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Foto: Privat
Dr. Hans Joachim Fuchs Allgemeinmediziner in Wien
 
Gesundheitspolitik 24. November 2009

Patient zwischen ELGA und e-Card

Der Hausärzteverband ist vom Scheitern der elektronischen Gesundheitsakte überzeugt.

Die technische Umsetzung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA wurde von der Bundesgesundheitskommission zu Jahresbeginn beschlossen, in knapp einem Jahr sollen die ersten Kernanwendungen betriebsbereit sein. Hausärzte warnen vor der Gefahr des Datenmissbrauches.

 

„Der Datenschutz für Österreichs Patienten gerät durch die bevorstehende bundesweite ELGA in massive Gefahr“, warnt der Präsident des Hausärzteverbandes Dr. Christian Euler. „Im Umfeld unzähliger Daten- und Bespitzelungsskandale in ganz Europa dürfen wir das Sammeln von Daten in großem Stil nicht zulassen.“ ELGA ziele mittelfristig auf vollautomatische, an einheitlichen Richtlinien orientierte Leistungs-Rationierungen ab, die der Notwendigkeit einer individuell ausgerichteten Medizin widersprächen. Auch vom wirtschaftlichen Standpunkt sei ein kostspieliges Projekt dieser Größenordnung abzulehnen, noch dazu, wo es im Gesundheitsbereich bereits jetzt eine funktionierende elektronische Kommunikation gibt. „Wir sind vom Scheitern dieses Projektes vollkommen überzeugt und lehnen es aus humanitären und ökonomischen Gründen ab“, betont Euler.

Alternative Hausarztmodell

„Sicherheit und Vertrauen sind elementare Voraussetzungen, damit ein kranker Mensch einem Arzt etwas erzählt“, betont Allgemeinmediziner Univ.-Lektor Dr. Hans Joachim Fuchs. Die Gefahr von Datenmissbrauch durch autorisierten Zugriff sei groß, ein besseres Verständnis der politischen Entscheidungsträger für diese Problematik dringend wünschenswert. „Es gibt eine Alternative: Das Hausarztmodell, das bereits existiert und nichts kostet“, so Fuchs. Haus- und Fachärzte halten ihre aktuellen und vollständigen Aufzeichnungen über ihre Patienten vertraulich. Auf deren Wunsch stellen sie ihnen Kopien ihrer ärztlichen Befunde bereit. Für Notfälle sind Ausweise für Allergien, Antikoagulation, Herzschrittmacher, Diabetes, Impfungen, Blutgruppe etc. schnell verfügbar.

Bürokratische Sackgasse

„Niemand ist sich im Klaren, welch gigantische Menge von Befunden angehäuft wird, die trotz allem unvollständig, unklar, veraltet, falsch zugeordnet und fehlerhaft sein können“, warnt Dr. Hans Zeger, Obmann der Privacy-Organisation ARGE Daten. In rund 400 Spitälern lagern 65 Millionen, bei 25.000 niedergelassenen Ärzten etwa 150 Millionen Krankengeschichten. Viele liegen nicht in elektronischer Form vor und müssten digital erfasst werden. Hinzu kommen jährlich 100 Millionen klinische Einzelbefunde. Weltweit existiert kein funktionierendes System, das derartig komplexe Berechtigungsverwaltungen erfüllt. „ELGA müsste rund 140 Billiarden theoretische Zugriffsrechte verwalten, die die Patienten täglich, je nach Behandlungssituation, ändern könnten. Um missbräuchliche Zugriffsversuche dokumentieren zu können, müssten frühere Zugriffsrechte auf unbestimmte Zeit historisch gespeichert werden“, betont Zeger. Gewissenhafte Ärzte könnten sich daher nicht darauf verlassen und würden verstärkt zur Sicherungsbefundung greifen oder auf vorgegebene Standardprozeduren ausweichen. Die Folge wären zusätzliche Kosten für die Administration zu Lasten der medizinischen Versorgung. Im Ergebnis wird laut Zeger die Versorgung stärker automatisiert und standardisiert, auf Kosten der individuellen Betreuung, zugunsten der Aufsichtsstellen und Controller.

maxiDoc

Eine mögliche Alternative ist die elektronische Patientenakte „maxiDoc“ – USB-Stick, der aufgrund seiner enormen Speicherkapazität sämtliche Patientendaten inklusive Röntgenaufnahmen, EKG-Ausdrucken etc. speichern kann. „Durch ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem sind nur Notfalldaten wie Blutgruppe, Allergien oder Medikamenten-Unverträglichkeiten für jedermann einsehbar“, berichtet Dr. Holger Finkernagel, Facharzt für Diabetologie und wissenschaftlicher Beirat der maxiDoc Ges.m.b.H im deutschen Siegen. Vertrauliche Informationen und Dateneingabe bedürfen der Eingabe eines Passwortes, das nur der Patient kennt. Auch die Anwendung durch den Arzt ist einfach. „Mit der maxiDoc-Schreibsoftware funktioniert der Informationsaustausch mit dem Patienten problemlos, für den Datenabruf reicht ein USB-Anschluss. Das Produkt bewährt sich seit Jahren im Testbetrieb, ist kostengünstig, baut auf bestehender Infrastruktur auf und unterstützt die Arzt-Patienten-Kommunikation“, so maxiDoc-Geschäftsführer Nils Fingernagel. Die dezentrale Speicherung und der Umstand, dass keine Daten über z.B. das Internet gesendet werden, bieten eine wichtige Grundlage für die Datensicherheit. Angriffe auf das System selbst sind ausgeschlossen.

 

Quelle: Symposium: „Zwischen ELGA und e-Card – Wo bleiben die Patientenrechte?“, 7. November 2009, Wien

Von Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 48 /2009

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