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Gesundheitspolitik 12. November 2008

Delfine als Therapeuten

Fraglicher Nutzen der Meeressäuger für die tiergestützte Therapie.

Programme mit domestizierten Tieren in Wohnortnähe könnten gesundheitspolitisch sinnvoller und für die jungen Patienten effizienter sein als die Delfintherapie.

 

„Es gibt viele und sich oft widersprechende Theorien darüber, wie Patienten mithilfe der Delfintherapie psychologisch und/oder physiologisch beeinflusst werden können“, erzählt der Biologe Dr. Karsten Brensing von der Wal- und Delfinschutzorganisation „Whale and Dolphin Conservation Society“ (WDCS). Und verweist etwa auf die Wirkung von Ultraschall auf Gewebe- und Zellstrukturen, die Veränderung von Gehirnströmen, die psychosomatischen Effekte – Delfinlaute sollen einen vergleichbaren Effekt haben wie Musik. „Dazu kommen periphere Einflussfaktoren wie die entspannende Wirkung von Wasser, die soziale zwischenmenschliche Interaktion sowie das Erleben einer neuen Umgebung“, so Brensing. Eine mehrjährige Studie von der Universität Würzburg war 2006 zum Ergebnis gekommen, „dass es in der Wahrnehmung von Eltern von Kindern mit schweren Behinderungen zu positiven Therapieeffekten kam, die zeitlich überdauernd und als bedeutsam anzusehen sind“. So habe sich die Kommunikationsfähigkeit, die sozio-emotionale Kompetenz und die Selbstsicherheit der Behandelten verbessert.

Wunschdenken?

Im Gegensatz dazu nahmen Betreuer der behandelten Kinder und unbefangene Studenten laut Studie diese Effekte nicht wahr – so kann nicht ausgeschlossen werden, dass die hoffnungsvollen Erwartungen der Eltern ihre positive Wahrnehmung beeinflusst haben. Dr. Manuela Baumgartner, Leiterin der neuropädiatrischen Ambulanz des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Linz, sagt: „Eltern von Kindern mit Behinderung haben den verständlichen Wunsch, dass es eine Therapie gibt, die eine Behinderung wegtherapiert – das ist aber meist unmöglich.“ Das treffe jedoch für alle medizinisch anerkannten Therapieformen zu. Erreichbar seien eine Verbesserung der Gleichgewichtskontrolle, der generellen Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Koordination sowie eine Erhöhung der Selbstsicherheit und eine Steigerung der Lebensqualität.

Zuwendung als Therapeutikum

„Anbieter der Delfintherapie machen oft Versprechungen, die Eltern emotional berühren, aber unrealistisch sind“, beobachtet Baumgartner. Eltern von Kindern mit Behinderung sind physisch und psychisch sehr belastet. Insofern könnte ein positiver Aspekt der Delfintherapie sein, dem Alltag zu entkommen und Erholung zu bekommen.

Ein zusätzlicher Gewinn sei das Erleben von Solidarität: „Oft zahlt ein ganzer Ort mit, um eine Delfintherapie zu finanzieren – Eltern erfahren Anerkennung und Unterstützung“, so Baumgartner weiter. Und ein zentraler Faktor: „Eltern berichten, dass sie sich vor Ort angenommen und willkommen fühlen, auch wenn ein Kind sich ständig lautstark bemerkbar macht.“ Dieser Effekt könne so stark sein, dass auch Eltern, die während zwei Wochen keinen einzigen Delfin zu Gesicht bekommen, weil mit frei lebenden Tieren gearbeitet wird, trotzdem wiederkommen.

Fehlende Standards

Aus Baumgartners Sicht müsste mehr beachtet werden, dass nicht jede Therapie für jedes Kind gleich gut geeignet ist. „Angst vor den Tieren zeigt sich oft erst vor Ort, aber dann wird trotzdem weiter gearbeitet. Der bereits getätigte Aufwand war einfach zu groß, um dann noch den Aufenthalt und die Therapie abzubrechen – auch wenn es zu diesem Zeitpunkt das Richtige für ein Kind wäre.“

Oft fehlten auch detaillierte Therapieziele – ein allgemeines „der Zustand verbessert sich“ sei ein zu wenig konkretes Therapieziel. „Auch wenn in einigen Fällen spektakuläre erste Erfolge wahrgenommen wurden: Es gibt keine wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit der Delfintherapie – zudem fehlen einheitliche Standards für deren Umsetzung“, sagt auch Brensing. Ein großes Problem sei auch, dass die Delfintherapie nicht so einfach wiederholt werden kann. „Je schwerer eine Behinderung ist, desto eher sind kontinuierliche Wiederholungen in einem überschaubaren Zeitrahmen nötig“, betont Baumgartner. Dazu kommen noch die Probleme des Tierschutzes (siehe „Der Tierschutz kommt zu kurz“).

Aus Sicht Brensings wäre es auch gesundheitspolitisch viel sinnvoller, in Programme zu investieren, bei denen domestizierte Tiere in der direkten Umgebung der Patienten zum Einsatz kommen. Baumgarnter pflichtet dem bei: „Ein Therapiehund ist ein echter Partner fürs Leben, ein immer anwesender Begleiter, der viel an Selbstsicherheit und Eigenständigkeit bringt.“ Wünschenswert wäre, dass ähnlich wie in Oberösterreich, auch die Hippotherapie stärker von den Sozialversicherungen gefördert wird. „Ein wichtiger Aspekt ist in jedem Fall die Einbeziehung der Familie. Das ermöglicht auch zwischendurch einen Ausstieg aus dem Alltag. Gemeinsame Zeiten für die Eltern als Paar sind zum Kraftauftanken enorm wichtig. Auch die Geschwister brauchen Aufmerksamkeit. Die alltägliche Leistungen dieser Familien sind enorm, und so sind wir aufgerufen zu unterstützen – es ist tatsächlich vieles ohne Delfine möglich!“

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche

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