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„Das Alter“ erstreckt sich mittlerweile über eine lange Zeitspanne von fast 40 Jahren.
 
Gesundheitspolitik 17. November 2009

Alter ist keine Krankheit, dennoch fehlen spezialisierte Ärzte

Immer mehr Patienten sind Senioren. Das Gesundheitswesen ist aber auf die speziellen medizinischen Bedürfnisse alter Menschen nicht ausreichend vorbereitet.

Problem

Mit zunehmendem Alter steigen die Ausgaben für Gesundheit deutlich an. Statistisch gesehen wird vor allem in den letzten Lebensmonaten am meisten Geld für Pflege und medizinische Behandlungen aufgewendet. Häufig erhalten alte Menschen aber zu viele verschiedene Medikamente. Das hilft nicht, es kann sogar die Lebensqualität beeinträchtigen. Das Gesundheitswesen und die Gesellschaft sind auf diese Herausforderungen nur bedingt vorbereitet. Denn die medizinischen Bedürfnisse älterer Menschen unterscheiden sich stark von jenen jüngerer.

 

Mitteleuropas Bevölkerung altert unaufhaltsam, und das schnell. Die Herausforderung für die Betreuung und Versorgung alter Menschen besteht unter anderem darin, dass diese Patienten nicht nur eine spezielle Krankheit haben, sondern oft mehrere gleichzeitig, sprich multimorbid sind.

Schon jetzt entfallen auf etwa 15 Prozent der Versicherten 85 Prozent der gesamten Ausgaben, sagen Vertreter der Krankenkassen. Der Großteil davon dient zur medizinischen Versorgung älterer Menschen. Die Krankenkassen beobachten eine Zunahme bestimmter Krankheitsbilder. Mediziner erwarten in Zukunft einen noch stärkeren Anstieg von Verletzungen aufgrund von Stürzen und Osteoporose. Aber auch Inkontinenz, Depression und Demenzen, insbesondere Morbus Alzheimer, sind im Steigen begriffen.

Künftig werden nicht nur mehrere medizinische Fachbereiche bei der Behandlung alter, multimorbider Menschen kooperieren müssen, auch der Pflege wird eine besonders wichtige Rolle zukommen. Laut österreichischem Sozialministerium werden mehr als 80 Prozent der Hilfsbedürftigen von Angehörigen gepflegt. In rund 80 Prozent sind dies Frauen, und von diesen ist knapp die Hälfte selbst über 60 Jahre alt.

Carl Heinrich Krauch, ehem. Vorstand Hüls AG

Ältere Patienten erhalten oft viele Arzneimittel, dies belegt unter anderem eine aktuelle Studie der Universität Salzburg. Statistisch gesehen nimmt jeder Mensch ab dem 60. Lebensjahr im Durchschnitt drei rezeptpflichtige und fast ebenso viele apothekenpflichtige Arzneimittel ein. Jeder Dritte zwischen 75 und 85 Jahren bekommt sogar mehr als acht Arzneimittel verordnet. Die Hauptursache dafür liegt darin, dass ältere Patienten meist an mehreren chronischen Erkrankungen leiden, die dauerhaft mit Arzneimitteln behandelt werden.

Ein weiteres Problem ist die vor allem bei hochbetagten Menschen oft verminderte Kommunikationsfähigkeit. Viele Patienten sind nicht in der Lage, ihre Symptome präzise zu schildern, was zu ungenauen Diagnosen und unklaren Indikationen führen kann. Zudem werden unerwünschte Arzneimittelwirkungen häufig nicht als solche erkannt, sondern als neue Erkrankung gewertet und mit einem weiteren Arzneimittel behandelt.

