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Der kostendruck im Gesundheitswesen belastet nicht nur die Patienten, sondern auch die Beschäftigten.
 
Gesundheitspolitik 1. Dezember 2009

Burnout in Gesundheitsberufen gefährdet auch die Patienten

Wenn Einsparungen die Kosten ansteigen lassen: Gestresste und frustrierte Mitarbeiter im Gesundheitssystem gefährden die Gesundheit und verringern die Heilungschancen der Patienten.

Problem

Jeder Zweite in einem Gesundheitsberuf Tätige leidet massiv unter zunehmendem Zeitdruck, jeder Dritte fühlt sich nicht fair und gerecht entlohnt. Die Zahl der Fehler nimmt zu. Ungeachtet dieser alarmierenden Fakten setzen Politiker, Spitals- und Pflegeheimerhalter weiter auf Personaleinsparungen.

 

Die jährlichen Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen belaufen sich in Österreich auf 12,1 Milliarden Euro, das ist beinahe halb soviel wie die gesamten Kosten für das Gesundheitssystem. Überdurchschnittlich stark betroffen von arbeitsbedingten Erkrankungen sind die Beschäftigten in Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufen, weil sich hier der Spardruck der öffentlichen Hand besonders bemerkbar macht. Rund zwölf Prozent der Stellen im Pflegebereich sind unbesetzt, die Arbeit aber wächst.

Eine im Vorjahr durchgeführte Studie der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) hat ergeben, dass fast 30 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich Burnout-gefährdet sind. Konkret gelten 28,7 Prozent der 1.000 Befragten als stark belastet durch emotionale Erschöpfung. Bereits im Jahr 2006 haben sich in Salzburg 3.189 Beschäftigte aus Gesundheitsberufen an einer Befragung von Arbeiterkammer und ÖGB beteiligt. Die Ergebnisse waren besorgniserregend. Jeder vierte Befragte sah sich Burnout-gefährdet und jeder zehnte gab an, sich gemobbt zu fühlen. 50 Prozent der Befragten waren durch Zeitdruck „sehr stark belastet“, 40 Prozent waren zu unzufrieden mit der Arbeitszeitregelung, 32 Prozent fühlten sich nicht fair und gerecht entlohnt. Zehn Prozent der Teilzeitbeschäftigten gaben an, dass sie de facto Vollzeit arbeiten und sich dadurch massiv benachteiligt fühlen. Derzeit läuft eine groß angelegte Untersuchung der Arbeiterkammern in Niederösterreich und Wien, um neue Daten über die Situation der Beschäftigten im Gesundheitswesen zu erhalten.

Marc Danzon, WHO-Regionaldirektor für Europa

 

Immer öfter klagen jedenfalls auch Ärzte unter zu langen Dienstzeiten von bis zu 72 Stunden und mehr. Ein Druck, der sich auch auf die Qualität der medizinischen und pflegerischen Leistungen auswirkt und nicht selten auch Ursache für Fehler ist, die dann wiederum die Patienten treffen. Im April 2007 zeigte sich etwa die niederösterreichische Ärztekammer nach einer Umfrage unter Kollegen alarmiert: Rund 70 Prozent der Ärzte fühlten sich ausgebrannt und auf dem besten Weg zum Burnout. Jeder zweite arbeitete sogar dann, wenn er selbst krank war. Ähnliche Ergebnisse lieferte zur gleichen Zeit der Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten-Krankenkasse. Nach dem öffentlichen Dienst hat das Gesundheitswesen demnach mit 3,7 Prozent deutschlandweit den höchsten Krankenstand.

Welche Auswirkungen Arbeitszeiten von bis zu 100 Stunden pro Woche haben können, belegte bereits 2002 eine Studie aus dem Krankenhaus Steyr. Dabei wurden jene Patienten untersucht, die während ihres Krankenhausaufenthaltes unvorhergesehen ein zweites Mal operiert werden mussten. Die Anzahl der Folgeeingriffe stieg um ein Drittel, wenn die Dienstzeit des Arztes bei der Erstoperation zwischen 13 und 24 Stunden pro Tag lag. Bei über 24 Stunden stieg sie sogar um 70 Prozent.

Lösungen

Personalabbau senkt im Gesundheitssystem die Kosten nur kurzfristig. Langfristig entstehen zusätzliche Kosten, die durch genügend Personal, das gut ausgebildet ist, vermeidbar wären.

 

Im Gesundheitswesen steigt aufgrund angespannter öffentlicher Budgets der Spardruck. Und es ist durchaus zu erwarten, dass das eben von der Regierung fixierte Kassensanierungspaket, das Kostendämpfungen von mehr als 1,7 Milliarden Euro in den kommenden Jahren vorsieht, auch die Beschäftigten im Gesundheitswesen treffen wird. Parallel sparen nicht nur die Krankenkassen, sondern auch die Länder und Gemeinden als Träger von Krankenhäusern. In Krankenhäusern entfallen etwa 60 bis 70 Prozent aller Ausgaben auf die dort beschäftigten Ärzte, Pflegekräfte und technischen Dienste. Um Kosten nachhaltig zu senken, versuchen viele Spitäler hier einzusparen. Für die meisten Spitalsmanager bedeutet dies vorerst einmal Ausgliederungen, Optimierungen und Druck auf Arbeitszeiten, Überstunden und Löhne.

Die Situation ist damit absurd: Das Gesundheitssystem behandelt mit immer weniger Personal in immer kürzerer Zeit immer mehr Patienten. Dies führt auch beim ärztlichen Personal zu verlängerten Dienstzeiten, entsprechenden Arbeitsbelastungen, Stress und als Folge davon vor allem zu Fehlern. Fehler, deren Behebung viel Geld kostet und die ohne Überlastung des Personals gar nicht passieren würden. Eine Reduktion von Überstunden durch mehr Personal würde helfen, Kosten zu sparen, denn auch Überstunden kosten Geld und belasten ihrerseits die Gesundheit der Überstundenleistenden. Zwei Drittel aller Überstunden-Leistenden klagen etwa über Rückenschmerzen, bei Arbeitnehmern ohne Überstunden sind es „nur“ 49 Prozent. Eine Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts belegte allerdings schon im Jahr 2003, dass in den kommenden zehn Jahren rund 35.000 zusätzliche Bedienstete in Pflege- und Betreuungsberufen in Österreich benötigt werden. Damals fehlten bereits 3.000 Pflegefachkräfte in Krankenhäusern und Pflegeheimen.

Präventionsmöglichkeiten gibt es vor allem am Arbeitsplatz, und hier setzen Arbeitnehmervertretungen zunehmend Maßnahmen, die Betroffenen helfen sollen. In Salzburg haben etwa Arbeiterkammer, ÖGB und Gebietskrankenkasse im Vorjahr die Kampagne „I schau auf mi UND di“ gestartet. Sie soll aufklären, enttabuisieren und dafür sorgen, dass in Betrieben nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die seelische Belastung der Mitarbeiter geachtet wird.

 

 Nächste Ausgabe: Zeit als Gesundheitsfaktor.

Kasten:
Daten und Fakten
70 Prozent
der Ärzte fühlen sich laut einer Umfrage der Niederösterreichischen Ärztekammer „ausgebrannt“. 50 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits-bereich fühlen sich – so eine 2006 durchgeführte Befragung der Arbeiterkammer Salzburg und des ÖGB – „sehr stark belastet durch Zeitdruck“. 40 Prozent waren laut der Befragung „unzufrieden mit der Arbeitszeitregelung“, 12 Prozent der Stellen für Pflegepersonal sind in Österreich unbesetzt.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 49 /2009

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