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Gesundheitspolitik 10. November 2009

Vereinsamung macht immer öfter krank, weil soziale Netze reißen

Veränderte Arbeitswelten, steigender wirtschaftlicher Druck und gesellschaftlicher Wertewandel lassen klassische Familienstrukturen und soziale Gefüge verschwinden. Nicht ohne massive gesundheitliche Folgen.

Problem

Der Mensch ist zur Aufrechterhaltung seiner physischen und psychischen Gesundheit auf soziale Netze angewiesen. Dies haben zahlreiche Studien ergeben. Die traditionellen Netzwerke verlieren jedoch, bedingt durch zunehmende Mobilität, den Wandel traditioneller Familienstrukturen, die vermehrte Berufstätigkeit der Frauen, die Individualisierung und Singularisierung der Gesellschaft, zusehends an Bedeutung. Die Konsequenzen erschüttern.

 

Immer mehr Menschen haben keine Zeit mehr für Sozialkontakte. In Österreich gibt es insgesamt 3,6 Millionen Privathaushalte, davon 2,3 Millionen Familien- und 1,3 Millionen Singlehaushalte. Die Zahl der heute allein lebenden Personen ist einer Erhebung der Statistik Austria zufolge gegenüber 1985 um 61 Prozent gestiegen. Ein Drittel aller Erwachsenen in westlichen Ländern fühlt sich laut einer im Journal of Clinical Nursing veröffentlichten Studie einsam. Männer und Frauen in den Vierzigern leiden darunter am meisten, wobei Einsamkeit den Männern mehr zu schaffen macht. Dabei entscheiden zwischenmenschliche Kontakte und vor allem soziale Netze ganz erheblich über die Gesundheit der Menschen.

Die Schlagzeile „Glück ist ansteckend“ ging quer durch alle Zeitungen rund um die Welt. Sie brachte nämlich die Ergebnisse einer großen Studie, die sich mit dem Wert sozialer Netzwerke befasst hatte, auf den Punkt. Die aufsehenerregende Langzeitanalyse des Politikwissenschaftlers James Fowler und des Sozialmediziners Nicholas Christakis wurde im renommierten British Medical Journal veröffentlicht. Die Forscher entdeckten, dass sich Gesundheitsverhalten und allgemeines Wohlbefinden wie ansteckende Viren in Netzwerken verbreiten: So erhöht etwa ein glücklicher Partner die Chance, selbst glücklich zu sein, um acht Prozent. Glückliche Nachbarn steigern die Chance sogar um 34 Prozent.

Allerdings geht es auch in die andere Richtung: Wird der Partner dicker, steigt das Risiko, selbst ebenfalls ein paar Kilo zuzulegen, um unglaubliche 37 Prozent. Fettleibige Freunde und Arbeitskollegen beeinflussen das eigene Risiko für Übergewicht sogar zu 57 Prozent. Diese gegenseitige Beeinflussung in sozialen Netzen und persönlichen Kontakten treffe auch auf Rauchverhalten, Depressionen, Angst, Alkoholkonsum, Essverhalten, Sport und viele andere gesundheitsrelevante Aktivitäten zu. Jedenfalls, schließt die Studie, sei die Gesundheit stark von sozialen Kontakten geprägt, Vereinsamung wird als grundsätzliches Gesundheitsrisiko eingestuft.

Helmut Kohl

Durch den Wandel traditioneller Familienstrukturen, das Reißen sozialer Netze und zunehmende Vereinsamung steigt nicht nur das Gesundheitsrisiko. Weitere Folge ist auch eine Verlagerung der Pflege betreuungsbedürftiger Menschen in den stationären Sektor, der diese Mehrbelastung nur unter immensem Ressourcenaufwand bewältigen kann. Ganz abgesehen davon, dass noch immer sehr viele Pflegeeinrichtungen den darin betreuten Menschen die ihnen bekannten Wohn- und Familienstrukturen nicht ersetzen können.

Lösungen

Wenn die traditionellen Familienstrukturen, sozialen Netzwerke und Versorgungsstrukturen nicht mehr bestehen, müssen sie eben neu erfunden werden. So wie Patchwork-Familien und Wohngemeinschaften für Kinder und Erwerbstätige zunehmend die klassische Familie ersetzen, gibt es auch für Senioren, besonders für allein lebende, entsprechende Modelle.

