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Österreichs Nachbarstaat Italien: Den Pressemeldungen, wonach das dortige Gesundheitssystem ein Sumpf sei, widersprechen in Italien lebende Ärzte.
 
Gesundheitspolitik 14. November 2008

Italien: Gesundheitssystem in öffentlicher Kritik

Medienberichte entsprächen nicht immer den Tatsachen: Italiens Gesundheitssystem sei allen Vorurteilen zum Trotz ein gutes, meint Dr. Wilhelmine Schmid aus Turin.

Die Politik ist von Krisen und das Gesundheitssystem von Skandalen geprägt – dieses vorwiegend über Medien transportierte Italien-Bild widerspricht jedoch den Erfahrungen österreichischer Ärztinnen und Ärzte, die seit Jahren auf der Apenninenhalbinsel leben und arbeiten. Schwarze Schafe seien die Ausnahme, meint etwa Kieferorthopädin Dr. Wilhelmine Schmid.

Das italienische Gesundheitssystem wird von Medien, auch von österreichischen, gerne als Sumpf aus Intrigen, Betrügereien und anderen Skandale dargestellt. Der Präsident der süditalienischen Region Abruzzen ist erst vor wenigen Wochen festgenommen worden. Ihm und 34 Unternehmern und Lokalpolitikern wird Geldwäsche und Bestechung vorgeworfen. Firmen sollen Schmiergelder gezahlt haben, um Aufträge aus dem Gesundheitssystem zu bekommen.

Einige Patienten gestorben

Nur einen Monat zuvor sind 13 Ärzte und der Besitzer der Klinik Santa Rita in Mailand festgenommen worden. Sie werden beschuldigt, die Krankenberichte der Patienten gefälscht zu haben, um unnötige, aber teure Eingriffe durchzuführen, einige so behandelte Patienten seien sogar gestorben. Dafür hätte das Krankenhaus vom nationalen Gesundheitssystem 2,5 Millionen Euro kassiert.

Wenige Wochen davor hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen 15 Personen eingeleitet, die für die Todesfälle im Spital der süditalienischen Kleinstadt Castellaneta verantwortlich sein sollen. In Italien sterben Pressemeldungen zufolge täglich 90 Patienten durch ärztliche Fehler. Kunstfehler sowie organisatorische Probleme in den Krankenhäusern zögen in Italien jährlich zwischen 14.000 und 50.000 Todesfälle nach sich. Derartige Fehler kosteten das Gesundheitssystem zehn Milliarden Euro pro Jahr. Was ist los?

„Bei uns wird schon lange eine journalistische Kampagne gegen Ärzte und andere Verantwortliche im italienischen Gesundheitssystem gefahren, warum, weiß ich nicht“, sagt Dr. Wilhelmine Schmid. „Das unterminiert das Vertrauen in die Einrichtungen. Die Menschen sind verunsichert, alles wird sofort zu einem Skandal aufgebauscht.“

Freilich gesteht die aus Österreich stammende Kieferorthopädin, die in Turin arbeitet, dass Italien alles andere als homogen sei: „Das Gesundheitssystem ist nach Regionen, die den österreichischen Bundesländern entsprechen, weitgehend autonom organisiert. Besonders im Süden gibt es schwarze Flecken und schwarze Schafe.“ Die Ärztekammer sei aber sehr bemüht, hier vehement für Ordnung zu sorgen. Und in weiten Teilen des Landes, insbesondere in Norditalien, „ist das Gesundheitssystem ausgezeichnet, in Mailand und Turin beispielsweise gibt es medizinische Zentren, die zur Weltspitze zählen.“

1940 in Wien geboren, promovierte Wilhelmine Schmid 1966 in der Bundeshauptstadt. Schon 1968, nach ihrer Heirat mit einem italienischen Neurologen, folgte die Medizinerin ihrem Mann nach Turin, absolvierte ihre Ausbildung zur Fachärztin für Zahnheilkunde an der dortigen Universität und spezialisierte sich in den folgenden Jahren auf Kieferorthopädie. Als Expertin für diesen Fachbereich ordininiert Schmidt heute in eigener Praxis in Turin und ist darüber hinaus Lektorin an der Universität von Turin.

Strenge Eingangsprüfung

Was Schmid im Vergleich mit Österreich am italienischen Gesundheitssystem sehr schätzt, ist die Ausbildung: „Wir haben hier einen Numerus clausus und eine strenge Eingangsprüfung vor dem Medizinstudium.“ Daraus resultiere eine geringe Anzahl an von Anfang an geeigneten und engagierten Studenten, die während der Ausbildung eine hervorragende Betreuung erhielten. „Und auch nach dem Studium“, ergänzt die Kieferorthopädin, „stehen die Karrierechancen sehr gut, junge Ärzte finden sofort eine adäquate Anstellung in Spitälern oder Krankenkassenbetrieben, vor allem wenn sie bereit sind, in der Provinz zu arbeiten.“

Auch die Versorgung der Patienten sei sichergestellt, vergleichbar mit Österreich gebe es auch in Italien eine Pflichtversicherung und für alle, die es sich leisten können oder wollen, gebe es auch noch private Zusatzversicherungen – etwa für die Zahnmedizin, die wie in Österreich nur zu einem geringen Bruchteil von den Kassen bezahlt werde.

Dennoch, erklärt Schmid, gebe es auch in Italien zusehends Reformbestrebungen: „Es wird leider sehr viel Geld im Gesundheitssystem verschwendet. So werden zum Beispiel für alles Mögliche sehr teure Magnetresonanz- und Computertomografien gemacht, auch wenn das gar nicht notwendig ist.“ Darüber hinaus versuche die Regierung, das Gesundheitssystem immer stärker aus dem privaten Bereich heraus und in den öffentlichen hinein zu führen. Aus Gründen der Kontrolle, Effizienz und Kosteneinsparung.

Was bisher schon zur Kostendämpfung beigetragen habe, sei der hohe Stellenwert von Haus- beziehungsweise Familienärzten, erläutert Schmid: „In Italien geht man nicht gleich zu einem Facharzt, sondern wendet sich zuerst einmal an den vertrauten niedergelassenen Allgemeinmediziner, der seit Jahren die ganze Familie betreut. Und je weiter man ins Landesinnere kommt, desto stärker ist dieses System verbreitet.“

Sehr enge Familienbande

Die Familie ist es auch, die Wilhelmine Schmid nicht nur nach Italien gezogen hat, sondern auch in Turin hält. Rät die Kieferorthopädin ihren Kollegen in Österreich, ebenfalls ins Ausland zu gehen? Die dreifache Mutter – eine ihrer Töchter ist wie sie und ihr Mann ebenfalls Ärztin – ist davon überzeugt, dass „in der EU die Bedingungen für Ärzte und Patienten ziemlich ähnlich sind, und wenn es keinen besonderen Grund gibt, ist Österreich sicher ein Land, in dem man gut lebt und arbeitet.“

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Österreichs Nachbarstaat Italien: Den Pressemeldungen, wonach das dortige Gesundheitssystem ein Sumpf sei, widersprechen in Italien lebende Ärzte.

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Dr. Wilhelmine Schmid arbeitet als Kieferorthopädin in Turin.

Tabelle: Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet.

KennwerteItalienOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 2.374 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 8,7 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 29.168 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 77,0 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 80,9 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 4,0 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 27,7 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 15,0 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 3,7 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 476 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche 46/2008

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