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Foto: pixelio.de/Larisa-Schmyrova / Ärzte-Woche-Montage
Die Art, wie und wo wir wohnen, hat starken Einfluss auf unsere Gesundheit. Wir können aber auch selbst mitsteuern.
 
Gesundheitspolitik 3. November 2009

Wenn die eigenen vier Wände zum Gesundheitsrisiko werden

Wir halten uns 90 Prozent der Zeit in geschlossenen Räumen auf. Luftqualität, Raumklima, Lärm, Unfallrisiko und Sicherheit sind deshalb bedeutende Gesundheitsaspekte.

Problem

Schlechte Wohnbedingungen erhöhen das Risiko, an psychischen Erkrankungen, Asthma, Allergien oder Schlafstörungen zu leiden. Auch Zusammenhänge zwischen Herzinfarkt, Schlaganfall und Wohnqualität sind nachgewiesen, nicht zu vergessen das Unfallrisiko in den eigenen vier Wänden. Die Wohnung wird allerdings stark vom Einkommen bestimmt. Zudem sind Gesundheitsexperten in Raumplanung und Bauverfahren noch immer eher selten eingebunden.

 

Lärmbedingter Stress, Giftstoffe wie Blei, Asbest oder Kohlenmonoxid können ernsthafte Folgen für die Gesundheit haben, bemängelt die WHO in einer Studie, die in acht europäischen Städten zwischen Lettland und Portugal durchgeführt wurde und an der mehr als 4.000 Personen beteiligt waren. Das Ergebnis in Kurzform: Wo und wie man lebt, das hat mit Auswirkungen auf die Gesundheit.

„Die mangelhafte Stadtplanung, das Fehlen von Bäumen, Parks oder Flächen zum Spazierengehen können mit unzureichender physischer Aktivität, Übergewichtigkeit, abnehmendem Sozialisationsvermögen und einer Zunahme an motorisiertem Transport in Zusammenhang gebracht werden“, heißt es in der Studie. Schlechte Wohnbedingungen erhöhen das Risiko für Asthma, Allergien der Haut, der Atemwege und andere Lungenerkrankungen. Sie wirken sich auf die Unfall- und Verletzungsquoten, soziale und psychische Erkrankungen wie etwa Depression, Vereinsamung, Angstgefühle und Aggressionen aus. Betroffen sind vor allem Menschen mit niedrigerem Einkommen, die armutgefährdet sind. Ständige Existenzängste erzeugen Stress. Die Sorge, nicht genug Geld zum Leben zu haben, den Wohnraum nicht bezahlen zu können, aber auch Sorgen um die Zukunft der Kinder belasten und machen krank. Allein in Österreich leben rund 90.000 Kinder und Jugendliche (etwa zwölf Prozent) im Alter zwischen sieben und 14 Jahren in einer überbelegten Wohnung. Wenn diese Kinder aus der Schule kommen, haben sie nicht ausreichend Platz und Ruhe, um Hausaufgaben zu machen, sagen Experten. Die Wohnungen sind klein, in schlechter – weil billiger – Lage, meist an Verkehrsadern mit schlechter Luft und hoher Lärmbelastung.

WHO

Um Straßen- bzw. Verkehrslärm als Risikofaktor nachzuweisen, hat das deutsche Umweltbundesamt (UBA) einen Lärm-Fragebogen ausgearbeitet und von mehr als 4.000 Patienten und Patientinnen ausfüllen lassen, die in Berliner Kliniken wegen unterschiedlicher Krankheiten behandelt wurden. Es zeigte sich, dass die Männer mit Herzinfarkt öfter an lauten Straßen wohnten. Es bestand eine Dosis-Wirkungs-Beziehung in Form eines ansteigenden Herzinfarktrisikos mit zunehmender Verkehrslärmbelastung.

Sehr viele Unfälle passieren zudem in den eigenen vier Wänden. Die Ergebnisse der WHO-Studie deuten darauf hin, dass die Ursachen unter anderem mit der Lichteinwirkung, dem Wohnklima, der Wohnungstemperatur und der Unzufriedenheit der Bewohner mit ihrem Zuhause zusammenhängen. Unfälle in der Küche ereignen sich ebenfalls vor allem, wenn die Bewohner mit dem Raum unzufrieden sind, weil zum Beispiel zu wenig Arbeitsfläche vorhanden ist.

