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Gesundheitspolitik 9. Dezember 2009

„Verteilungskämpfe werden deutlicher“

Bei einem prominent besetzten Podiumsgespräch im Parlament diskutierten Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Ärzte- und Wissenschaft zum Thema „Gesundheit im Zeichen der Krise“.

Negative Auswirkungen der Krise auf die öffentliche Gesundheitsversorgung sowie auf die Gesundheit der Bevölkerung zählen zu potenziellen Folgewirkungen der aktuellen wirtschaftlichen Situation. Moderiert vom Ärzte Woche-Mitarbeiter, Buchautor und Gesundheitsjournalisten Martin Rümmele, diskutierten Experten über Schwachstellen wie zum Beispiel die heftigen Verteilungskämpfe sowie mögliche Lösungsoptionen wie vernetzte Versorgungssysteme im heimischen Gesundheitswesen.

 

Diplomé Alois Stöger (Bundesminister für Gesundheit), Dr. Maria Hofmarcher-Holzhacker (Senior Researcher, Gesundheit Österreich GmbH), Andrea Amonn (European Centre for Disease Prevention and Control) sowie Prim. Dr. Günther Leiner (Facharzt für Innere Medizin, Abgeordneter zum Nationalrat a.D., Mitbegründer und Präsident des European Health Forum) nahmen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Bevölkerung und das heimische Gesundheitswesen kritisch unter die Lupe, analysierten Chancen und Verbesserungsstrategien. Die Fragen stellte Martin Rümmele.

 

Wie sehen Sie die Auswirkungen der Krise auf die Menschen?

AMMON: Die Krise hat wohl Auswirkungen auf die Gesundheit, in welcher Weise, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Manche Studien zeigen, dass die Krise schlank macht, andere Studien, dass Leute mit weniger Geld zu Nahrungsmitteln von schlechterer Qualität greifen und damit das genaue Gegenteil bewirken. Hier besteht noch Forschungsbedarf.

 

STÖGER: Aus meiner Sicht hat die Krise Auswirkungen auf das Gesundheitssystem, auch auf das Gesundheitsempfinden der Bevölkerung. Wir wissen, dass Krisen Einflüsse auf Beschäftigung, Einkommen, Bildungssystem und Wohnverhältnisse haben und natürlich Druck auf das gesamte Sozial- und Gesundheitssystem machen. Und in dieser Summe macht die Krise auch arm und krank. Es ist auch belegt, dass ärmere Menschen auch kränker sind. Nicht nur werden Arbeitslose häufiger krank. Auch viele Angestellte werden durch den Druck, den die Krise erzeugt, aufgrund psychischer Belastungen arbeitsunfähig und frühpensioniert.

 

Gibt es beispielsweise bei der Gesundheit Österreich GesmbH Überlegungen, die Zusammenhänge genauer zu untersuchen und genauere Daten zu erarbeiten?

HOFMARCHER-HOLZBAUER: Die Gesundheit Österreich GmbH ist eine dafür absolut geeignete Institution, kann das aber natürlich nur im Rahmen eines Auftrages machen. Wir sind hier in Österreich träge, aber auch in anderen Ländern wird erst begonnen, darüber nachzudenken, wie man durch noch zu entwickelnde Monitoring-Tools eine bessere Datenlage und Übersicht bekommt, um auch besser gewappnet zu sein.

 

In welchen Ländern Europas wird dazu geforscht, gibt es laufende oder geplante Untersuchungen?

AMMON: Unser Zentrum beschäftigt sich nur mit Infektionskrankheiten, also nur mit einem kleinen Teil innerhalb des Gesundheitswesens. Für diese Infektionskrankheiten haben wir einige, allerdings noch nicht ausreichende Informationen über den Einfluss von sozialen Determinanten. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit den Kollegen aus den Mitgliedsstaaten verstärkt Wissen zu bestimmten Krankheiten, z.B. HIV-Aids, Tuberkulose, und auch auf die sozialen Determinanten im Zeitverlauf zu sammeln – aber da gibt es noch eine Menge zu tun.

 

Um die Komplexität dieses Themas zu illustrieren: Eine Studie aus Amerika ergab, dass sich in der Krise in Kalifornien das West Nil-Virus stärker ausgebreitet hat. Die Ursachenanalyse hat gezeigt, dass viele Häuser verlassen wurden, weil sich viele Leute diese nicht mehr leisten konnten. In der Folge wurden die Swimming Pools nicht mehr gereinigt, sind veralgt und zu idealen Brutstätten für das Virus geworden. Herr Präsident Leiner, was erleben Sie im medizinischen Alltag?