 

Es gibt bereits Alters- bzw. Pflegeheime, die sich auch für Nicht-Heimbewohner öffnen und Mittagessen, Tagesbetreuung und sogar Urlaubsbetten für Pflegebedürftige anbieten. Diese Angebote holen allein lebende Senioren aus ihrer Isolation und sind eine große Entlastung für pflegende Angehörige.

Parallel dazu entstehen immer öfter auch alternative Lebensformen, wie etwa Wohngemeinschaften oder generationsübergreifende Wohnprojekte, wo jüngere Menschen ältere betreuen und fitte Pensionisten für die Kinder der Jungen oder für hochbetagte Pflegebedürftige da sind. Experten gehen davon aus, dass zunehmend die Generation 60 plus die Generation 80 plus betreuen und pflegen wird. Denn von den 50- bis 69-jährigen Menschen sind nur fünf Prozent bei schlechter Gesundheit. Die frei gewählte Wohnumgebung ersetzt dabei die seltener werdende Großfamilie.

Generell sollten sich österreichische Betreuungseinrichtungen ein Beispiel an ausländischen Modellen nehmen – etwa am sogenannten Hausgemeinschaftsmodell, das immer größeren Zuspruch findet und bereits in deutschen Alters- und Pflegeheimen praktiziert wird. Dabei handelt es sich um eine Form betreuter Wohngemeinschaften, die auch in den meisten traditionellen heimischen Alters- und Pflegeheimen mit relativ geringem finanziellem Aufwand umgesetzt werden kann und auch für schwere Pflegefälle, wie zum Beispiel Demenzkranke, möglich ist. In den Niederlanden, aber auch in Dänemark haben ähnliche Konzepte bereits eine lange Tradition.

Hausgemeinschaften sind kleine Wohnformen für pflegebedürftige ältere Menschen (für etwa acht Personen). In einem Haus kann es mehrere solche Wohngemeinschaften geben. Laut Eigendefinition stehen sie „für eine Abkehr vom institutionalisierten, vordergründig auf Pflegequalität und Versorgung ausgerichteten Anstaltsmodell und für eine Hinwendung zu einem an den individuellen Lebenswelten orientierten Normalisierungsprinzip“.

Die heimtypischen und den Alltag in konventionellen Heimen bestimmenden zentralen Versorgungseinrichtungen wie Zentralküche und Wäscherei sind abgeschafft. In jeder Wohngemeinschaft verrichten die Bewohner mit Hilfe von Präsenzkräften Hausarbeiten wie Kochen, Waschen, Bügeln selbst. Wegen ihrer geringen Gruppengröße und der ständigen Anwesenheit einer Präsenzkraft eignen sie sich auch gut für die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz, sind jedoch nicht ausschließlich auf diese Zielgruppe festgelegt.

Neben Präsenzkräften gibt es auch Fachpersonal, das für Pflege im engeren Sinn zuständig ist. Für ein Haus mit mehreren Wohngemeinschaften sind die Pflegekräfte in einem Pool organisiert und können jederzeit je nach Bedarf in Anspruch genommen werden. In Erfahrungsberichten aus Häusern in Deutschland wird betont, dass sich der Allgemeinzustand der Bewohner durchwegs verbessert und der Medikamentenbedarf drastisch verringert habe. Auch hier wird das Prinzip der Familie umgesetzt, soziale Netze werden wieder hergestellt.

 

 Nächste Ausgabe: Wie wir auch im Alter gesund bleiben können.

Kasten:
Daten und Fakten
1.300.000 Singelhaushalte gibt es derzeit in Österreich, ein Drittel aller Erwachsenen fühlt sich einsam. Insbesondere im höheren Alter zerreißen soziale Netze, nimmt die Vereinsamung und mit ihr das Krankheitsrisiko zu. Derzeit wohnen in Österreich 480.000 Personen über 60 Jahren in Einpersonenhaushalten. Bis 2030 steigt diese Zahl auf 773.000 an. Für die Betreuung stehen heute noch statistisch gesehen 4,3 jüngere Menschen für eine Person im Alter von über 60 Jahren zur Verfügung, 2030 nur noch 2,7.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche 46 /2009

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