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Schlagabtausch im Kampf um die Hausapotheken
 
Gesundheitspolitik 9. November 2009

"Arzt gegen Apotheker“ ...

... hieß es in einer Presse - Aussendung der österreichischen Apothekerkammer in den vergangenen Tagen. Dem voraus ging eine Aussendung der Ärztekammer, die mit „Aufschrei der Landärzte“ titelte. Grund für den medialen Schlagabtausch ist das Arztsterben im ländlichen Raum, auf der einen Seite und die Apothekergesetz-Novelle 2006, auf der anderen Seite. Der Hintergrund: ärztliche Hausapotheken werden seit der Novelle nur dann nachbesetzt, wenn im gesetzlichen Umkreis von 6km keine Apotheke eröffnet wurde. Jungmediziner würde jedoch ohne Hausapotheke kaum eine Ordination im ländlichen Raum übernehmen.

Dass am „Landarztsterben“ die Apotheker Schuld sein sollen, wollen diese aber nicht verstehen: „Sollte ein Landarzt durch den Wegfall einer Hausapotheke tatsächlich wirtschaftlich nicht überlebensfähig sein, dann ist die Ärztekammer als Berufsvertretung gefordert, für eine ausreichende Honorierung der Landärzte zu sorgen,“ lässt deshalb die Apothekerkammer via Aussendung den Ärzten ausrichten.

Skurrile Verdrängungsmethoden

Die Ärzte wiederum wollen mit Beispielen aus der Praxis zeigen, dass es nicht nur an der Gesetzesnovelle läge, sondern vielmehr „skurrile Verdrängungsmethoden“ für Unruhe sorgten. Demnach würden neue Apotheken nicht nach entsprechenden Patientenbedürfnissen, sondern nach gesetzlichen Kilometerrichtlinien eröffnet. Hier zwei Beispiele:

Zitat Beispiel 1: „In Hof bei Salzburg war die Bewilligung zur Errichtung einer neuen öffentlichen Apotheke in unmittelbarer Nähe eines Arztzentrums erteilt worden. Um jedoch die Entfernung zur nächstgelegenen ärztlichen Hausapotheke unter den gesetzlich vorgegebenen Mindestabstand zu drücken, verlegte die öffentliche Apotheke entgegen den Wünschen der Gemeinde ihren Standort an den Ortsrand. Nun beträgt die Distanz zwischen der öffentlichen Apotheke und der ärztlichen Hausapotheke in der Nachbargemeinde Koppl weniger als 6 km.“

Zitat Beispiel 2: „In Niederösterreich nahe der Gemeinde Paudorf wurde ein Container für eine neu zu gründende öffentliche Apotheke auf einem Bergsattel an einem Maisfeld strategisch so ausgerichtet, dass die Entfernung zum Paudorfer Landarzt möglichst kurz wurde, sich der Container aber gerade noch am äußersten Rand der Nachbargemeinde Furth befindet.“

"Arzt verliert keine Patienten" 

Die Apothekerkammer will das natürlich nicht gelten lassen und spricht von der „Horrorvision verwaister Arztpraxen“, die lautstark von der Ärztekammer verkündet würde. Und das alles nur, „weil der eine oder andere Landarzt den Verkauf von Arzneimitteln einstellen muss.“ Der Grund für die Panikmache sei meistens die Eröffnung einer neuen Apotheke in unmittelbarer Nähe der betreffenden Arztpraxis.

Und: „Selbstverständlich verliert der Arzt durch die neue Apotheke keinen einzigen Patienten. Er geht weiter seinem erlernten Beruf nach und erstellt Diagnosen und Therapien. Lediglich der Verkauf von Arzneimitteln - der aus gesundheitspolitischen Gründen ohnehin nicht vom verschreibenden Arzt getätigt werden sollte - fällt weg.“

"Ernste Versorgungskrise absehbar"

Auch darauf haben die Ärzte natürlich eine Antwort parat: „Da in den nächsten Jahren ein Drittel aller Allgemeinmediziner in Pension gehen wird, ist eine ernste Versorgungskrise absehbar“, warnt der Leiter des Medikamenten-Referats in der ÖÄK, Otto Pjeta. „Die Apotheken sind außerhalb der Verkaufsstunden geschlossen und die Vertretungssysteme sind für viele Patienten eine unzumutbare Belastung.“

"Stimmt so nicht", meint Mag. Leopold Schmudermaier: "Kein Arzt mit Hausapotheke hat – so wie jede Apotheke am Land – pro Woche 44 Stunden und länger offen“, so der Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer „Ein Arzt mit Hausapotheke hält dem Vergleich mit einer öffentlichen Apotheke prinzipiell nicht stand: kein Arzt mit Hausapotheke hat tausende Medikamente auf Lager – eine Apotheke sehr wohl. Kein Arzt mit Hausapotheke beschäftigt Akademiker, die nur für die Beratung und Abgabe von Medikamenten zuständig sind – eine Apotheke sehr wohl. Kein Arzt mit Hausapotheke fertigt „maßgeschneiderte“ Arzneimittel selbst an – jeder Apotheker schon.

Machtkampf der Ständevertreter

Der Schlagabtausch der Interessensvertretung ist im vollen Gange. Die Liste der Argumente wird dementsprechend immer länger. Mittlerweile wird auch auf Länderebene diskutiert. So ließ zuletzt die Niederösterreichische Apothekerkammer mit der Idee eines kostenlosen Lieferservices aufhorchen. Auch die lokale Ärztekammer befürwortet das grundsätzlich. Aber geht es hier tatsächlich um das Landarztsterben und die Patientenversorgung oder ist hier möglicherweise der Machtkampf der Ständevertreter der Mittelpunkt der Diskussion? Ein Blick auf die Zahlen lässt zweiteres zumindest vermuten.

Möglicherweise 20 Hausapotheken nicht "nachbesetzt"

35 Hausapotheken wurden laut Apothekerkammer geschlossen, von 31 spricht die Ärztekammer. Zeitgleich (in den letzten 10 Jahren) wurden 65 Apotheken eröffnet. 54 weitere Hausapotheken stünden kurz vor dem „aus“, zum Teil deshalb, weil sie bei Pensionierung des Arztes nicht mehr an Nachfolger übergeben werden können.

Im schlechtesten Fall stünden also 85 geschlossene Hausapotheken 65 neuen Apotheken gegenüber. 20 Gemeinden hätten dann möglicherweise künftig mit der Versorgung zu kämpfen. Können also die Apotheken tatsächlich als Grund für das Landarztsterben herangezogen werden?

Kommenden Donnerstag in Ihrer ÄrzteWoche

Hausapotheken-Sterben und Nachfolgesorgen

red/Aussendungen Apothekerkammer/Ärztekammer

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