Lösungen

WHO und UNO fordern seit Jahren, die Zusammenhänge zwischen Wohnen und Gesundheit ernst zu nehmen und die Wohnsituation der Menschen zu verbessern. Einige der Wohn-Faktoren, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken, sind allerdings schwer veränderbar, weil sie vom Verhalten der Bewohner abhängig sind.

 

Die Deklaration der UN Habitat Konferenz (Istanbul 1996) listet folgende Charakteristika für eine „adäquate Unterkunft“ auf, die der Beschreibung von gesundem Wohnen sehr nahe kommt: „Eine adäquate Unterkunft besteht aus mehr als nur einem Dach über dem Kopf. Sie bedeutet ebenso adäquate Privatsphäre, ausreichenden Wohnraum, physische Zugänglichkeit, angemessene Sicherheit, Sicherheit von Besitzstrukturen, bauliche Stabilität und Dauerhaftigkeit, adäquate Beleuchtung, Heizung und Lüftung, angemessene Hygieneinstallationen (wie etwa Wasserversorgung, Sanitär- und Abfallentsorgungseinrichtungen).“ Diese Merkmale müssten zu erschwinglichen Kosten erhältlich sein. Der Abbau sozialer Ungleichheiten und Armutsbekämpfung sind somit auch geeignete Mittel für Verbesserungen.

Doch Regierungen und Gesundheitsbehörden können nicht alles regeln. Einige Faktoren im Wohnungsbereich, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken, sind nur sehr schwer veränderbar, sind sie doch vor allem vom Verhalten der Bewohner, d.h. der Art und Weise, wie von der Wohnung und dem Wohnumfeld Gebrauch gemacht wird, abhängig.

Unter diese Verhaltensweisen fallen zum Beispiel das Lüften, Koch- und Badegewohnheiten, die allesamt die Innenraumluftqualität, die Feuchtigkeit und die Schimmelanfälligkeit beeinflussen können. Sie hemmen oder unterstützen die Wirkung von Lüftungs- und Heizungssystemen oder die Wärmedämmung des Gebäudes. Entsprechende Informationen in Schulen und am Arbeitsplatz wären sinnvoll, sagen die WHO-Experten. Ebenso könnten Vermieter – auch im eigenen Interesse – ihre Mieter regelmäßig über richtiges Heizen und Lüften aufklären.

Für lokale und regionale Politiker wäre es sinnvoll, diese Zusammenhänge zu kennen und dafür Sorge zu tragen, dass Sozialwohnungen und preisgünstige öffentliche Wohnungen nicht auf minderwertigen Grundstücken in Lärm-verseuchtem Umfeld gebaut werden, betonen die Gesundheitsjournalisten Martin Rümmele und Andreas Feiertag in ihrem Buch Zukunft Gesundheit. Laut WHO-Studie hängt die Zufriedenheit mit der Wohnung signifikant mit der Bewertung der Luftqualität und der optischen Erscheinung der Nachbarschaft zusammen. Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld wird beeinflusst durch die Stärke der Lärmbelastung, Belästigung durch Umweltprobleme und die quantitative und qualitative Versorgung mit Grünflächen.

 

 Nächste Ausgabe: Wie Familie und das soziale Gefüge die Gesundheit beeinflussen können.

Kasten:
Daten und Fakten
8 Milliarden € hat die Entwicklungsbank des Europarates (CEB) in den vergangenen fünf Jahren für Darlehen zur Förderung von Sozialprojekten ausgegeben. Von diesen zielten 22 Prozent auf wohnbezogene Probleme, zehn Prozent auf Gesundheitsprojekte und 14 Prozent auf Umweltprogramme ab. Zusammen betrachtet, stellen „Wohnen“, „Gesundheit“ und „Umwelt“ die wichtigsten Aufgabenfelder der Bank dar. Über die Hälfte der Zahlungen wurde hierfür getätigt.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 45 /2009

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