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Foto: Privat
Von Inge Smolek, Redaktion
 
Gesundheitspolitik 23. September 2009

Meinung: Zu viel Aufregung um die Schweinegrippe.

Wer versucht, sich ein Bild über die A(H1N1)-Infektionen in Österreich zu machen, stellt bald fest, dass in den Tabellen über die gemeldeten Fälle der einzelnen europäischen Länder „Äpfel“ neben „Birnen“ stehen. Seit viele Länder so wie Österreich dazu übergegangen sind, nicht mehr jeden einzelnen Fall im Labor abzuklären, sind die Fallzahlen untereinander nicht vergleichbar. Äpfel und Birnen eben.

Ein Umstand, auf den auch der Bericht des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment (LBI-HTA) Neue Influenza (Schweinegrippe) – Daten, Fakten zur Entscheidungsunterstützung hinweist. Dr. Claudia Wild und Dr. Franz Piribauer MPH schreiben: „Allerdings stellen die gemeldeten bestätigten Fällen ab dem Inkrafttreten der einzelnen Mitigationsstrategien in den Ländern Europas eine starke Unterschätzung der wirklichen Fallzahlen dar. Dadurch entsteht fälschlicherweise eine nach oben verzerrte Letalität, da Todesfälle weiterhin gemeldet werden, jedoch die klinischen Fälle nicht mehr alle einer laborchemischen Bestätigung und Meldung unterzogen werden.“ Zur Ermittlung der Todesfallraten müsse deswegen die Dynamik der Entwicklung der Verdachtsfälle und der grippalen Infekte ab August 2009 insgesamt im Auge behalten werden.

Die Letalität der Neuen Influenza dürfte in Europa demnach eher im Bereich der saisonalen Grippewellen liegen, bei 0,10 Prozent, und nicht so hoch, wie sie in der ersten Studie in Mexiko (0,4 Prozent) ermittelt wurde. Im momentan in Europa am stärksten betroffenen Land (Großbritannien) beträgt die Letalität 0,14 Prozent.

Aber auch die stets bedrohlich in den Raum gestellten wirtschaftlichen Auswirkungen der für den Herbst erwarteten Infektionswelle dürften sich als weitaus weniger schlimm herausstellen, als vielfach kolportiert. Sieht man sich die tatsächliche Evidenz bei Asiatischer und Hongkong Grippe an, zeigen sich unvergleichlich geringere wirtschaftliche Effekte als oft angenommen. Sie manifestierten sich in einer umfassenden Analyse und Modellbildung laut dem Bericht der LBI-HTA „als einmalige Abwärtszacke in hundertstel bis zehntel Bruchteilen (0,08 Prozent bis 0,3 Prozent) des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Grippejahr“. Der naheliegende Grund: Influenzaerkrankungen dauern kurz und heilen in der Regel von selbst – anders als Tuberkulose oder Aids.

Es ist Zeit, dass Entscheidungsträger auf der Grundlage von lobbyfreien und umfassenden Informationen gesundheitspolitische Maßnahmen einleiten. Und hier muss man eben aufpassen: Denn, so warnen die Autoren, aufgrund der vielen milden und inapperenten Verläufe der ,Schweinegrippe‘ würde das tatsächliche Ausmaß der Verbreitung unterschätzt und damit die tatsächliche Sterberate überschätzt.

Die aktuelle Zahl für Österreich: 361 (ECDC-daily-Update, 18. September)

http://eprints.hta.lbg.ac.at/845/

Inge Smolek, Ärzte Woche 39 /2009

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