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Gesundheitspolitik 1. Oktober 2009

Problem und Chance zugleich

Im Jahr 2020 werden mehr als 70 Prozent aller Todesfälle in den Industrieländern auf ernährungsbedingte chronische Krankheiten zurückzuführen sein. Experten fordern dringend Gegenmaßnahmen.

Rund 85 Prozent der Menschen ernähren sich anders, als sie eigentlich sollen. Jeder Zweite ist zwar überzeugt, dass richtige Ernährung die Lebensqualität erhöht, doch diese Erkenntnis fließt nicht in den Speiseplan ein.

Chronische Erkrankungen

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden in den Industriestaaten im Jahr 2020 ernährungsbedingte chronische Krankheiten für drei Viertel aller Todesfälle verantwortlich sein, wenn es zu keiner Ernährungsumstellung kommt. Trotz Kochshows, Diät-Ratgebern, eindringlichen Warnungen und einer Flut von Kochbüchern bleibt die ausgewogene Ernährung ein guter Vorsatz, der kaum umgesetzt wird.

Der Hauptgrund liegt laut einer deutschen, im Auftrag des Lebensmittelriesen Nestlé durchgeführten Studie im Stress: Jeder Vierte gab an, im Alltag zu wenig Zeit für die Einnahme der Mahlzeiten zu haben. Viele Berufstätige sagten, sie könnten nur am Wochenende auf ihre Ernährung achten, und einige haben gar keine festen Essenszeiten mehr.

Fastfood und Lebensmittelindustrie

Der wachsende Druck in der Arbeitswelt, Vereinsamung, aber auch die billige Produktion und massive Bewerbung von ungesunden Nahrungsmitteln durch die Lebensmittelindustrie – Stichwort Fastfood und künstliche Lebensmittel à la Analogkäse – schränken viele Menschen bei der Ernährung ein. Betroffen sind vor allem Vielarbeiter und Menschen mit niedrigem Einkommen und geringem Bildungsniveau.

Folgen der Fehlernährung

Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes oder Schäden am Bewegungs- und Stützapparat stehen in Zusammenhang mit falscher Ernährung. Adipositas ist in Teilen der EU für bis zu acht Prozent der gesamten Gesundheitskosten und bis zu 13 Prozent der Todesfälle verantwortlich. Auf die österreichischen Gesundheitsausgaben und Sterbezahlen umgerechnet, bedeutet das jährlich bis zu 10.000 Tote und volkswirtschaftliche Kosten von mehr als zwei Milliarden Euro. Das sind die Folgen von Fettsucht.

Der im Frühjahr 2009 präsentierte Ernährungsbericht für Österreich bestätigt diese alarmierenden Zahlen: Die Österreicher essen zwar nicht mehr als 2003, verbrennen aber weniger Kalorien, weil sie sich körperlich weniger bewegen. 2008 waren 19 Prozent der sechs- bis 15-jährigen Schulkinder übergewichtig. Bei den 18- bis 65-Jährigen waren 42 Prozent zu dick. Und bei den 66- bis 83-Jährigen waren 40 Prozent übergewichtig. Auf dem Speisezettel stehen zu viel Fett, Zucker und Salz. Gewisse Mineralstoffe und Vitamine, hier vor allem Folsäure und Vitamin D, werden hingegen zu wenig konsumiert. Laut Ernährungsbericht isst jeder Mensch in Österreich pro Jahr gut 40 Kilogramm Schweinefleisch. Damit liegt das Land im europäischen Spitzenfeld. 1997 lag der Fleischverzehr noch viel höher. Damals verschlang jeder Einwohner im Schnitt noch 55,3 Kilo Schweinernes, 19,6 Kilogramm Rind- und Kalbfleisch und 16,6 Kilogramm Geflügel.

Untersuchungen belegen, dass durch eine Änderung der Mastbedingungen und durch die Umstellung auf biologische Fütterungsmethoden das Fettsäuremuster der Tiere verbessert werden kann, doch angesichts des hohen Fleischkonsums reicht das nicht für einen Ausgleich. Bleibt also nur die drastische Reduzierung des Fleischkonsums, zumal tierische Fette ja auch in anderen (Fertig)-Nahrungsmitteln in hohem Maß vorhanden sind.

