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Gesundheitspolitik 6. Oktober 2009

Nanotechnologie: breiter Einsatz, unklares Risiko

Experten fordern gesetzliche Regelungen, in welchen Bereichen und Formen Nanopartikel verwendet werden dürfen.

„Alle reden über Nanotechnologie, wenige wissen, was damit gemeint ist“, sagt Dr. Werner Brüller, Toxikologe und Mitglied der „Nano-Taskforce“ der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit). So werde der Begriff oft in der Werbung verwendet, selbst wenn das Produkt gar nichts damit zu tun habe.

„Der Begriff ‚Nano‘ ist in der Allgemeinheit sehr positiv besetzt und wird oft so eingesetzt, dass es für die Konzepte der Handelnden passt“, sagt Dr. Ulrich Fiedeler. Der Experte hat in Hamburg Physik und Philosophie studiert und wirkt derzeit im Projekt NanoTrust des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (http://www.nanotrust.ac.at/) mit.

Breites Einsatzspektrum

Nanotechnologische Produkte kommen etwa als Additive in Sonnencremes und anderen Kosmetikprodukten sowie Farben, Lacken und Kunststoffen oder als zahnmedizinische Füllungsmaterialien zum Einsatz. Seit einigen Jahren werden Nanomaterialien auch in Kleidungsstücken verwendet, um sie schmutzabweisend zu machen. Weiteres wichtiges Anwendungsgebiet sind Computerprozessoren. Dort sind zwar viele Strukturen kleiner als 100 Nanometer, werden aber mit konventionellen Verfahren hergestellt. Bei einer großzügigen Begriffsauslegung wird Nanotechnologie auch im Bereich „functional food“ an Bedeutung gewinnen.

Erwünschte, aber auch unerwünschte Effekte

Durch Nanotechnologie können Werkstoffe ihre physikalischen, chemischen und mechanischen Eigenschaften verändern. Nanoteilchen können sowohl in die Zellen als auch in die Zellkerne eindringen und die Blut-/Hirnschranke überwinden – mit erwünschten (z.B. zur Tumordiagnostik und -bekämpfung), aber auch unerwünschten (Abwehrreaktionen des Körpers bis zur Tumorentstehung) Wirkungen. Da das Eindringen von Nanoteilchen in die Zellen Mitochondrien beeinflusst, kann das Zellgleichgewicht gestört werden. Potenzielle Folgen sind Apoptose oder Veränderungen von Zellen (Mutagenese).

Nicht auf die Dosis kommt es an

Dass die Dosis die Wirkung ausmacht, gilt bei Nanopartikeln nicht – weitgehend unklar ist noch, welche Effekte die sehr unterschiedlichen Größen und Formen auslösen könnten. So bescheinigen Studien aus dem Vorjahr bestimmten Nano-Tubes ein ähnliche Risiko wie Asbest, allerdings nur, wenn sie die gleiche Form wie Asbestfasern haben: lang, steif und nadelförmig. Laut einer aktuellen Veröffentlichung zu Tierstudien bewirken inhalierte Nano-Tubes eine Schwächung des Immunsystems.

„Nanopartikel kommen in einer sehr breiten Vielfalt zum Einsatz. Ob damit Risiken verbunden sind, hängt stark von den Produktionsprozessen ab bzw. davon, in welcher Form Nanopartikel Teil eines Produkts sind“, unterstreicht Fiedeler. Sind sie fest in eine Matrix eingebunden, wie etwa in Holzlacken, können sie nicht ausgewaschen werden. „Auch in vielen anderen Bereichen, wo sie fest eingebunden sind, stellen sie nach derzeitigem Kenntnisstand keine potenzielle Gefahr dar“, so der Experte. Ähnliches gilt für Nano-Röhrchen mit ihren vielfältigen Eigenschaften und Erscheinungsformen. Sie kommen als Teil von Verbundmaterialien etwa in Tennisschlägern oder Computerchips vor. Ob sie „gefährlich“ sind, hängt auch hier unter anderem davon ab, wie groß und wie starr sie sind.

Regelungen auf freiwilliger und gesetzlicher Basis

„Für den Bereich der Nanotechnologie braucht es gesetzliche Regelungen“, fordert Fiedeler. Diese müssten die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und Erscheinungsformen berücksichtigen. „Mit Gesetzen muss aber nicht unbedingt gewartet werden, bis Nachweismethoden vorhanden sind. Wichtig sind Regelungen vor allem für Einsatzbereiche, wo Nanopartikel freigesetzt werden könnten.“ Laut Fiedeler haben große Betriebe etwa in der chemischen Industrie bereits freiwillig Auflagen und Schutzmechanismen für Produktionsprozesse entwickelt. So gibt es bereits ein Qualitätssiegel für die Textilindustrie. Auch bei der anstehenden Novellierung von REACH (einer europäischen Regelung zu Produktion und Einsatz chemischer Produkte) wird Nanotechnologie eine Rolle spielen.

Kasten :
Zwerge der Technologie
Nano kommt vom griechischen Wort für Zwerg (nánnos), ein Nanometer ist ein Millionstel von einem Millimeter. Nanotechnologie ist ein Sammelbegriff für alle Bereiche, in denen es um Erforschung, Bearbeitung und Produktion von Gegenständen und Strukturen geht, die in einer Dimension unter 100 Nanometer (nm) sind.
Der Begriff Nanotechnologie wurde erstmals in den 1990er-Jahren verwendet. Erst seit fünf Jahren ist auch kritische Literatur zum Thema zu finden. Seit 2007 analysiert die Europäische Union, ob die rechtlichen Rahmenbedingungen ausreichend sind. „In vielen Bereichen ist der Einsatz von Nanotechnologie kaum gesetzlich geregelt“, kommentiert Brüller. In Österreich wurde eine interministerielle Plattform für die Erstellung eines „Österreichischen Aktionsplans für Nanotechnologie“ ins Leben gerufen. Neben Gesundheits-, Wirtschafts-, Umwelt-, Konsumentenschutz- und Innovationsministerium sind Nichtregierungsorganisationen, Sozialpartner, Bundesländer sowie Vertreter aus Wirtschaft und Forschung involviert. Der Aktionsplan soll bis Jahresende stehen und Chancen sowie Risiken analysieren, bzw. daraus folgende Fördermaßnahmen und gesetzliche Regelungen empfehlen. Weiters im Aufbau ist eine Nano-Informationsplattform. Sie soll der Koordination von Behörden und der Kommunikation mit der Öffentlichkeit dienen.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 41 /2009

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