LEINER: Mir ist im Laufe der Jahre aufgefallen, dass die Gesundenuntersuchung, wie sie derzeit durchgeführt wird, sinnlos ist. Die Patienten kommen im Folgejahr mit den gleichen Problemen wieder, mit den gleichen Begehren, kein Kilo abgenommen, das Rauchen nicht aufgegeben, der Alkoholgenuss in gleicher Menge. Was fehlt, ist, dass wir den Menschen wirklich erfassen. Wir brauchen auch eine Medizin der Gefühle. Die Menschen sind überlastet. Ja, wie kann man denn von jemandem, der psychisch total fertig ist, verlangen, noch etwas zu tun? Der wird halt zum Glaserl greifen, damit er irgendwie über die Runden kommt, und aus Frust zu viel essen. Wenn wir den Patienten nicht an die Hand nehmen und ihm helfen, zu trainieren, und ihm über seine Schwierigkeiten hinweghelfen, dann werden wir nichts erreichen. Deshalb gibt es so große Probleme mit Prävention, wir erreichen nichts, wenn wir die Patienten nicht wirklich begleiten. In Tirol läuft beispielsweise ein Projekt, in dem Patienten ein Jahr lang wöchentlich begleitet werden, mit Lauf-Training und Gesprächen mit dem Arzt, dem Gesundheitstrainer und gegebenenfalls dem Psychotherapeuten. So werden sie langsam zu einem gewissen Selbstbewusstsein und einer Selbstfindung hingeführt. Natürlich kostet das etwas, keine Frage, aber aus meiner Sicht ist dies der einzig richtige Weg.

 

Bietet die Krise auch die Chance, unter dem Finanzdruck notwendige Reformen leichter angehen zu können?

HOFMARCHER-HOLZBAUER: Es wird noch heftigeren Widerstand geben. Ich möchte gerne vor der Illusion warnen, es käme eine Reform wie ein Hexenstab und die Welt ist schön und gut. So wird es nicht sein. Denn wie in allen Leistungsbereichen werden wir nur graduelle Veränderungen erleben. In letzter Zeit ist in Österreich sehr viel passiert, aber nicht genug. Das Problem ist der Zickzackkurs, weil er Ausdruck von Unklarheiten und widerstreitenden Kräften und Mächten ist, die natürlich in einem größeren Kontext zu betrachten sind, weil hier auch eine bestimmte österreichische „Weltordnung“, die nach 1945 sehr gut etabliert war, Verschiebungen erlitten hat. Dadurch ist viel Misstrauen zwischen den Akteuren entstanden, hier sollte das Vertrauen gestärkt werden, damit sichergestellt ist, dass inhaltliche Ziele über die Zeit verfolgt werden.

 

Hält die 15a-Vereinbarung, die die Finanzierung, den Finanzausgleich generell zwischen den Ländern und dem Bund regelt, oder werden die Länder früher um zusätzliches Geld kommen?

STÖGER: Zuerst zur Frage der politischen Macht und des politischen Umgangs, auch mit Widersprüchlichkeiten: Die reale politische Macht führt dazu, dass im gesamten Bereich der Gesundheit Einzelinteressen vertreten werden. Wenn es hart auf hart geht, schlagen die Einzelinteressen sehr oft die Interessen der Patienten. Ich behaupte: Wenn wir ganz radikal die Interessen der Patienten in den Mittelpunkt rücken, würden andere Managemententscheidungen im gesamten Gesundheitssystem in vielen Teilbereichen notwendig sein. Jeder Patient will die richtige Leistung haben, egal, wer es finanziert.

Die zweite Frage ist: Wie können wir regionale Versorgungsstrukturen so aufrechterhalten, dass es für die betroffenen Menschen auch noch attraktiv ist, in diesen Regionen zu arbeiten? Und wenn aus Qualitätsperspektive sichtbar wird, dass in gewissen Krankenanstalten Leistungen nicht mehr qualitätsvoll erbracht werden können, müssen diese Leistungen klarerweise verändert werden. Mir fehlt völlig das Verständnis dafür, dass gleiche Leistungen in nahegelegenen Orten doppelt zur Verfügung stehen. Es führt kein Weg an vernetzten Versorgungssystemen vorbei, dazu gibt es viele Diskussionen, Tagungen, Weiterentwicklungen. Wir sind diesem Schritt sehr nahe, es gibt aber auch Rückschläge. Die Niederösterreichische Ärztekammer hat im Zusammenhang mit der Diabetesversorgung einen großen Rückfall gemacht. Insgesamt kommen wir jedoch auf diesem Gebiet weiter.

Zum Thema 15a-Vereinbarung: Ich gehe davon aus, dass sie bis 2013 hält, aber ich gehe auch davon aus, dass die Krise dazu führt, die nächste Vereinbarung über die Finanzierung des Gesundheitssystems mehr an den Patienteninteressen zu orientieren.

 

Haben Sie den Eindruck, dass die Verteilungskämpfe im Gesundheitswesen vor dem Hintergrund der Krise zunehmen?

AMMON: Ich glaube, die Krise macht die Verteilungskämpfe nur deutlicher, sie waren immer schon vorhanden, allerdings verdeckter. Jeder versucht nach wie vor, für sich und seinen Bereich möglichst viel herauszuholen.

 

Quelle: Podiumsgespräch „Gesundheit im Zeichen der Krise“, 12. November 2009, Wien.

Von Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 50 /2009

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