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Foto: Kurt Keinrath
V.l.n.r.: Doz. Dr. Ernst Agneter, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie und Pharma Consultant; ÖGPP-Präsident Prof. Dr. Michael Musalek; Silvia Ballauf, Peerberatung und Mentoring bei PRO MENTE; Rudolf Hundstorfer, BM für Arbeit, Soziales und Konsum
 
Gesundheitspolitik 17. November 2009

Vertrauenskrise lastet besonders auf psychisch Kranken

Oft sind gerade psychisch Kranke besonders gute Mitarbeiter, die sich aber zu viel abverlangt haben.

Wirtschaftskrisen betreffen immer in erster Linie die Ärmsten und Schwächsten, dazu zählen auch die psychisch Erkrankten. In den letzten Monaten ist vermehrt ein Vertrauensverlust spürbar, nicht nur in der Gesellschaft generell, sondern speziell auch bei psychisch Kranken. Der erste von der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) organisierte Pentalog von Psychiatrie, Politik, Pharma-Industrie, Betroffenen und Angehörigen psychisch Kranker diskutierte Lösungsmöglichkeiten für diese prekäre Situation.

 

„Vertrauen ist nicht der Schlagobersgupf und auch kein Luxus, sondern ein lebenserhaltendes Prinzip in unserer Gesellschaft“, sagte Prim. Prof. Dr. Michael Musalek, Ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts und ÖGPP-Präsident. Die beste Möglichkeit, Vertrauen herzustellen, sei der Dialog. Denn: Reden bringt Leute zusammen, schafft die Basis für Vertrauen in der Vertrauenskrise und damit für konstruktive Lösungen für Menschen mit Angststörungen und Suchtkranke. „Psychisch Kranke gehören zu den größten Krisenverlierern“, so Musalek.

Psychisch bedingte Frühpensionierungen steigen

Die viel zitierte Wirtschaftskrise produziert prekäre Arbeitsverhältnisse und wachsende Verunsicherung im Job. In der Folge steigt die Angst vor Kündigungen und der damit verbundenen existenziellen Bedrohung. Gleichsam als Bestätigung für diese Aussage musste Sozialminister Rudolf Hundstorfer die Podiumsdiskussion vorzeitig verlassen, weil er vom drohenden Konkurs der „Quelle Österreich“ und damit vom Verlust von 1.000 Arbeitsplätzen unterrichtet worden war.

Zuvor hatte Hundstorfer berichtet, dass die Frühpensionierungen durch psychische Erkrankungen von zehn Prozent (1995) auf 29,8 Prozent im Vorjahr zunahmen. „Der Versuch, seitens der Regierung der Krise entgegenzusteuern, ist da. Das Budget für Maßnahmen, die Not verhindern sollen, wurde um 40 Prozent erhöht“, so der Minister. Stabilisatoren wie die Arbeitslosenversicherung müssten weiterbestehen bzw. noch an die aktuellen Bedürfnisse adaptiert werden.

Arbeiten statt verrückt sein

„In der heutigen Gesellschaft möchte niemand als verrückt gelten. Psychisch kranke Menschen fühlen sich fremd, kennen sich selber nicht, fühlen sich aber nicht wirklich krank“, sagte Silvia Ballauf, ehemals selbst Betroffene, jetzt Peerberaterin und Mentorin in der Selbsthilfeorganisation Pro Mente. Halt und Sicherheit brechen weg, Familienstrukturen lösen sich auf, die Stabilität in Beruf und Arbeit fällt weg. „Dazu kommen Existenzängste – psychische Krankheiten sind da vielfach programmiert“, erzählte Ballauf.

Die Zahl der jungen Menschen, die sich an Pro Mente wenden, wird immer größer. Derzeit betreut die Mentorin 128 Klienten, davon 55 Berufstätige, 47 Arbeitssuchende und 26 Junge, die zumeist noch keiner Arbeit nachgegangen sind. Psychische Krankheiten sind nach wie vor ein Tabu am Arbeitsplatz. Wer seine psychische Krankheit eingesteht, muss mit schweren Konsequenzen im Arbeitsleben rechnen. Präventive Maßnahmen, mit denen die Erkrankung bereits im Vorfeld abgefangen werden kann, wären die größte Hilfe.

