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Foto: Kigoo Images/pixelio.de
Auf einer Computertastatur können mehr Bakterien zu finden sein als auf einer Klobrille, sagen Experten.
 
Gesundheitspolitik 24. November 2009

Hygiene und sauberes Wasser als Weg zu mehr Gesundheit

Vor mehr als 100 Jahren entdeckten Wissenschafter und Ärzte Bakterien und Keime und die Bedeutung von Hygiene. Heute ist Sauberkeit so selbstverständlich, dass sie allerdings oft vernachlässigt wird – mit fatalen Folgen.

Problem

Hygiene und Zugang zu sauberem Wasser sind laut WHO elementare Menschenrechte. Doch die eine Hälfte der Menschheit weiß nichts davon und die andere Hälfte geht leichtfertig damit um. Resistente Keime und gefährliche Infektionskrankheiten sind im Vormarsch. Gleichzeitig nehmen resistente Bakterien zu.

 

Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Sauberkeit und Desinfektion in der Medizin kein Thema. Das änderte sich vor etwa 150 Jahren, als Forscher wie Ignaz Semmelweis, Sir Joseph Lister, Max von Pettenkofer, Louis Pasteur und Robert Koch entdeckten, dass Mikroorganismen gefährliche Krankheiten auslösen und übertragen können. Diese Ärzte stellten auch fest, dass durch Desinfektion der medizinischen Geräte Keime abgetötet werden und dass durch Hygiene die Übertragung von Krankheitserregern gestoppt oder zumindest stark eingedämmt werden kann.

Seit langem ist auch bekannt, wie wichtig der Zugang zu sauberem Wasser für die Gesundheit der Menschen ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet den Zugang zu sauberem Wasser sogar als „elementares Menschenrecht“. Dennoch haben laut WHO und UNICEF rund zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser und mehr als 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu halbwegs hygienischen Sanitäranlagen.

Doch selbst dort, wo es sauberes Wasser und hygienische Standards bei Sanitäranlagen gibt, greifen Krankheiten, die eindeutig auf Hygienemängel zurückzuführen sind, um sich. Unter dem Titel „Der Tod lauert im Krankenhaus“ prangerte die deutsche Zeitschrift Stern vor kurzem Hygiene-Schlampereien in deutschen Krankenhäusern an. Bis zu eine Million Patienten würden jährlich in deutschen Kliniken mit gefährlichen Keimen wie Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA)-Stämme (MRSA) infiziert. Mehr als 40.000 Patienten sollen Schätzungen zufolge daran sterben.

„Wir werden erst Tuberkulose, Malaria und andere ansteckende Krankheiten besiegen, wenn wir auch die Schlacht für sauberes Trinkwasser und Hygiene gewonnen haben.” Kofi Annan ehemaliger UN-Generalsekretär

 

Mindestens ein Drittel der Todesopfer sind durch striktere Hygiene vermeidbar, schätzt Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Neben Stress und Schlamperei sei oft Unwissenheit im Spiel. Da würden in der Eile nicht sterile Venenkatheter eingeführt. Gedankenlos hebe etwa ein Arzt den heruntergefallenen Kugelschreiber vom Boden oder das Stethoskop von einem Kopfkissen auf – und habe schon Keime an den Händen, so Zastrow. In Österreich dürfte die Situation ähnlich sein. Auch bei uns gibt es Hygieneprobleme in Spitälern. Nach Schätzungen von Insidern infizieren sich sechs bis zehn Prozent der stationären Patienten während ihres Aufenthalts mit gefährlichen Keimen, auf Intensivstationen sind es angeblich mindestens 15 Prozent.

Verstärkt wird das Problem durch die Zunahme resistenter Bakterien. Wenn etwa ein Patient mit einer schweren Infektion ins Spital kommt, liegt das Risiko, dass die bisherige Standardtherapie mit Antibiotika nicht mehr wirkt, bereits bei 25 Prozent. Bei einigen Tuberkulose-Stämmen, die derzeit primär aus Ost- nach Mittel- und Westeuropa importiert werden, beträgt die Resistenzrate sogar über 50 Prozent. Die Gründe dafür liegen unter anderem im unkontrollierten Einsatz von Antibiotika in den vergangenen 30 Jahren.

Lösungen

Am 19. November war „Welttoilettentag“. Weil fast die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sanitären Anlagen hat und dort, wo es Hygiene gibt, oft darauf vergessen wird, soll die Initiative das Problem wieder ins Bewusstsein rücken.

 

Jedes Jahr am 19. November soll die Weltbevölkerung an das Tabuthema Toilette erinnert werden. Ziel der Organisatoren ist es, die Lage der Menschen ohne sanitäre Anlagen zu verbessern. Dabei geht es nur vorrangig um die Situation in Entwicklungs- und Schwellenländern. Auch in sogenannten entwickelten Ländern hat das Thema Berechtigung. Hygienische Standards in Spitälern, aber auch in der Gastronomie, am Arbeitsplatz und in Schulen nutzen wenig, weil sie immer öfter auf die leichte Schulter genommen werden. Das deutsche Aktionsbündnis „Patientensicherheit“ hat deshalb heuer zum zweiten Mal die Informationskampagne „Saubere Hände“ durchgeführt, um das gesamte Klinikpersonal zur sorgfältigeren Desinfektion anzuhalten. Bisher hat sich nur ein Viertel der rund 20.000 deutschen Kliniken an der Kampagne beteiligt.

Eine Hygiene-Kampagne wäre nach Ansicht von Experten nicht nur für Krankenhaus-Personal, sondern für die gesamte Bevölkerung sinnvoll. Denn ganz normale Hygienemaßnahmen im Alltag scheinen mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. So klagen Lehrer, aber auch Ausbildner im Lebensmittelhandel, dass junge Leute nicht unbedingt zu häufigem Händewaschen neigen. Nicht nur nach dem Toilettengang sollte man sich die Hände aus hygienischen Gründen waschen, sondern auch nach anderweitiger Körperaktivität wie Niesen oder Nase putzen.

Hygiene ist aber auch in der Küche besonders wichtig. Vor allem in Putzlappen finden sich Massenansammlungen von Bakterien. Putzlappen sollten deshalb kochfest sein und täglich gewechselt werden. Zu wenig ernst genommene Hygiene im Haushalt ist oft die Ursache für immer wiederkehrende Infektionskrankheiten in einer Familie. Nicht nur in Toiletten und Küchen sollte auf Hygiene geachtet werden. Auch die Tastatur des Computers kann sich als Keimherd entpuppen. Britische Wissenschafter stellten bei Untersuchungen fest, dass manche Computertastatur stärker mit Bakterien verseucht ist als eine ebenfalls untersuchte Klobrille. Essen am Computer, Staubpartikel und das Verzichten aufs Händewaschen nach dem Toilettenbesuch gelten als die wichtigsten Verursacher eines Bakterien-Biotops auf dem Keyboard.

 

 Nächste Ausgabe: Wie die steigende Arbeitsbelastung Gesundheitsarbeiter krank macht.

Kasten:
Daten und Fakten
2.600 Millionen Menschen
mangelt es weltweit an grundlegender Sanitärversorgung. Zwei Millionen Kinder sterben jährlich weltweit durch unhygienische oder nicht vorhandene Sanitäranlagen. Knapp zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. 120 Millionen Menschen in Europa haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und hygienischen Sanitäranlagen. Jährlich 170.000 extreme Fälle von Diarrhoe, Hepatitis A und Typhus sind die Folge.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 48 /2009

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