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Gesundheitspolitik 6. November 2009

"Forderung nach Qualität ist den Universitäten zumutbar! "

Während die Studenten lautstark demonstrieren, erhielt die MedUni Graz fast unbemerkt als erste österreichische Universität das AQA Zertifikat zur Qualitätssicherung. Der Mann dahinter ist Vizerektor Gilbert Reibnegger, der im Interview die Standards erklärt und zu den laufenden Studentenprotesten klar Stellung bezieht.

Es gibt, laut Presseaussendung sechs interne Standards zur Qualitätssicherung, welche sind das?

Gilbert Reibnegger: Die Punkte, die im Zuge der externen Überprüfung besonders wichtig waren, sind: Das Vorhandensein und die Schlüssigkeit einer universitätsinternen Qualitätsstrategie, Qualitätsmanagement als Leitungsverantwortung und drittens klare Zuständigkeiten und Transparenz bei allen relevanten Prozessen und Abläufen.

Außerdem war es wichtig, dass wirksame Verfahren der internen Qualitätssicherung bestehen und dass es leistungsstarke Informationssysteme und ein systematisches, kontinuierliches Monitoring der Zielvorgaben gibt . Und als letzter Punkt: die unterschiedlichen Anspruchsgruppen innerhalb der Universität, wie zum Beispiel Studierende und Lehrende müssen systematisch in die relevanten Prozesse und Abläufe eingebunden sein.

Die MedUni Graz ist die erste Österreichische Universität, die die AQA Zertifizierung erhält. Was bedeutet das Zertifikat im täglichen Uni-Alltag für Studium, Lehre und Weiterbildung? 

Gilbert Reibnegger: Beispielsweise, dass die Studierenden im Alltag immer wissen, was sie erwartet, an wen sie sich in den verschiedensten Dingen wenden können, dass die verschiedenen Prozesse rasch und präzise bearbeitet und erledigt werden. Das gleiche gilt für die Lehrenden und Mitarbeiter der administrativen Abteilungen.

Inwieweit unterscheidet sich die MedUniGraz dadurch von anderen Medizinischen Universitäten in Österreich? 

Gilbert Reibnegger: Alle Universitäten, nicht nur die Medizinischen Universitäten, bemühen sich um den Aufbau von Qualitätssystemen. Die Medizinische Universität Graz hat hier einen zeitlichen Vorsprung, da wir sehr frühzeitig und sehr konsequent dieses Ziel als eine wichtige Herausforderung erkannt haben.

Zeitgleich finden in ganz Österreich Studentenproteste statt. Unterstützen Sie die Forderungen der Studenten?

Gilbert Reibnegger: Die grundsätzliche Forderung nach verstärktem und verbessertem Mitteleinsatz im Bildungsbereich unterstützen wir selbstverständlich. Manche der Forderungen sind allerdings etwas differenzierter zu betrachten als es in der momentan etwas aufgeladenen Stimmung tatsächlich geschieht.

An der MedUniWien bekamen gestern der Rektor und der Wissenschaftsminister ein Forderungspaket von der ÖH Medizin überreicht. Mehr Lehrende, mehr Mediziner, mehr Raum und höhere Flexibilität sind einige Forderungen. Nimmt die Qualitätssicherung an der MedUni Graz auch auf diese Kriterien Rücksicht?

Gilbert Reibnegger: Durch die Möglichkeit einer kapazitätsorientierten Studienplatzbewirtschaftung haben sich die Verhältnisse an der Med Uni Graz so wie an den anderen Medizinischen Universitäten stark gebessert. Allerdings gibt es medizinspezifische Probleme wie etwa das grundsätzlich zu befürwortende Ärztearbeitszeitgesetz, welches einen Personalmehraufwand nach sich zieht, der bisher keineswegs bedeckt wurde.

Hier ebenso wie bei der grundsätzlichen Forderung, die längst beschlossene Erhöhung des Universitätbudgets auch tatsächlich zu realisieren, gibt es für die Politik massiven Handlungsbedarf. Wo immer es in der Macht und im Bereich des Möglichen für die Universität selbst steht, versuchen wir gerade durch die Instrumente der Qualitätssicherung, die angesprochenen Themen zu optimieren.

Wie gehen Sie als zuständiger Vizerektor mit den Forderungen der Studenten auf der einen Seite und den fehlenden Mitteln auf der anderen Seite, um?

Gilbert Reibnegger: Politik – und hier unterscheidet sich die Universitätspolitik nicht grundsätzlich – ist immer die Kunst des Möglichen und damit die Herausforderung, die unterschiedlichen Interessen mit den gegebenen realen Möglichkeiten bestmöglich zur Deckung zu bringen.

Wir sind an der Med Uni Graz in stetem konstruktiven Dialog mit unseren Studierenden, versuchen, das Mögliche im Interesse der Studierenden umzusetzen, und bemühen uns dort Verständnis zu erzeugen, wo der Rahmen des Machbaren überschritten wird. Dieser kommunikative Weg hat uns in den vergangenen Jahren sehr viel weiter gebracht, und dies wird meines Erachtens von unseren Studierenden auch sehr geschätzt.  

Glauben Sie werden die Studentenproteste zu positiven Veränderungen in der Bildungspolitik führen?  

Gilbert Reibnegger: Ich hoffe doch, dass wesentliche Defizite des derzeitigen universitären Systems nicht länger in der Tabuzone der Denk- und Diskussionsverbote verharren werden, sondern dass ein wirklicher Entwicklungsprozess einsetzen wird. Der Mantel der „Freien Hochschulzugangs“ hat bisher eine ernsthafte Auseinandersetzung um wesentliche Rahmenbedingungen der universitären Situation verhindert.

In den Studienrichtungen, wo zwischen der Nachfrage und dem verfügbaren Angebot riesige Lücken klaffen, wird man einerseits um eine entsprechende Erhöhung der Mittel nicht herumkommen, andererseits dürfen in solchen Fällen aber auch kapazitätsorientierte Studienplatzregelungen nicht grundsätzlich aus der Diskussion ausgespart werden: Oberstes Ziel muss die Aufrechterhaltung der Qualität der vermittelten Bildung und Ausbildung sein.

Es ist weiters vollkommen absurd, von den verantwortlichen UniversitätsmangerInnen in den überlaufenen Studienrichtungen optimale organisatorische Überwindung aller Probleme zu fordern, ohne ihnen die dafür notwendigen Mittel in die Hand zu geben. Wie soll eine rationale Semesterplanung geben funktionieren, wenn trotz Semesterbeginn Anfang Oktober die Universitäten frühestens Anfang Dezember wissen, wie viele Studierende sie eigentlich haben.

Heißt das Qualität ist nicht machbar?

Gilbert Reibnegger: Die Forderung nach Qualität ist den Universitäten grundsätzlich zumutbar! Sie ist auch kein Anschlag auf die Freiheit von Forschung und Lehre. Qualität von den Universitäten lauthals zu fordern, ihnen aber die dafür notwendigen Mittel und Instrumente zu versagen, ist nicht bloß fahrlässig, sondern in hohem Maße unehrlich und unfair.

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