-Mitgliedsstaaten, den EWR-Staaten und den restlichen 52 Ländern der Region Europa der WHO.

Nachdem das EHFG durch substanzielle Anschubfinanzierung der Europäischen Kommission ins Leben gerufen wurde, sind die Folgeveranstaltungen durch die kontinuierliche und verstärkte Zusammenarbeit mit Dienststellen der Europäischen Kommission weiter gewachsen und gipfelten in der ersten Präsentation der neuen EU-Gesundheitsstrategie vor einem breiten Publikum auf dem EHFG 2000. In diesem Sinne kann das Forum als ein Pilotprojekt und Referenzpunkt für zukünftige Konsultationsprozesse zwischen Kommission und Zivilgesellschaft angesehen werden.
Der mittlerweile bedeutendste Gesundheitskongress Europas fand heuer im Oktober zum 12. Mal statt und lockte rund 600 Teilnehmer und etwa 40 internationale Journalisten an.

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