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Gesundheitspolitik 12. November 2009

Hausapotheken-Sterben und Nachfolgesorgen

Die Österreichische Ärztekammer warnt in regelmäßigen Abständen vor einem Ausdünnen der landärztlichen Versorgung, weil immer mehr Apotheken in der Peripherie aufmachen.

Rund 2.000 Landärzte betreuen ihre Patienten auch in abgelegenen Gegenden medizinisch. Sie machen durchschnittlich 850 Hausbesuche jährlich, mit 935 ärztlichen Hausapotheken versorgen sie dabei zwei Millionen Menschen daheim oder in der Ordination sofort mit lebensnotwendigen Medikamenten. Diese wichtige Infrastruktur ist jetzt in Gefahr, warnt die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK).

 

Immer mehr von Landärzten geführte Hausapotheken müssen aufgrund der veränderten Gesetzeslage von 2006 zugunsten öffentlicher Apotheken schließen (siehe Kasten 1). Für betroffene Landarzt-Ordinationen finden sich aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nur noch schwer Nachfolger. Die Bereitschaft junger Ärzte, eingeführte Landarztordinationen zu übernehmen, sank in den letzten zwei Jahren um 20 Prozent. In Salzburg-Land werden der Bevölkerung sogar mehrere ärztliche Landarztordinationen langfristig verloren gehen. Hier ist bereits jede fünfte ärztliche Hausapotheke von der Schließung bedroht.

Gegen „Kampfgründungen“

Hintergrund der bedenklichen Entwicklung ist eine Vielzahl neuer Apothekengründungen, die strategisch so geplant werden, dass ärztliche Hausapotheken aufgrund der veränderten Gesetzeslage schließen müssen (siehe Kasten 2). Unter anderem werden konkurrierende Apotheken-Container so in die gesetzlich vorgeschriebene „Bannmeile“ zum benachbarten Landarzt gestellt, dass dieser die behördliche Auflage erhält, seine Hausapotheke zu schließen. Das Gesetz legt zwar ausdrücklich fest, dass in kleinen Gemeinden mit nur einem Arzt die Medikamentenversorgung der Bevölkerung durch ärztliche Hausapotheken erfolgen soll, räumt aber gleichzeitig den öffentlichen Apotheken die Möglichkeit ein, durch „Kampfgründungen“ (O-Ton ÖÄK) ärztliche Hausapotheken zum Zusperren zu zwingen.

Umfassende Versorgung durch Landmedizin absichern

Der Leiter des Referats für Landmedizin und Hausapotheken in der ÖÄK, Dr. Jörg Pruckner, fordert vor diesem Hintergrund die politische Anerkennung des Grundsatzes, dass in Ein-Arzt-Gemeinden Arzneimittel- und ärztliche Versorgung eine Einheit sein müssen. „Dieser Grundsatz, den auch schon ein neueres VfGH-Urteil bestätigt hat, muss nun auch in gesetzliche Maßnahmen einfließen“, so Pruckner. „Es ist hoch an der Zeit, das Bekenntnis zur wichtigen Funktion des Hausarztes auch legistisch abzusichern. Gerade auf dem Land ist der Hausarzt der medizinische Nahversorger schlechthin und erfüllt auch eine eklatante soziale Funktion. Deshalb muss die Politik dieser schleichenden Aushöhlung gegensteuern.“

Hausapotheken-Auflassung schreckt Praxis-Nachfolger ab

Pruckner beobachtet, dass die Auflassung von immer mehr ärztlichen Hausapotheken mittlerweile bundesweit potenzielle Bewerber von der Übernahme einer Ordination abschreckt. „Neben den hohen bürokratischen Auflagen für Landärzte, den überzogenen Bürokratie- und Dokumentationsvorschriften, neben der Einschränkung der Verschreibungsmöglichkeiten und den zahlreichen ökonomischen Zwängen kommt nun der Wegfall von Hausapotheken als Negativ-Aspekt“, gibt Pruckner zu bedenken. „Die Bereitschaft junger Ärzte, eine Landordination zu übernehmen, ist in den vergangenen zwei Jahren um etwa 20 Prozent gesunken.“

Versorgungskrise auf dem Land absehbar

„Da in den nächsten Jahren ein Drittel aller Allgemeinmediziner in Pension gehen wird, ist eine ernste Versorgungskrise absehbar“, warnt auch der Leiter des Medikamenten-Referats in der ÖÄK, Dr. Otto Pjeta. Ohne landärztliche Betreuung sei eine adäquate medizinische Versorgung der Menschen nicht gewährleistet.

Die Landärzte seien auf alle existentiellen Bedürfnisse mehrfachkranker, pflegebedürftiger und immobiler Patientinnen und Patienten eingestellt. Das gehe sogar so weit, dass die Landärzte ein kostenloses Zustellservice für Medikamente eingerichtet hätten. Auch dies sei ein entscheidender Vorteil für die Bevölkerung: „Wenn die öffentlichen Apotheken dieses Service anbieten, dann gegen Verrechnung von Gebühren und Transportkosten“, so Pjeta.

