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Gesundheitspolitik 21. September 2009

Armut macht krank und verteuert das Gesundheitssystem

Je besser die finanzielle Situation eines Menschen, desto höher ist seine Lebenserwartung. Armut erhöht hingegen das Risiko von lebensbedrohlichen Erkrankungen und damit die Kosten des Sozialsystems.

Problem

Von Armut bedrohte Menschen sind nachweislich öfter, länger und schwerer krank als in gesicherten finanziellen Verhältnissen lebende Personen. Sie gehen weniger zu Vorsorgeuntersuchungen, haben oft keinen Impfschutz und können sich Selbstbehalte und alternative Behandlungen nicht leisten.

Wer im Wiener Nobelbezirk Innere Stadt wohnt, hat gute Chancen, 4,5 Jahre länger zu leben als jemand aus dem Arbeiterbezirk Fünfhaus. Zu diesem Ergebnis kommt man, wenn man sich die entsprechenden Daten der Statistik Austria genauer ansieht. Ähnliches belegt eine Studie des deutschen Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie in Köln: Demnach ist die Lebenserwartung bei einem Monatseinkommen von weniger als 1.500 Euro um etwa zehn Jahre kürzer als bei einem Monatseinkommen von mehr als 4.500 Euro. Fazit: Je mehr man verdient und je besser man lebt, desto höher ist die Lebenserwartung.

Und die Schere zwischen Reich und Arm geht immer weiter auf. In Österreich gibt es eine wachsende Unterschicht und eine steigende Anzahl von Menschen, die von Armut bedroht oder bereits arm sind. Diese Menschen geben, wie Studien zeigen, nicht nur die Armut, sondern auch schlechtere Gesundheitschancen an ihre Kinder weiter. Zu den Risikogruppen zählen allein lebende Personen, Menschen mit geringer Bildung, Arbeitslose, Alleinerzieher, Migranten und Familien mit drei oder mehr Kindern. In allen Gruppen sind besonders Frauen betroffen. Armut macht krank Ständige Existenzängste erzeugen Stress. Psychische Belastungen schwächen die körpereigene antimikrobielle Verteidigung, schreiben US-Forscher in einer Studie im Journal of Clinical Investigation. Die Menge an körpereigenen antibiotisch wirkenden Substanzen, die der Immunabwehr gegen Infektionen helfen, nimmt etwa bei Stress rapide ab. Verantwortlich dafür seien wahrscheinlich die erhöhten Stresshormonlevel, die den Transport der im Körper produzierten Antibiotika stören. Israelische Wissenschaftler wiederum haben im Fachmagazin Brain, Behavior and Immunology den negativen Einfluss von Stress auf Krebserkrankungen nachgewiesen. Die Heilungschancen nach Tumoroperationen sind demnach umso größer, je weniger Adrenalin und andere Stressfaktoren im Blut zirkulieren. Der bei einer Krebsoperation empfundene Stress ist mitentscheidend dafür, ob der Eingriff erfolgreich verläuft. Denn der psychische oder körperliche Stress verändert den Stoffwechsel und unterdrückt das Immunsystem. Barrieren wie Zuzahlungen und Selbstbehalte können im Gesundheitswesen bei Beziehern niedriger Einkommen zu einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustands führen, belegen Studien. So suchen beispielsweise Wiener Männer mit Universitätsabschluss etwa viermal häufiger einen Arzt auf als Männer mit Pflichtschulabschluss. Laut Gesundheitsbefragung der Statistik Austria gingen 14 Prozent der Männer in der Armutsrisikogruppe 2006 zu einer Vorsorgeuntersuchung, bei der höchsten Einkommensgruppe lag dieser Anteil bei 28 Prozent. Personen der Armutsrisikogruppe haben oft keinen ausreichenden Impfschutz, weil dafür teilweise Selbstbehalte zu bezahlen sind. Zuzahlungen und Selbstbehalte erreichen somit das Gegenteil von dem, was sie sollen – sie erhöhen das Gesundheitsrisiko.

