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Dr. Hubert Mittermayr Allgemeinmediziner mit Haus- apotheke in Scharnstein
Foto: Privat
Dr. Hubert Mittermayr Allgemeinmediziner mit Haus- apotheke in Scharnstein
 
Gesundheitspolitik 12. November 2009

Hausapotheke adé

Die Ärztekammer schreit auf, die Apothekerkammer polemisiert, der Landarzt sieht sorgenvoll in die Zukunft.

Abgelegene ländliche Gemeinden sind neuerdings für Apotheker attraktiv. Was die Pharmazeuten lockt, ist mitunter weniger die ländliche Idylle als die Hoffnung, den Landärzten mit Hausapotheke das Geschäft abzuluchsen. Ob dies zum Wohle der Patienten ist, muss sich erst erweisen – Zweifel sind durchaus berechtigt, wie ein Gespräch mit einem betroffenen Allgemeinmediziner nahelegt.

Die Gemeinde Scharnstein ist eine jener ländlichen Gemeinden, in der in Bälde eine neue Apotheke eröffnet, wodurch à la longue Hausapotheken geschlossen werden müssen. Im Gespräch mit der Ärzte Woche skizziert Dr. Hubert Mittermayr, Hausarzt und Hausapotheker in Scharnstein, die Hintergründe und Auswirkungen.

 

Wie sehr betrifft Sie die geplante Apothekeneröffnung?

MITTERMAYR: Die Problematik besteht schon jahrelang. Es gab immer wieder Ansuchen für die Eröffnung einer öffentlichen Apotheke. Nach der letzten Gesetzesänderung 2006 wurde dies bewilligt, voraussichtlich wird die Apotheke nächstes Jahr eröffnet. Für mich persönlich geht sich die zehnjährige Rücknahmezeit mit dem Zeitpunkt meines Pensionsantrittes aus, mich trifft das im Jahr 2016 nicht mehr sehr. Aber natürlich gibt es dann in Scharnstein keine Hausapotheke mehr. Und gerade in Zeiten wie diesen, wo die Landpraxen nicht sehr begehrt sind, weiß ich nicht, ob dann für einen jungen Kollegen die Attraktivität gewährleistet ist, eine Ordination zu übernehmen.

 

Wie hoch schätzen Sie den Einkommensanteil der Hausapotheke?

MITTERMAYR: Auf zirka 15 Prozent des Gesamtgewinns vor Steuern.

 

Die Apothekerkammer vertritt den Standpunkt: Wenn die Ärzte zu wenig verdienen, dann müsste sich ihre Standesvertretung um eine bessere Honorierung kümmern …

MITTERMAYR: Ich glaube nicht, dass man das Problem so lösen kann. Prinzipiell ist der ländliche Raum auch mit Mehrarbeit verbunden: mehr Bereitschafts- und Wochenenddienste. Weil die Ärztedichte dünner ist, gibt es halt auch die Hausapotheken dazu. Bis vor wenigen Jahren war es kein Thema, dass sich Apotheken in dünn besiedelten Gebieten niederlassen. Erst mit der Liberalisierung durch die Gesetzesänderung 2006 hat sich dies geändert.

 

Hat die Ärztekammer nicht gut genug für ihre Mitglieder verhandelt?

MITTERMAYR: Da bin ich mir sicher, weil die Ärzteschaft im Gegensatz zur Apothekerschaft eine sehr heterogene Gesellschaft ist. Die rund 900 Hausapotheker sind eine verschwindende Minderheit. Wir sind natürlich auch Neidkomplexen von Kollegen ausgesetzt. Wohlwissend, dass man mit der Hausapotheke etwas verdienen kann, aber ignorierend, dass die Tätigkeit in der Peripherie mehr Arbeit bedeutet.

 

Laut Umfrage der Apothekerkammer begrüßen 92 Prozent der Bevölkerung die Öffnung neuer Apotheken. Was sagen Ihre Patienten?

MITTERMAYR: Es ist immer die Frage, wie solche Umfragen stattfinden. Wenn Sie zum Patienten sagen: „Wir kriegen eine Apotheke und das bedeutet, dass Sie sich für rezeptpflichtige Medikamente zuerst das Rezept holen und dann in die Apotheke gehen müssen“, werden wahrscheinlich 100 Prozent dagegen sein. Ich habe einmal einen sehr guten Spruch gehört: Die öffentliche Apotheke ist besser für die Gesunden, die Hausapotheke ist besser für die Kranken. Da ist etwas dran. Wenn ich Visiten fahre, nehme ich die Medikamente mit, und ich fahre Visiten nicht nur aus medizinischen, sondern auch aus sozialen Aspekten. So wie der Bäcker das Brot ins Haus bringt, bringe ich halt die Medikamente mit. Das machen Apotheken sicher nicht, das wird nicht funktionieren.

 

Die Apothekerkammer kritisiert, dass der Arzt mit Hausapotheke Medikamente verordnet und gleichzeitig daran verdient. Was halten Sie davon?

MITTERMAYR: Statistiken zu den Verschreibungsgewohnheiten zeigen, dass die Hausapotheker verglichen mit anderen niedergelassenen Ärzten relativ billig verschreiben. Wir haben mehr Preisbewusstsein, weil wir die Kosten sehen – dieses Bewusstsein ist traditionell gewachsen und nicht erst seit kurzem.

 

Wie viele Ärzte sind in Ihrer Gemeinde betroffen?

MITTERMAYR: Ein Kollege und ich. Und in der Gemeinde Grünau betrifft es einen Kollegen insofern, als er beim Bereitschaftsdienst in Scharnstein keine Medikamente aus seiner Hausapotheke mehr wird abgeben dürfen.

 

Wieso wendet sich die Ärztekammer gerade jetzt mit einem Aufschrei an die Öffentlichkeit – was soll denn die Bevölkerung machen, etwa vor dem Gesundheitsministerium demonstrieren?

MITTERMAYR: Diese Aktivitäten sind Alibiaktionen. Was soll man jetzt an einem beschlossenen Gesetz ändern? Nur weil irgendwo wer etwas verliert, wird das nicht viele Leute interessieren. Es wird auch ohne Hausapotheken gehen, aber unter anderen Bedingungen. Und nachdem der Trend nicht unbedingt in Richtung ländlicher Raum geht, wird die Situation eher schlimmer werden. Die Frage ist, ob die Apotheken, die dann in der Peripherie sitzen, noch lebensfähig sind, wenn keine Verschreiber mehr da sind.

 

Das Gespräch führte Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

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