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Gesundheitspolitik 29. Oktober 2009

Krise gefährdet die Gesundheit

EU und Therapeuten warnen vor negativen Folgen der Finanzkrise für Arbeitssicherheit und Psyche. Dem Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz wird in Zeiten der Krise weniger Augenmerk geschenkt.

Die Ergebnisse einer aktuellen europaweiten Umfrage der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (EU-OSHA) zeigen, dass viele europäische Bürger befürchten, die Wirtschaftskrise könnte sich negativ auf Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz auswirken. 52Prozent der Österreicher sehen hier einen Zusammenhang, zählen im Vergleich dennoch zu den Optimisten.

Der Umfrage zufolge erwarten sechs von zehn Europäern, dass der weltweite Konjunkturabschwung zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, besonders im Hinblick auf Gesundheit und Sicherheit, führen wird. Eine deutliche Mehrheit der Befragten (75 %) glaubt, dass Krankheiten zumindest teilweise durch die Arbeit verursacht werden. In Österreich sind es sogar 77Prozent.

Ängste und Sorgen nehmen zu

Aktuelle Studien belegen, wie stark sich die Wirtschaftskrise auf die Gesundheit jener Menschen auswirkt, die Arbeit haben. So gaben etwa 29 Prozent von 1.200 befragten US-Männern und -Frauen an, durch Sorgen und Ängste in Bezug auf die aktuelle wirtschaftliche Situation weniger gut oder weniger lang zu schlafen. Ursachen dafür sind Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, Schulden, Arbeitsplatzverlust, Hypothekenrückzahlungen und der Verlust der Pensionsvorsorge.

Nach einer anderen Studie fühlen sich Menschen vom wirtschaftlichen Status quo beunruhigt und ermüdet und entwickeln ungesunde Lebensweisen, um mit dem Stress umzugehen. „Stress ist der häufigste Grund, warum die Leute wieder mit dem Rauchen, Trinken und Drogenkonsum beginnen. Weitere Auswirkungen: Übergewicht, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, schreibt Petros Levounis vom Roosevelt Hospital in NewYork.

Und auch in Österreich hat der Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) vor einen Anstieg an psychischen Störungen und dem Selbstmordrisiko gewarnt. „Wir sind überzeugt, dass jetzt ein flächendeckendes Therapieangebot kommen muss“, sagt ÖBVP-Präsidentin Eva Mückstein. In der Bevölkerung herrsche „kollektive Verunsicherung“: Negative Prognosen würden Existenzängste schüren, so die Präsidentin beinahe wortgleich zu den US-Studien. Für viele Betroffene könnte die Finanzkrise „der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt“.

Besonders gefährdet seien armutsgefährdete oder manifest arme Menschen – „immerhin eine Million bzw. 459.000 Menschen in Österreich“. Jobverlust sei ein weiteres Gesundheitsrisiko. Denn Arbeit stelle das „erweiterte Ich“ dar: „Brechen Teile davon weg, kommt es zur Destabilisierung der Persönlichkeit und psychische Krisen sind die Folge“, sagt Mückstein.

Mit zunehmender Arbeitslosigkeit machen sich die Menschen also mehr Sorgen um ihren Arbeitsplatz als um Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Auf die Frage nach den Faktoren bei der Wahl eines neuen Arbeitsplatzes geben die europäischen Bürger einem sicheren Arbeitsplatz und einem guten Gehalt Vorrang vor gesunden und sicheren Arbeitsbedingungen.

 

Lösungen

Die EU warnt: Die Finanzkrise könnte Firmen dazu verleiten, die Bedeutung der Arbeitssicherheit nicht oder nicht ausreichend zu beachten. Es besteht sogar die Gefahr, dass Unternehmen Kürzungen in die Arbeitssicherheit in Erwägung ziehen. Aufgabe sei es, Firmen zu überzeugen, dass es keinen Zweck hat, kurzfristige Gewinne auf Kosten langfristiger Probleme zu erzielen.

Jukka Takala von der EU-OSHA ist überzeugt, dass Unternehmen mit hohem Gesundheitsaktivitäten auch besonders produktiv sind. Ermutigend sei zudem, dass die Menschen in vielen Mitgliedstaaten sich über Risiken am Arbeitsplatz für gut informiert halten. 57 Prozent glauben, dass sich die Arbeitssicherheit in den letzten fünf Jahren verbessert hat. In Österreich sind 49 Prozent dieser Meinung.

Die EU-weite Umfrage zeigte auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Einstellung zur Arbeitssicherheit. Männer nannten das Gehalt (61 %) und die Arbeitsplatzsicherheit (55 %) als wichtigste Faktoren bei der Entscheidung für eine neue Stelle, während die Frauen diese Faktoren weniger häufig (53 bzw. 51 %) angaben. Für Frauen sind hingegen die Arbeitszeiten wichtiger (26 %) als für die Männer (19 %).

Takala: „ Es ist unabdingbar, die Arbeitssicherheit auch unter geschlechtsspezifischen Aspekten zu betrachten. Die „Doppelbelastung“, der Frauen immer noch viel stärker ausgesetzt sind, und die Tatsache, dass auf Arbeitsunfälle mehr Augenmerk gelegt wird als auf die Gesundheit am Arbeitsplatz, sind nur einige der anstehenden Herausforderungen.“

Informationskampagne startet

Die EU-OSHA deshalb im Herbst die weltweit größte Informationskampagne. In Österreich findet am 12. November die Veranstaltung „Gefährdungsbeurteilung – ein wichtiger Baustein zur Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz“ statt.

Die Betriebsräte der Unfallversicherung (AUVA) wiederum nehmen in ihrem Zukunftskonzept für die AUVA, das kürzlich präsentiert worden ist, ebenfalls auf die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz rücksicht. Unter dem Titel: „Unsere AUVA – Das Kompetenzzentrum für Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitswelt“ fordern die Betriebsräte vom politisch Verantwortlichen, der Unfallversicherung, auch die Prävention für arbeits- und berufsbedingte Erkrankungen – die nach dem Nutzerprinzip rückfinanziert werden sollen – zu ermöglichen. Diese Erkrankungen würden immer mehr zunehmen und der Volkswirtschaft bereits Schäden in Milliardenhöhe verursachen.

Therapeuten wie Mückstein wie-derum fordern, dass die Gebietskrankenkassen gerade jetzt mehr Mittel für die Betreuung von psychisch belasteten und erkrankten Menschen zur Verfügung stellen.

Kasten:
Daten und Fakten
9,7 Millarden €
macht das Bankenrettungspaket der Regierung bisher aus. Es belastet damit das Budget zusätzlich, dessen Defizit aufgrund der Wirtschaftskrise schon im Vorjahr mit 9,56 Milliarden € deutlich über den veranschlagten 3,83 Milliarden Euro lag. Sozialminister Rudolf Hundstorfer geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im bevorstehenden Winter auf bis zu 360.000 Personen ansteigen wird. Je schlechter die Ausbildung, desto höher das Risiko, arbeitslos zu werden: Die Arbeitslosenrate bei Personen, die maximal einen Pflichtschulabschluss vorweisen können, betrug Ende September 15,9 Prozent.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Birgit Köhlmeier und Martin Rümmele, Ärzte Woche 44 /2009

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