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Gesundheitspolitik 23. September 2009

Bildungniveau ist der Schlüssel zu besserer Gesundheit

Menschen mit niedrigerer Bildung leben ungesünder und nehmen die Gesundheitsvorsorge weniger in Anspruch. Das erhöht das Risiko von chronischen Krankheiten und verkürzt die Lebenserwartung.

 

Problem

Ungesunder Lebensstil, Rauchen, falsche Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht sind viel öfter in Gesellschaftsschichten mit niedrigem Bildungsniveau zu finden als bei Menschen mit höherem Bildungslevel. Die Folgen sind mehr chronische Krankheiten und kürzere Lebenserwartung.

Politikwissenschaftler, Soziologen und Historiker sind sich schon lange einig, dass Bildung der Schlüssel zu Demokratie, sozialer Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden darstellt. Doch erst in jüngster Zeit setzt sich die Erkenntnis durch: Bildung ist auch der Schlüssel zur Gesundheit. Jüngste Untersuchungen untermauern diese Erkenntnis: Schädliche Gewohnheiten und ungesunder Lebensstil sind viel öfter in Gesellschaftsschichten mit niedrigerem Bildungsniveau zu finden und können zur schlechteren Gesundheitssituation dieser Bevölkerungsgruppen beitragen. Sie nehmen auch Vorsorgeangebote seltener in Anspruch. Bildungsunterschiede zeigen sich auch in der Lebenserwartung: Männer mit Pflichtschulabschluss sterben laut Statistik Austria um 6,2 Jahre früher als Männer mit Hochschulabschluss. Bei Frauen beträgt der Unterschied 2,8 Jahre.

Neben der kürzeren Lebenserwartung zeigt eine große Analyse des österreichischen Gesundheitsministeriums auch noch das entsprechende Risikoverhalten auf: 52 Prozent der Frauen mit Pflichtschulabschluss sind übergewichtig oder fettsüchtig, unter Hochschulabsolventinnen sind es nur 28 Prozent. Männer hingegen werden fast unabhängig von der Schulbildung fett. Auch beim Bewegungsmangel zeigen sich Unterschiede: Von Pflichtschulabsolventinnen betreiben nur 20 Prozent wenigstens einmal pro Woche Sport, bei Akademikerinnen sind es immerhin 30 Prozent, und bei Männern steht es 26 zu 34 Prozent. Auch der Anteil der Raucher ist unter Pflichtschulabsolventen mit 28 Prozent deutlich höher als unter Universitätsabsolventen (18 Prozent).

Die Analyse des Ministeriums zeigt zudem, dass die Häufigkeit chronischer Erkrankungen mit steigendem Bildungsniveau abnimmt, wobei Frauen generell stärker unter chronischen Erkrankungen leiden. Wirbelsäulenbeschwerden stehen bei Frauen und Männern an erster Stelle, die weiteren maskulinen Leiden sind Arthrose, Arthritis und Gelenkrheumatismus, bei den Frauen sind es eher Diabetes, Bluthochdruck, Inkontinenz, chronische Angstzustände, Depressionen sowie Migräne, die je nach Bildungsgrad mehr oder weniger oft vorkommen. Ähnliches gilt auch für psychische Krankheiten.

Auch das subjektive Gesundheitsempfinden ist an die Bildung gebunden. Mit höherem Bildungsgrad steigt der Anteil der Menschen deutlich an, die ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „gut“ angeben.

„Das größte Problem in der Welt ist Armut in Verbindung mit fehlender Bildung. Wir müssen dafür sorgen, dass Bildung alle erreicht.“ Nelson Mandela

Nur 62 Prozent der untersuchten Österreicherinnen und Österreicher mit Pflichtschulbildung schätzen ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „gut“ ein, zehn Prozent als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Die positivste Selbsteinschätzung haben jene, die eine höhere Schule oder Hochschule abgeschlossen haben: 88 Prozent fühlen sich „sehr gut“ oder „gut“.

Lösungen

Bildung macht gesund und lässt gesund fühlen. Zur Steigerung der Gesundheit der Bevölkerung und zur Vorbeugung von Krankheit müssen deshalb die Qualität des Bildungssystems verbessert und der Zugang zu höherer Bildung erleichtert werden.

Das Bildungsniveau in Österreich steigt. Während von den über 75-Jährigen mehr als die Hälfte lediglich einen Pflichtschulabschluss hat, sind es bei den 30- bis 44-Jährigen nur noch 14 Prozent. Das statistische Durchschnittseinkommen von Pflichtschulabsolventen liegt netto bei 1.060 Euro, mit abgeschlossener Matura oder einem Studium klettert es auf 1.735 Euro netto.

Der PISA-Expertenbericht belegt, dass sich Bildungsniveau und sozialer Status der Eltern auf den Bildungsweg der Jugendlichen übertragen: Kinder von privilegierten Eltern werden bevorzugt, Kindern aus bildungsferneren Familien wird der Weg ins Gymnasium eher versperrt. Generell sei zu beobachten, dass nur wenige Kinder einen höheren Abschluss als ihre Eltern schaffen, heißt es im PISA-Bericht.

Mehr Sportunterricht ist gefragt

Eine Analyse von Doz. Mag. Dr. Wolfgang Dür, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts for Health Promotion Research, hat ergeben, dass 24 Prozent der befragten Lehrer an ihrer Schule Probleme mit der Beleuchtung, dem Raumklima und dem Lärm sowie den ergonomischen und hygienischen Bedingungen haben.

Zu gesundheitsrelevanten Themen gehört auch Sport. Seit 2001 ist die Zahl der Turnstunden in den Schulen um mehr als fünf Prozent gesunken, kritisiert der Rechnungshof. Die Zahl der Sportlehrer blieb zwar gleich, die Schülerzahl stieg aber um sieben Prozent. Zudem gebe es keine Bildungsstandards für Sport, so die Prüfer. Die Lehrpläne seien abstrakt und kaum überprüfbar, Inspektionen fänden nur selten statt. Schulärzte könnten kaum etwas ändern, obwohl sie die Aufgabe haben, Lehrer in gesundheitlichen Fragen zu beraten.

Nach UNESCO-Schätzungen leben in Österreich zwischen 300.000 und 600.000 funktionale Analphabeten. Gesundheitsinformationen erfolgen aber nach wie vor zu einem großen Teil schriftlich und auf einem Niveau, das Menschen mit Lese-Verständnis-Schwäche kaum verstehen. „Einen Ausweg bieten Arzt–Patienten-Gespräche, die durch Änderungen im Honorierungssystem dezidiert gefördert werden könnten“, sagt Buchautor Andreas Feiertag. Zudem könnte die Pharmaindustrie durch größere Schrift, einfachere Formulierungen und übersichtliche Grafiken auf den Beipackzetteln vieles zur effizienteren Gesundheitsinformation beitragen.

Nächste Folge: Warum sich viele Menschen ungesund ernähren und was dagegen getan werden kann.

Kasten:
Daten und Fakten

6,2 Jahre

sterben ungebildete Männer früher als Männer mit Hochschulabschluss. 52 Prozent der ungebildeten Frauen sind übergewichtig oder fettsüchtig, bei Akademikerinnen sind es nur 28 Prozent. 20 Prozent der ungebildeten Frauen betreiben laut Gesundheitsbefragung der Statistik Austria regelmäßig Sport, aber 30 Prozent der Akademikerinnen – bei den Männern steht es 26 zu 34 Prozent. 62 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher mit Pflichtschulbildung schätzen ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „gut“ ein. 88 Prozent sind es bei den Akademikerinnen und Akademikern.

Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neu im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 39 /2009

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