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Foto: Privat
Diskutierten anlässlich der Buchpräsentation: Hauptverbands-Vorsitzender Dr. Hans Jörg Schelling, die Buchautoren Martin Rümmele und Andreas Feiertag und der Vertreter der Ärztekammer Dr. Johannes Steinhart (v.l.n.r.).
 
Gesundheitspolitik 9. September 2009

Krankheiten effektiv verhindern statt diese nur zu verwalten

In ihrem Buch fordern zwei Ärzte Woche-Autoren einen radikalen Wechsel in der Gesundheitspolitik.

Der Beitrag der kurativen Medizin an der Gesundheit der Bevölkerung ist vergleichweise gering. Viel mehr tragen Bildung, Wohlstand und die Möglichkeit, sein Lebensumfeld selbst zu gestalten, zur Gesundheit bei. Die Journalisten und Buchautoren Martin Rümmele und Andreas Feiertag verfolgen den Gedanken in ihrem aktuellen Buch weiter. Sie fordern einen stärkeren Fokus der Verantwortlichen auf eine gesundheitsfördernde Sozialpolitik und entwerfen, so der Buchtitel, eine Zukunft Gesundheit.

Der Beitrag der Medizin zur Gesundheit der Bevölkerung, betonen Rümmele und Feiertag, sei auch nach Jahrzehnten medizinischen Fortschritts sehr gering. Das Gesundheitswesen mache die Menschen nicht gesund, sondern halte sie lediglich am Leben.

„Wenn Sie Ihren Hausarzt mögen, dann werden Sie krank“, versuchte Mitautor Feiertag die gespannt lauschende Zuhörerschaft bei der Podiumsdiskussion am 31. August zu provozieren, „am besten chronisch krank.“ Denn dieser profitiere am meisten, wenn seine Patienten immer wieder mit ihrem Leiden in die Ordination kommen und nicht geheilt werden. Die Zahl der Menschen, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Allergien, rheumatischen Beschwerden und Diabetes leiden, nimmt ständig zu.

Zu wenig Heilung?

Viele Akteure, meinen die Autoren von Zukunft Gesundheit, freue dies: „Je weniger sie die kranken Menschen heilen und deren Leiden stattdessen in einen erträglichen, aber chronischen Zustand überführen, desto besser für ihre Umsätze. Der Beitrag der Medizin zur Gesundheit wird auf zehn bis 30 Prozent beziffert. Angesichts der steigenden Ausgaben für das Gesundheitssystem und den eben erst durch eine Finanzspritze abgewendeten Kollaps der Krankenkassen, nicht viel. Wären alle Menschen gesund, würde das Gesundheitssystem zusammenbrechen.“

Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer Wien und Geschäftsführer sowie Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Göttlicher Heiland in Wien, verteidigte bei der Podiumsdiskussion die ärztliche Leistung: „Ich möchte davor warnen, zu glauben, es sei keine Leistung, Leiden zu lindern.“ Er verwies auf die Verbesserungen im Bereich der Palliativmedizin. Die Einführung eines Facharztes für Geriatrie koste Geld und Zeit.

Feiertag erhob den Vorwurf, dass für Medikamente 160 Millionen Euro ausgegeben würden, Tendenz stetig steigend. Für Prävention würden hingegen nur ein bis 1,5 Prozent der Ausgaben aufgewendet. Viele Patienten schluckten zudem zu viele Medikamente gleichzeitig, ergänzte Rümmele. Durch die Eindämmung dieser Polypharmazie könnte viel Geld gespart werden: „Der Facharzt für Geriatrie wäre auf diese Weise finanzierbar.“

Wer zahlt Prävention?

Krankheitsfälle zu bezahlen, sei die ureigenste Aufgabe der Krankenkassen und gesetzlich verankert, sagte Hauptverbandsvorsitzender Dr. Hans Jörg Schelling zur Verteidigung der Kassen. „Wir wollen aber dahin kommen, Gesundheitsmanagement statt Krankheit zu bezahlen.“ Das Problem: Prävention koste Geld, Prophylaxe koste Geld. Der Gesetzgeber müsse klarmachen, wer für Prävention zuständig ist. Schelling: „Ein Gesundheitssystem, das nicht ganzheitlich betrachtet wird, ist ein krankes System.“

Welche Auswege bieten sich? Das Ziel müsse sein, so die Botschaft von Rümmele und Feiertag, Krankheiten nicht zu verwalten, sondern zu verhindern. Prävention also. Aber Prävention, die über die Predigt, man solle sich körperlich bewegen oder gesund essen, weit hinausgeht. Denn, so die Autoren, der Einzelne habe oft gar nicht die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, ob er sich gesund ernährt oder nicht. Wer unter dem Existenzminimum leben muss, habe keine Wahl. Ein aktuelles Sonderangebot einer Lebensmittelkette – Wurstsemmel und Softgetränk um einen Euro – zeigt, in welche Richtung die Autoren denken: Gesundheitspolitik müsse verstärkt in anderen Politikbereichen ansetzen. Etwa in der Agrarförderung – die höchste erhielte eine Fruchtsaftfirma, die viel Zucker in Energydrink-Dosen füllt und in die USA exportiert. Oder in der Arbeitswelt – zu viele Überstunden machen krank. Auch betriebliche Gesundheitsförderung, Bildungspolitik, effiziente Information, Solidarität spielten hinein. Sozialpolitik als Gesundheitspolitik!

Von Inge Smolek, Ärzte Woche 37 /2009

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