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Foto: Privat
Dune Johnson Mitarbeiter im Institut für europäische Studien sowie im internationalen Versöhnungsbund IFOR
 
Gesundheitspolitik 20. Oktober 2009

Meinung

Sind die Reformpläne für das amerikanische Gesundheitswesen die richtigen?

Das amerikanische System benötigt zweifellos und dringend eine Reform. Steigende Versicherungsprämien führten zu Millionen von unter- und unversicherten Amerikanern. Hohe Kostenbeteiligungen schaffen finanzielle Bedrängnis für Familien, die Hilfe benötigen. Auszahlungslimits der Versicherungsunternehmen und deren Skrupellosigkeit, die Deckung schwer kranker Patienten zu kündigen, ist beispielhaft für ein verabscheuungswürdiges System, das eigentlich für die Linderung von Leid und Schmerz zuständig sein sollte. Das amerikanische System ist gescheitert, aber sind die von Obama angepeilten Reformmaßnahmen die richtigen?

Keine „Todesforen“

Trotz Übereinstimmung in puncto Notwendigkeit einer Reform sind Falschdarstellungen von Fakten und absichtliche Irreführungen reichlich vorhanden und demonstrieren des Landes Unfähigkeit, dieses Problem sinnvoll in einer gemeinsamen Anstrengung zu überwinden. Lange Zeit sprach man davon, dass die Reform sogenannte „death panels“, also „Todesforen“ schafft, die entscheiden, wer am Leben bleibt und wer sterben muss. Doch in der Reform steht nichts von „death panels“, sondern von Ärzten, die den eventuellen Einsatz lebensverlängernder Maßnahmen mit ihren Patienten besprechen sollen. Die Kritiker der Neuordnung stellen diese Besprechung über Leben und Tod als Todesforen dar, obwohl die Fakten auf etwas ganz Anderes deuten.

Die Hintergründe dieser Kritik sind nicht nur betrügerisch; sie sind beladen mit Scheinheiligkeit. Immer wieder werden lebensgefährliche Krankheiten bei Personen festgestellt, und plötzlich entscheidet ein Bürokrat, die Versicherung zu stornieren, weil die Alternative zu teuer sei. Amerika kritisiert Länder in Nahost zu Recht für die Erbarmungslosigkeit, eine vergewaltigte Frau hinzurichten. Aber vielleicht sollte Amerika lauter dagegen protestieren, wenn sich Versicherungsunternehmen im eigenen Land rücksichtslos für Gewinn statt Leben entscheiden.

Mit der Reform könnte den Versicherungsunternehmen die Macht entrissen werden, indem sie dazu gezwungen werden, alle Menschen unabhängig ihrer Krankengeschichte anzunehmen, das einbezahlte Geld für den vorgesehenen Zweck zu nutzen und Auszahlungslimits zu beseitigen. Das ist zwar ein großer Schritt in die richtige Richtung, aber es geht das überspannende Problem nicht direkt an: die wachsenden Gesundheitskosten.

Staatliches Paket notwendig

Obwohl die Versicherungsunternehmen nicht die einzige Ursache für die hohen Kosten sind, bietet das staatliche Basis-Paket eine kurzfristige Lösung an. Wenn die Amerikaner ein günstigeres staatliches Paket kaufen könnten, müssten auch die privaten Versicherungsunternehmen ihre Preise reduzieren, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Als amerikanischer Staatsbürger, der die Hälfte seines Lebens in Europa verbracht hat, fällt es mir schwer zu verstehen, warum eine staatliche „sozialistische“ Versicherungsoption unter vielen privaten Optionen den Amerikanern ein Gräuel ist. Natürlich hat dies viel mit dem Fakt zu tun, dass die Amerikaner ihre Unabhängigkeit und persönliche Freiheit lieben, dass sie der Regierung misstrauen. Ich verstehe zwar diesen Aspekt der amerikanischen Psyche, aber es ist schwer nachzuvollziehen, warum so viele in einem Land leiden müssen, das sich rühmt, die Führungskraft der freien Welt zu sein. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Amerika in Bezug auf sein Gesundheitssystem so unterentwickelt ist.

Viele gute Ideen

Diese staatliche Option ist ein guter Start. Jedoch signalisierte Obama in den vergangenen Wochen, dass er bereit ist zu verhandeln. Tatsächlich erschien bereits eine kürzere Skizze der Reform, in der das staatliche Versicherungspaket nicht mehr aufscheint. Die privaten Unternehmen atmen schon erleichtert auf: Wenn sie mit einer staatlichen Option nicht konkurrieren müssen, werden sie ihre Prämien auch weiter hoch halten können.

In dieser Reform stecken viele gute Ideen, doch perfekt ist sie noch nicht, und manches könnte noch deutlich verbessert werden. Dennoch ist gerade die staatliche Option entscheidend, wenn diese Reform das amerikanische Gesundheitssystem bedeutsam verändern soll. Wie viele Amerikaner werden noch in Konkurs gehen, bevor sie die Vorteile eines „sozialistischeren“ Systems anerkennen? Wie viele Familien werden vergebens versuchen, ihre Rechnungen zu bezahlen oder dabei zusehen müssen, wie ihre Verwandten und Freunde sterben, weil ihre Versicherung storniert wurde? Ohne die staatliche Option, die das System zugunsten der einkommensschwachen Bevölkerung ins Gleichgewicht bringen könnte, ist sie zu einem Dritte-Welt-Schicksal in einem Erste-Welt-Land verdammt. Dies ist keine Option.

„Oberarzt“ im Weißen Haus

Obama hat Recht: Die Reform ist notwendig, und zwar sofort. Aber sie wird katastrophal enden, wenn der „Oberarzt“ im Weißen Haus die staatliche Option aus dem Gesetzesentwurf schneiden muss. Dies würde auch die anderen guten Aspekte der Reform zwecklos machen. Die Amerikaner müssen die Possen der vergangenen Jahrzehnte endlich überdenken und zusammenkommen, um nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch ihre gemeinsame Psyche zu reformieren. Jetzt ist es an der Zeit für Bewegung: entweder zusammenstehen oder einsam zerbrechen.

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