Lösungen und Hilfestellungen

Ausgewogene, gesunde Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst könnte das Risiko verschiedener Erkrankungen deutlich reduzieren. Aber angesichts des vielfältigen Angebots und der Werbeflut ist es für die Konsumenten schwierig, zwischen gesund und ungesund zu unterscheiden. Hilfestellung könnte eine Ampelkennzeichnung bei Lebensmitteln bieten.

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) ist einer der umfassendsten Bereiche der Europäischen Union. Derzeit machen die Agrarausgaben 53 Prozent des EU-Budgets aus. Zum überwiegenden Teil werden Großunternehmen und ungesunde Nahrungsmittel gefördert. Mit 140 Millionen Euro führt der italienische Zuckerkonzern Italia Zuccheria die europäische Förderliste an. 969 Millionen Euro zahlt die EU für Alkohol – vor allem für Wein – und 862 Millionen Euro für Zucker und gewährt diesen beiden Posten damit mehr Geld als allen anderen landwirtschaftlichen Produktionszweigen zusammen. Massiv gefördert werden auch Fleisch- und Weizenproduktion – hier insbesondere die von Weißmehl. Und das, obwohl die WHO empfiehlt, beim Konsum solcher Produkte zu Maß zu halten.

Bessere Kennzeichnung

Verwendete Lebensmittelzusatzstoffe sind nur dann deklarationspflichtig, wenn sie eine technologische Wirkung haben. Bei Marmelade, die so wenig Sorbinsäure enthält, dass diese aufgrund der geringen Dosis keine konservierende Wirkung mehr hat, muss der Zusatzstoff Sorbinsäure nicht deklariert werden.

In Deutschland kämpft ein breites Bündnis für die Einführung der sogenannten Nährwert-Ampel. Grün – Gelb – Rot: „Go – Atttention – Stop“, so sollten künftig Lebensmittel gekennzeichnet sein. Nach Angaben der Verbraucherschutzorganisation „foodwatch“ haben sich seit Frühling 2008 fast 40.000 Personen an einer Online-Aktion beteiligt, mit der das Europäische Parlament aufgefordert werden soll, die Ampel-Kennzeichnung europaweit verbindlich einzuführen. Argumentiert wird etwa mit „eindeutig positiven“ Erfahrungen damit in Großbritannien. Auch die deutsche Innungskrankenkasse schloss sich den Forderungen an. Vertreter der Lebensmittelindustrie lehnen dagegen die „Ampel“ kategorisch ab.

Die EU-Kommission hat in dieser Frage 2008 eine vage Empfehlung abgegeben. Sie spricht sich für die GDA-Kennzeichnung aus: GDA (Guideline Daily Amount) gibt an, welche Menge eines bestimmten – guten oder problematischen – Inhaltsstoffs bezogen auf die empfohlene Tagesmenge in einem Produkt steckt. Angegeben wird der GDA-Wert bisher für 100 Gramm – was, so kritisieren Verbraucherschützer, ein relativ abstrakter Wert ist, denn 100 Gramm eines Lebensmittels nimmt kaum ein Konsument zu sich. Gleichzeitig spricht sich die EU auch für eine mindestens drei Millimeter große Kennzeichnung wichtiger Inhaltsstoffe wie Energie, Fett, gesättigtes Fett, Kohlehydrate, Zucker und Salz aus.

Kasten:
Daten und Fakten
22,4 Prozent
der Menschen im Alter zwischen 35 und 84 Jahren leiden an Erkrankungen, die auf Adipositas zurückzuführen sind. Im Detail bedeutet das, dass bei einer Million Menschen 132.900 Fälle von Bluthochdruck (45 Prozent aller diagnostizierten Fälle in dieser Altersgruppe), 58.500 Fälle von Typ-2-Diabetes (85 Prozent), 16.500 Fälle von krankhaft erhöhten Blutfettwerten (18 Prozent) und 16.500 Fälle von koronaren Herzkrankheiten (35 Prozent) vorkommen.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Martin Rümmele und Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 40 /2009

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