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Foto: flickr/PhatAlbert / Ärzte-Woche-Montage
Der Straßenverkehr ist einer der stärksten Krankmacher. Experten fordern deshalb Maßnahmen zur Verkehrsreduktion.
 
Gesundheitspolitik 20. Oktober 2009

Die Zerstörung der Umwelt zerstört auch unsere Gesundheit

Die Zerstörung der Umwelt zerstört auch unsere Gesundheit

Umwelt und Verkehr haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Doch bis heute werden diese Themen höchstens am Rande an die Gesundheitspolitik gekoppelt.

Problem Mehr als ein Viertel der globalen Neuerkrankungen ist laut einer Studie der Cornell University New York auf die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden zurückzuführen. Weltweit stehen rund 40 Prozent der krankheitsbedingten Todesfälle mit der Zerstörung der Umwelt in Zusammenhang.

Der Luftverschmutzung sind in Österreich jedes Jahr rund 6.000 Todesfälle zuzuschreiben, mehr als 2.500 davon dem motorisierten Straßenverkehr, heißt es in einer Studie der WHO. Jährlich erhalten mehr als 6.500 Menschen die Diagnose chronische Bronchitis, fast die Hälfte davon wird auf den Straßenverkehr zurückgeführt. Der Schweizer Wissenschaftler Nino Künzli, Leiter des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Basel, hat herausgefunden, dass Kinder, die entlang einer verkehrsreichen Straße wohnen, ein 40 Prozent höheres Risiko haben, Asthma zu bekommen.

Mehr als 60 Prozent der österreichischen Bevölkerung leben in Gebieten, in denen die Lärmeinwirkung untertags höher als 55 Dezibel liegt. Zu diesem Ergebnis kommen Untersuchungen des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ). Hauptverursacher ist auch hier der Verkehr. Konstanter Verkehrslärm führt zu Stress, Aggressionen, Schlafstörungen und Konzentrationsschwäche, hohem Blutdruck, hohen Cholesterinwerten, psychischen Störungen wie Depressionen sowie zu einem geschwächten Immunsystem. Doch nicht nur motorisierter Verkehr schädigt Umwelt und Gesundheit. Das gehäufte Auftreten neuer Infektionskrankheiten ist laut Tony McMichael von der australischen Canberra-University eine direkte Folge von Umweltzerstörung, Armut, übervölkerten Städten, Klimawandel und internationalem Reiseverkehr. In den vergangenen 25 Jahren seien 35 Infektionskrankheiten neu entstanden oder entdeckt worden. Hinzu komme aufgrund von Klimaänderungen das Wiederauftauchen schon lange bekannter Krankheiten wie Tuberkulose und Cholera. Hubert Weinzierl, deutscher Naturschützer

 

In Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden ist Trinkwasser das am intensivsten kontrollierte Lebensmittel. Doch das ist nicht überall so. Etwa drei Milliarden Menschen, also knapp die Hälfte der Weltbevölkerung (6,8 Mrd. Menschen), haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Unzureichende Versorgung mit sauberem Trinkwasser und damit zusammenhängende mangelhafte Hygiene sind in Entwicklungsländern die Hauptursache für Krankheiten und Todesfälle. Das hat auch Auswirkungen auf Europa. Wer in seiner Heimat nicht überleben kann, flüchtet und schleppt – ungewollt – oft ansteckende Krankheiten mit sich.

Auch Pflanzen „wandern“ mit Reisenden von Süden nach Norden und machen Allergikern das Leben schwer. Allergien drohen so zur Volkskrankheit Nummer eins zu werden. In der EU sind bereits 80 Millionen Menschen betroffen. n Lösungen Verbesserung der Luftqualität, Reduktion der Schadstoffbelastung in Luft und Boden, Lärmvermeidung, sorgsamer Umgang mit den Wasserreserven – all das schützt die Umwelt und unsere Gesundheit. Wenn dann auch noch Bewegung gezielt gefördert wird, ist schon sehr viel zu einer höheren Lebensqualität erreicht, meinen Experten.

Mobilität bedeutet Bewegung, und die braucht der Mensch. Übergewicht, Gelenksprobleme, psychische Störungen, hoher Blutdruck, hoher Cholesterinwert, Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen oft in Zusammenhang mit Bewegungsmangel. So werden zum Beispiel Kinder oft mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule gebracht und legen den Weg nur mehr selten mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurück. Beobachtungen des Vorarlberger Ernährungsmediziners und Stoffwechselexperten Christoph Breier kommen sogar zum Schluss, dass die Zunahme von Übergewicht bei Kindern mit der Einführung des kostenlosen Schulbusses in den 1960er-Jahren korreliert. Warum nicht den Schulbus reduzieren – zumindest für jene Kinder, die in einem zumutbaren Radius um ihre Schule herum wohnen? Zumutbar wäre, so Experten, ein täglicher Schulweg von 20 Minuten.

Gerade aus dieser Sichtweise heraus sollte die Politik Imagekampagnen für das Radfahren starten und durch die Straßenverkehrsordnung ein fahrradfreundliches Klima herstellen. Ähnlich wie es ein Kilometergeld für beruflich mit dem Auto gefahrene Wegstrecken gibt, könnte ein solches Vergütungssystem für beruflich mit dem Fahrrad zurückgelegte Wegstrecken eingeführt werden, fordert der VCÖ. Radfahren als Entlastung Ein tödlicher Unfall im Straßenverkehr verursacht Kosten in Höhe von 2,4 Millionen Euro. Ein Unfall mit schweren Verletzungen als Folge macht immerhin noch rund 291.000 Euro aus. Würde nur die Hälfte aller heute mit dem Auto gefahrenen kurzen Wege bis maximal 3,5 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt, könnten jedes Jahr Hunderte Todesfälle und bis zu Tausende Krankheitsfälle vermieden und damit zwischen einer und zwei Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Kosten eingespart werden. Da in Städten mehr Menschen an Allergien und Asthma leiden als auf dem Land, liegt zudem die Vermutung nahe, dass die zunehmende Umweltverschmutzung, hier primär vom Straßenverkehr verursacht, allergische Reaktionen zumindest verstärkt. Die vom Verkehrsdreck am meisten betroffenen Bevölkerungsgruppen sind vor allem sozial schwächere Menschen. Denn diese wohnen in finanziell günstigeren Wohngegenden, und das sind in der Regel jene städtischen Zonen, durch die der meiste Verkehr fließt. Der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe wird in Großstädten auf bis zu 70 Prozent geschätzt. Deshalb sollte der öffentliche Verkehr stärker ausgebaut und durch steuerliche Maßnahmen attraktiver gemacht werden. Beruflich gefahrene Kilometer etwa sollten, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden, zu 100 Prozent absetzbar sein, werden sie mit dem Auto zurückgelegt, maximal zu 40 Prozent. Das würde nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch unserem Klima gut tun.
Kasten: Daten und Fakten
350.000 Menschen in Europa sterben jedes Jahr an den Folgen der Luftverschmutzung. Das haben Wissenschaftler des EU-Projektes Aphekom (Improving Knowledge and Communication for Decision Making on Air Pollution and Health in Europe) Anfang Mai 2009 in Wien erklärt. 900 Menschenleben fordert der Straßenverkehr jedes Jahr in Österreich, 8.000 Schwerverletzte, weitere 45.000 Leichtverletzte. 10 Milliarden Euro machen die Gesamtkosten von Verkehrsunfällen und dem daraus entstandenen menschlichen Leid für die österreichische Volkswirtschaft aus.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Birgit Köhlmeier und Andreas Feiertag, Ärzte Woche 43 /2009

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