Beispiele skurriler Verdrängungsmethoden

In der Kärntner Ein-Kassenvertragsarzt-Gemeinde Maria Rain muss nach der Pensionierung des Arztes die Hausapotheke neu bewilligt werden. Nach der aktuellen Rechtslage ist nun eine skurrile Diskussion darüber ausgebrochen, ob für die Bemessung des Abstandes zwischen Hausapotheke und nächstgelegener öffentlicher Apotheke Straßenverbindungen oder auch Schleichwege herangezogen werden dürfen. Die Argumentation zielt darauf ab, die Bewilligung der ärztlichen Hausapotheke zu verhindern.

In Hof bei Salzburg war die Bewilligung zur Errichtung einer neuen öffentlichen Apotheke in unmittelbarer Nähe eines Arztzentrums erteilt worden. Um jedoch die Entfernung zur nächstgelegenen ärztlichen Hausapotheke unter den gesetzlich vorgegebenen Mindestabstand zu drücken, verlegte die öffentliche Apotheke entgegen den Wünschen der Gemeinde ihren Standort an den Ortsrand. Nun beträgt die Distanz zwischen der öffentlichen Apotheke und der ärztlichen Hausapotheke in der Nachbargemeinde Koppl weniger als sechs Kilometer.

In Niederösterreich nahe der Gemeinde Paudorf wurde ein Container für eine neu zu gründende öffentliche Apotheke auf einem Bergsattel an einem Maisfeld strategisch so ausgerichtet, dass die Entfernung zum Paudorfer Landarzt möglichst kurz wurde, sich der Container aber gerade noch am äußersten Rand der Nachbargemeinde Furth befindet.

Kasten 1:
Bundesweite Entwicklung „verheerend“
Konkret entwickelt sich die Situation der Medikamentenversorgung am Land in den verschiedenen Bundesländern „verheerend“, warnt Dr. Otto Pjeta, Leiter des Medikamentenreferates der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Landesweit sind demnach 85 ärztliche Hausapotheken von der Niederlassungspolitik der Apothekerschaft betroffen. 31 haben bereits geschlossen, 54 stehen davor, zum Teil auch deshalb, weil sie bei Pensionierung des Arztes nicht mehr an Nachfolger übergeben werden können. Der Trend zieht sich laut Pjeta durch alle österreichischen Landregionen, besonders betroffen sind die Steiermark, Oberösterreich und Salzburg:
In der Steiermark haben in den ersten drei Quartalen 2009 elf ärztliche
Hausapotheken ihre Pforten geschlossen. Weitere zwölf Hausapotheken stehen bereits definitiv vor der Schließung. Zusätzlich müssen weitere 13 Hausapotheken aufgrund laufender Konzessionsverfahren für öffentliche Apotheken um ihren Fortbestand zittern. Insgesamt sind also in der Steiermark im heurigen Jahr 36 Hausapotheken betroffen.
• In den oberösterreichischen Gemeinden Steyregg, Scharnstein, Ostermiething, Altenberg, Molln, Wartberg, Feldkirchen und Bad Zell ist jeweils eine Konzession für eine neue öffentliche Apotheke erteilt worden. Infolgedessen mussten in diesen Landgemeinden drei Hausapotheken zusperren, weitere 15 stehen vor der Schließung. In Buchkirchen sind drei Hausapotheken von einem Ansuchen für eine öffentliche Apotheke betroffen.
• Ähnlich ist die Situation in Salzburg-Land, wo bereits jede fünfte Hausapotheke von der Schließung bedroht ist. Damit gingen auch mehrere ärztliche Ordinationen verloren. Betroffen sind auch die Gemeinden Piesendorf, Eben in Pongau, Koppl, Hof, Leogang und Hüttschlag im Großarltal. Neun ärztliche Hausapotheken und zwei Kassenplanstellen sind gestrichen.
Kasten 2:
Apothekerkammer: „Wir verbessern die Arzneimittelversorgung.“
Die Österreichische Apothekerkammer weist die Kritik der ÖÄK vehement zurück. Hier eine kurze Zusammenfassung der markantesten Argumentationspunkte (www.apotheker.or.at):
• Bisher ist kein Fall bekannt geworden, dass eine Landarztpraxis nicht nachbesetzt werden konnte. Sollte ein Landarzt durch den Wegfall der Hausapotheke tatsächlich nicht wirtschaftlich überlebensfähig sein, dann ist die Ärztekammer als Berufsvertretung gefordert, für eine ausreichende Honorierung der Landärzte zu sorgen.

• Bei der Medikamentenabgabe direkt in der Arzt-Ordination steht der Arzt in einem Interessenkonflikt als Verkäufer und Verschreiber.
• In den vergangenen zehn Jahren haben 65 neue Apotheken in Gemeinden eröffnet, in denen es bisher keine öffentliche Apotheke gab. Im gleichen Zeitraum hat sich die Anzahl der ärztlichen Hausapotheken nur um 35 reduziert.

• Die Neueröffnung einer Apotheke wird laut Umfrage von 92 Prozent der Bevölkerung als persönlich vorteilhaft gesehen.

Ein Arzt mit Hausapotheke hält dem Vergleich mit einer öffentlichen Apotheke nicht stand: Kein Arzt mit Hausapotheke hat tausende Medikamente auf Lager und beschäftigt Akademiker, die nur für die Beratung und Abgabe von Medikamenten zuständig sind. Kein Arzt mit Hausapotheke fertigt „maßgeschneiderte“ Arzneimittel selbst an. Kein Arzt mit Hausapotheke hat – so wie jede Apotheke am Land – pro Woche 44 Stunden und länger offen.

Von Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 46 /2009

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