Keine „Armutschkerl“

„Psychisch Kranke werden gerne als Armutschkerl gesehen, die betreut werden müssen und aus dem Arbeitsmarkt weg gehören. Das ist falsch“, betonte Musalek. „In Wirklichkeit sind gerade psychisch kranke Menschen besonders gute Mitarbeiter, die Leistungen erbringen wollen, sich auch unter widrigen Umständen für Unternehmen und Kollegen einsetzen, sich aber zu viel abverlangt haben.“ Diese wertvollen Menschen sollten wieder neue Chancen erhalten. Zentral sei hier der Stellenwert des Vertrauens.

Das lange Warten auf Therapie

Die Angehörigen haben zu Beginn meist keine Vorstellung, was mit den von psychischer Krankheit Betroffenen eigentlich los ist. Erst mit der Suche nach Information wird das Bild klarer. Die Betroffenen selbst nehmen ihr Problem erst dann wahr, wenn sie erkennen, dass ihre Angehörigen Hilfe suchen. „Die Angehörigen können in Österreich innerhalb von zwei Wochen Unterstützung erhalten, Betroffene warten oft bis zu einem Jahr auf ein Bett in einer psychiatrischen Station oder auf die Aufnahme in eine Hilfsgruppe“, klagte Edwin Ladinser, Geschäftsführer des Vereins HPE – Hilfe für Angehörige und Freunde psychisch Erkrankter. Denn viele wollten nicht nur medikamentös behandelt werden, sondern suchten auch nach therapeutischer Unterstützung und innovativen Arbeitsprojekten.

Vorbild Straßenverkehr

Apropos Innovation: Im Straßenverkehr ist es gelungen, durch Innovationen wie Gurt- und Helmpflicht, Geschwindigkeitsbeschränkungen und technische Verbesserungen von Autos und Infrastruktur die Anzahl der Toten in den letzten Jahren deutlich zu senken. Starben im Vorjahr im Straßenverkehr 679 Personen, nahmen sich im gleichen Zeitraum 1.265 Menschen das Leben. „Bei Arzneimitteln, neuen Behandlungsmethoden und in der gesamten Medizin steht fast immer das Thema Sparen im Mittelpunkt“, kritisierte Pharma-Consultant Doz. Dr. Ernst Agneter, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, die Politik. Und wo die Rede vom Sparen ist, sei die Generika-Diskussion nicht weit. „Ohne innovative Forschung für Original-Arzneien gäbe es keine Generika, umgekehrt gäbe es zu wenig Forschung ohne den Druck durch Generika. Daher bedingen sich beide gegenseitig“, erläuterte Agneter. Generell sei bei der Medikation bzw. dem Wechsel von einem Präparat auf ein anderes auf eine gute, vertrauensfördernde Patientenführung zu achten.

Öffentlicher Dialog fehlt

Beim Thema Brustkrebs ist es unter anderem mit der Pink-Ribbon-Kampagne gelungen, diese Krankheit in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Psychischen Erkrankungen (80 Prozent davon entfallen auf Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen) werden hingegen häufig unter den Teppich gekehrt. „Am ehesten finden sich Künstler, die sich zu ihrer Krankheit bekennen, wie Lars von Trier, der behauptete, sein jüngster Film ‚Antichrist‘ sei eine Selbsttherapie beim letzten großen Depressionsschub gewesen“, berichtete Gesundheitsjournalistin und Moderatorin Claudia Schanza. (Anm.: In diesem Film geht es um die zerstörerische Trauer einer Familie nach dem Tod ihres Babys). „Leider ist dieses Bekenntnis ein reiner Marketinggag“, sagte Musalek. In Zeiten stärkster Depression sei es absolut undenkbar, so einen Film zu drehen. Nirgends gebe es so viele Vorurteile wie auf dem Gebiet psychischer Erkrankungen. „Daher ist es so wichtig, dass sich erstmals auch die Politik am Dialog beteiligt. Dies ist ein bedeutendes Signal für die Betroffenen“, resümierte Musalek.

 

Quelle: 1. ÖGPP-Pentalog (Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie) „Vertrauen in der Krise statt Vertrauenskrise“,

6. November 2009, Wien

Von Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 47 /2009

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