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Den Pandemieimpfstoff gibt es nur in Durchstichflaschen.
Foto: Archiv

Dr. Wolfgang Geppert niedergelassener Allgemeinmediziner in Niederösterreich und Vizepräsident des Österr. Hausärzteverbands

 
Gesundheitspolitik 15. Oktober 2009

H1N1-Impfstoff nur in „Großpackung“

Allgemeinmediziner und Apotheker werden von der neuen H1N1-Impfung ausgeschlossen.

Gegen die Schweinegrippe kann nun geimpft werden. Zumindest bei ausgesuchten Stellen. Die meisten Allgemeinmediziner werden nur an diese Stellen verweisen können. Aber auch die mit der Impfung beauftragten Amtsärzte sind über ihre Aufgabe nicht nur glücklich.

 

Endlich gibt es den Impfstoff gegen die „Schweinegrippe“ und die Impfstoffe aller drei Hersteller, GlaxoSmithKline, Novartis und Baxter, sind von der EMEA zugelassen. Allerdings haben die Österreicher dennoch keine Wahl. Denn alle drei Firmen produzieren derzeit nur Pandemie-Impfstoff. Und das bedeutet, dass dieser Impfstoff erstens in 5-ml(= 10-Dosen-)Durchstichflaschen abgefüllt ist statt in Einzeldosen und zweitens nicht über die Apotheken vertrieben wird.

Spezielle Regelungen

Pandemie-Impfstoffe unterliegen anderen Regeln als „normale“ Impfstoffe. Für einen Vertrieb in Form von Einzeldosen müssten die Herstellerfirmen eigene Zulassungsverfahren beantragen. Nun haben aber alle Hersteller ein gravierendes Problem mit dem neuen Virus: Es wächst in den Kulturmedien wesentlich langsamer als andere Influenzaviren und bremst so die Impfstoffproduktion. Durch einen Vorvertrag mit Baxter, der noch aus den Zeiten der „Vogelgrippe“ mit dem Virustyp A/H5N1 stammt, erhält laut Auskunft des Pressesprechers des Gesundheitsministeriums, Mag. Thomas Geiblinger, der Staat die Impfungen zu besonders günstigen Konditionen, ist aber insofern auch an diesen Hersteller gebunden. Da der Vorvertrag insgesamt 16 Millionen Impfdosen umfasst, werden – vorausgesetzt, Baxter kann ausreichend liefern – in Österreich wohl keine Konkurrenzfirmen zum Zug kommen.

Keine Konservierungsmittel

Vor- und Nachteil des Baxter-Impfstoffs: Er enthält keine Konservierungsmittel. Einerseits wird das wohl jene beruhigen, die die Diskussion um das Konservierungsmittel Thiomersal beobachtet haben, andererseits ist deshalb die angestochene Flasche nur rund drei Stunden haltbar. Einige Amtsärzte befürchten, viele Impfdosen vergeuden zu müssen. „Bei guter Organisation kann das maximal eine Flasche pro Impfstelle pro Tag sein“, wiegelt Dr. Jean-Paul Klein, Impfexperte des Gesundheitsministeriums, ab. Auch hygienische Bedenken bezüglich der naturgemäß mehrfach zu verwendenden Durchstichflaschen werden weggewischt. Immerhin sind solche Durchstichflaschen im gesamten medizinischen Bereich durchaus üblich. Sie bedeuten allerdings natürlich auch einen größeren Aufwand durch das kompliziertere Handling für die impfenden Ärzte.

Die Impfaktion beginnt laut Plan des Ministeriums in ganz Österreich am 27. Oktober 2009, wobei in der ersten Welle ausschließlich Personen in Gesundheitsberufen geimpft werden sollen, vom niedergelassenen Arzt bis zu den Beschäftigten im Krankenhaus. Die genaue Organisation ist dabei in Händen der Landessanitätsdirektionen, also von Bundesland zu Bundesland verschieden. Im Wesentlichen aber werden – auch in den weiteren Impfwellen – vorwiegend Amtsärzte und Ärzte in den Außenstellen der Krankenkassen die Impfungen durchführen.

500.000 Dosen werden laut Ministerium demnächst im Bundesgebiet ausgeliefert. Rund 300.000 Angehörige von Gesundheitsberufen könnten sich theoretisch impfen lassen. Erfahrungsgemäß sind aber die Österreicher Impfmuffel – selbst im medizinischen Bereich. So nimmt nach Auskunft von MinR Dr. Jean-Paul Klein, Experte des Gesundheitsministeriums für das Impfwesen, zum Beispiel nur rund ein Drittel der Spitalsangestellten üblicherweise das Impfangebot an. Prof. Dr. Michael Kunze, Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien, spricht sogar von nur 20 Prozent. Die gesamtösterreichische Durchimpfungsrate für Influenza liegt je nach Quelle bei etwa 12 bis 15 Prozent. Angesichts der Pressemeldungen über die bisher überwiegend milden Verläufe der H1N1-Infektionen sind wohl keine gravierenden Änderungen dieser Raten zu erwarten. Zudem verspricht Klein, dass das Ministerium die Bevölkerung auf die Impfmöglichkeiten aufmerksam machen wird und dabei auch jene Stellen kommunizieren will, bei denen geimpft werden kann.

Enttäuschte Impfwillige

Dr. Wolfgang Geppert, niedergelassener Allgemeinmediziner in Niederösterreich und Vizepräsident des Österr. Hausärzteverbands, berichtet, dass er durchaus schon einige Impfwillige in seiner Praxis hatte, die enttäuscht gegangen sind. „Diejenigen, die jedes Jahr zur Grippeimpfung kommen, die schon einmal eine echte Grippe erlebt haben und dieses Erlebnis nicht wiederholen möchten, die fragen nun auch nach dem H1N1-Impfstoff“, erklärt er. Dass die Allgemeinmediziner nun von der H1N1-Impfung de facto ausgeschlossen sind, ist für ihn nur als Notmaßnahme akzeptabel. Auf Dauer müssten die Impfungen in den Händen der Hausärzte bleiben, nicht zuletzt, da diese ja auch über alle Begleiterkrankungen bis hin zur Spritzenangst der Patienten Bescheid wissen. Der derzeitige Pandemie-Impfstoff von Baxter ist allerdings – selbst wenn er erhältlich wäre – aufgrund der kurzen Haltbarkeit der geöffneten Flasche für eine allgemeinmedizinische Praxis denkbar ungeeignet.

Das Problem könnte jedoch ein vorübergehendes sein. Klein berichtet auch, dass in jenem saisonalen Impfstoff, der derzeit für die Südhalbkugel der Welt in Planung ist, das „Schweinegrippevirus“ A/H1N1 California schon berücksichtigt werden soll. Bleibt das Virus aktiv, wird der Stamm wohl auch in den Katalog der Stämme für den saisonalen Influenzaimpfstoff der Saison 2010/2011 für Europa aufgenommen werden.

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 42 /2009

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