Lösungen

Grund- oder Mindestsicherungsmodelle, Mindestlohn, mehr Solidarität, Abschaffung von Selbstbehalten und Abschaffung von administrativen Hürden sind nur einige Lösungsansätze.

Die Ungleichverteilung der Erwerbseinkommen hat in industrialisierten Ländern zugenommen, heißt es im Einkommensbericht 2008 der OECD. Die Einkommen der Spitzenverdiener sind überdimensional angestiegen – gleichzeitig sind mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen. In Österreich verzichten jährlich 80.000 Haushalte auf 215 Millionen Euro an Sozialhilfe. Das Europäische Zentrum für Wohlfahrtspolitik hat dieses Phänomen untersucht: „Menschen schämen sich ihrer Armut und Abhängigkeit. Sie haben Angst vor behördlichem Zugriff, der peinlichen Offenlegung aller Einkommens- und Vermögensverhältnisse.“ Martin Schenk von der Österreichischen Armutskonferenz dazu: „Wir überlegen, zukünftig ein Begleitservice für diese Menschen anzubieten, damit sie bei Behörden ihre Rechte einfordern können.“ Doch um die Probleme zu beheben, braucht es eine generelle Änderung bei finanziellen Unterstützungen und Abgaben.

Selbstbehalte wiederum treffen nicht nur die unteren Schichten, sondern bringen offenbar auch dem Gesundheitssystem wenig. Eine 2007 im Journal of the American Medical Association veröffentlichte Untersuchung, bei der 132 Studien aus verschiedenen Ländern ausgewertet wurden, erhärtet den Verdacht, dass Selbstbeteiligungen der Patienten die Kosten eher in die Höhe treiben als dämpfen. Anfangs sinkt zwar bei der Erhöhung von Selbstbehalten die Zahl der Verordnungen. Doch das führt später zu verstärkter Inanspruchnahme teurerer Leistungen. Bei einer bedarfsorientierten Grundsicherung wird die jährlich neu errechnete Armutsgrenze als Basis herangezogen. Jede Person, deren Einkommen unterhalb dieser Grenze liegt, erhält den Fehlbetrag vom Staat. Begleitet werden müsste dieses Modell von der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes von 7,25 Euro brutto pro Arbeitsstunde, sagt etwa Markus Koza, Vertreter der grünen Gewerkschafter. Hochgerechnet auf die derzeit unter der Armutsgrenze lebende Bevölkerung, würde dieses Modell jährlich rund zwei Milliarden Euro kosten. Diese seien über moderate vermögensbezogene Steuern finanzierbar – ohne Steuern für Sparer und Häuslbauer. Das Vermögen in Österreich steigt seit Jahren an und betrug 2007 mehr als 2.150 Milliarden Euro. Derzeit werden etwa 1,4 Milliarden Euro an vermögensbezogenen Steuern im Jahr eingehoben, das sind 0,065 Prozent. Eine Anhebung auf den Durchschnitt der EU-15-Staaten würde ein Aufkommen von rund fünf Milliarden Euro ergeben. n

 

In der nächsten Folge: Was Bildung zur Gesundheit der Menschen beitragen kann.

Kasten:
Daten und Fakten
1,027 Millionen Menschen
waren im Jahr 2006 in Österreich armutsgefährdet – das sind 12,6 Prozent der Bevölkerung. Die Schwelle lag für einen Einpersonenhaushalt bei 892 Euro monatlich. 2,1 Millionen Menschen konnten sich keinen Urlaub leisten, 2,16 Millionen Menschen konnten keine unerwarteten Ausgaben tätigen. Umgekehrt betrug das Vermögen in Österreich im Jahr 2007 insgesamt 2.150 Milliarden Euro. Davon entfallen 1.300 Milliarden Euro auf die Finanzwirtschaft, 300 Milliarden auf Unternehmen und 450 Milliarden auf Private (21,1 Prozent). 1,4 Milliarden Euro (0,065 Prozent) hebt Österreich jährlich an vermögensbezogenen Steuern ein.
Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung – bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public-Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit – So retten wir unser soziales System der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.

Von Martin Rümmele und Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 38 /2009

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