Älter werden ist allerdings noch allein keine Krankheit, die behandelt werden muss. Es ist vielmehr ein biologischer, lebenslanger und notwendiger Prozess. Zudem erstreckt sich „das Alter“ mittlerweile auf eine lange Zeitspanne von beinahe 40 Jahren, zwischen einem Alter von 60 und rund 100 Jahren. Die Probleme in dieser Zeit sind je nach Alter sehr vielschichtig. Generell steigt zwar mit zunehmendem Alter auch das Krankheitsrisiko. Hintergrund ist, dass es aufgrund der geringeren Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit des älteren Organismus zu erhöhten Erkrankungsrisiken kommen kann. Selbst hohes Alter bedeutet aber nicht zwangsläufig Schwäche – es nimmt aber die Verletzbarkeit aufgrund des Zusammentreffens individueller und sozialer Faktoren zu. Ältere Menschen sind somit eine heterogene Gruppe.

Lösungen

Das Gesundheitswesen muss sich auf die verschiedenen Bedürfnisse alter Menschen vorbereiten. Ein Schritt ist, dass es künftig einen eigenen Facharzt für Geriatrie geben sollte, fordern Experten. Die geriatrische Medizin befasst sich mit Erkrankungen, die bevorzugt im höheren Lebensalter auftreten.

 

Nach Schätzungen von Experten fehlen in Österreich für eine sinnvolle Versorgung bereits jetzt 600 ausgebildete Geriater. Der Grund liegt vor allem in der Konkurrenz der bestehenden Arztgruppen. „Da allen klar ist, dass der Bereich in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird, will auch jede Gruppe etwas vom zu erwartenden Kuchen haben“, heißt es im Buch Zukunft Gesundheit. Nicht zuletzt deshalb scheint die Ärztekammer derzeit eher den Weg zu verfolgen, Geriatrie zum Additivfach für einzelne Facharztgruppen zu machen.

Es geht aber auch um Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Fachbereichen und zwischen dem niedergelassenen Bereich und Krankenhäusern sowie nicht zuletzt zwischen medizinischem Personal und Pflegekräften – sowohl bei der Aufnahme von Patienten als auch bei der Entlassung. Die ganzheitliche Einschätzung des Patienten spielt auch für die Arzneimittelversorgung eine entscheidende Rolle. So sind etwa Maßnahmen zur Förderung der zuverlässigen und regelmäßigen Medikamenteneinnahme gerade bei älteren Patienten von großer Bedeutung.

Nicht weil die Compliance im Alter per se schlechter ist als in jüngeren Jahren, sondern weil sich mit zunehmendem Alter neue, spezielle Probleme ergeben, die die ordnungsgemäße Einnahme der Arzneimittel behindern (Vergesslichkeit, eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit, Sehschwächen und Ähnliches mehr). Nicht selten kommt es vor, dass Patienten mit versteiften Fingergelenken Probleme haben, Tabletten aus den Blister-Packungen herauszudrücken, kleine Tabletten zu teilen oder Augentropfen richtig einzuträufeln. Bei älteren Patienten ist es zudem unerlässlich, die Medikation regelmäßig zu überprüfen. Häufig werden Arzneimitteltherapien begonnen und zu früh beendet. Oder über zu lange Zeit weitergeführt, obwohl das medizinische Problem gar nicht mehr besteht.

 

 Nächste Ausgabe: Wie Hygiene zur Gesundheit der Menschen beitragen kann.

Kasten:
Daten und Fakten
2,81 Millionen alte Menschen Die Zahl der über 60-Jährigen wird in Österreich bis zum Jahr 2030 um 52 Prozent auf 2,81 Millionen steigen. Der Eintritt der starken Geburtsjahrgänge des Baby-Booms der 1950er- und 1960er-Jahre ins Pensionistendasein wird einen noch nie da gewesenen Altersschub auslösen. Im Jahr 2050 werden in Österreich mehr als viermal so viele über 85-Jährige leben wie heute. Bereits im Jahr 2030 wird fast eine Million Menschen pflegebedürftig sein.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung – bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundheitswesen als Querschnittsmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit – So retten wir unser soziales System der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 47 /2009

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