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Gesundheitspolitik 9. September 2009

Prävention als gemeinsame Verantwortung

Ist die Gesundheitsversorgung angesichts der aktuellen Probleme unfinanzierbar? In Expertenkreisen werden auch Auswege erörtert, die ein Umdenken in der Gesundheitspolitik fordern.

Problem

Gesundheit entsteht dadurch, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und die Gestaltung der eigenen Lebensumstände selbst in die Hand zu nehmen. Und vor allem dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die allen ihren Bürgern ein gesundes Leben ermöglichen. Dieser Ansatz der WHO einer anderen Gesundheitspolitik wird seit Jahren in Expertenkreisen diskutiert, aber bisher nicht umgesetzt. Denn er würde das bisherige System der Krankenversorgung auf den Kopf stellen.

 

Die Zahl der Menschen, die an Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkankungen, Übergewicht , Diabetes, Allergien und rhematischen Beschwerden nimmt laufend zu. Dazu kommt die demographische Entwicklung, die dazu führt, dass es immer mehr alte und hochbetagte Menschen gibt, die ebenfalls eine medizinische Versorgung benötigten. Doch das sind nicht die einzigen Herausforderungen für die Gesundheitspolitik. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt, der in den vergangenen Jahren noch konsant bei rund zehn Prozent des BIP gelegen habe, werde heuer aufgrund der Wirtschaftskrise deutlich steigen, sagte vor wenigen Tage der Wirtschaftsforscher und Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Prof. Dr. Bernhard Felderer. Der Grund: Das BIP stagniert, aber die Gesundheitsausgaben steigen weiter.

Spardruck steigt in Zukunft

Der Reformbedarf im Gesundheitswesen aber auch der Druck auf alle Akteure wird deshalb in den kommenden Monaten und Jahren weiter zunehmen. Während sich Pharmaindustrie, Krankenhausbetreiber und Gesundheitswirtschaft schon jetzt gegen mögliche Einsparungen in ihren Bereichen in Stellung bringen, ist zu beobachten, dass der Druck vor allem auf die Beschäftigten und die Patienten deutlich zunimmt.

Damit steht aber auch noch weniger Geld für die Vermeidung von Krankheiten zur Verfügung, kritisieren Experten – zuletzt auch bei den Gesundheitsgesprächen beim Europäischen Forum Alpbach. Ein düsteres Zukunftsszenario zeichnete dort etwa der US-Sozialmediziner Dr. David Katz: „Wenn der Trend so anhält, wird im Jahr 2048 jeder erwachsene US-Bürger entweder übergewichtig oder fettsüchtig sein.“ Auch in Europa sei eine ähnliche Entwicklung absehbar. Die Folge wären weiter steigende Gesundheitsausgaben. Und das alles in einem Gesundheitssystem, das selbst in allen westlichen Industriestaaten und reichen Ländern bereits jetzt unter den finanziellen Aufwendungen „ächzt“. Der Wissenschaftler: „Auf diese Weise leben wir schlecht und wir zahlen auch zuviel. Wir verwenden viel mehr Geld für die Gesundheit. Aber wir bekommen nicht mehr Gesundheit heraus.“

Lösung

Gesundheitsexperten fordern immer öfter Gesundheit als Querschnittmaterie zu sehen und krankmachende Faktoren in den Mittelpunkt der politischen Betrachtung zu rücken. Neben Armutsbekämpfung und Investitionen in Bildung gehören dazu auch Umweltschutz, Änderungen in der Arbeitswelt und bei der Ernährung.

 

Wenn der US-Sozialmediziner Dr. David Katz mit seiner Analyse bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen Recht hat und Investitionen in die kurativ tatsächlich weniger bringen als Prävention, stellt sich die Frage, wie Gesundheitsvorsorge möglichst zielführend organisiert werden kann. Während manche Experten fordern, die Menschen selbst mehr in die Pflicht zu nehmen, Selbstbehalte zu erhöhen oder Prämien in der Krankenversicherung für gesundheitsförderndes Verhalten zu zahlen, fordern die Weltgesundheitsorganisation und andere Spezialisten seit Jahren, jene Faktoren, die Menschen krank machen genauer zu betrachten und zu fragen, warum etwa jemand rauche oder sich ungesund ernähre.

Bereits vor zwei Jahren - kurz vor seinen Tod - betonte der ehemalige österreichische Gesundheitsminister Dr. Kurt Steyrer bei einer Konferenz, dass die Medizin für den Anstieg der Lebenserwartung in den vergangenen Jahren den geringsten Beitrag geleistet hätte. Vielmehr seien es Investitionen in Bildung, soziale Sicherheit, Armutsbekämpfung oder auch Verbesserungen der Arbeitswelt gewesen.

Was Menschen krank macht

Tatsächlich ist etwa belegt, dass unter Menschen mit niedrigerer Bildung und ärmeren Bevölkerungsschichten die Zahl der Raucher höher ist. Grund dafür sind vor allem Existenzängste, das fehlende Wissen um die Gefahren und nicht zuletzt Stress bedingt um den Kampf um den Arbeitsplatz und so weiter. 85 Prozent der Menschen – so eine aktuelle Studie des Lebensmittelriesen Nestlé – ernähren sich zudem anders, als sie möchten. Dabei ist jeder Zweite davon überzeugt, dass gute Ernährung die Lebensqualität erhöht. Der Hauptgrund, warum Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen, liegt laut der deutschen Untersuchung im Stress. Jeder Vierte gab an, zu wenig Zeit zum Essen zu haben.

Änderungen in der Arbeitswelt

„Viele Berufstätige sagten, sie könnten nur am Wochenende auf ihre Ernährung achten, und einige haben offenbar gar keine festen Essenszeiten mehr“, schreiben die Studienautoren. Der wachsende Druck in der Arbeitswelt, die wachsende Vereinsamung durch sich auflösende Familienstrukturen, aber auch die billige Produktion und massive Bewerbung von ungesunden Nahrungsmitteln durch die Lebensmittel- und Agrarindustrie schränken die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten beim Thema Ernährung für viele Menschen deutlich ein.

 

 In der nächsten Ausgabe:

Wie Armut zwei Millionen Menschen in Österreich krank macht und was dagegen getan werden könnte.

Die Präventionsserie in der Ärzte Woche
Reformen im Gesundheitswesen beschränken sich meist auf Korrekturen im Bereich der kurativen Versorgung - bei Ärzten, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und Spitälern. Immer öfter fordern aber Experten, das Gesundsheitswesen als Querschnittmaterie zu betrachten und Systeme zu schaffen, die überhaupt Krankheit verhindern. Die Ärzte Woche geht diesem Gedanken nach und zeigt in Interviews mit Public Health-Experten und Gesundheitsökonomen neue Ansätze für die Gesundheitspolitik. Basis dafür ist unter anderem das neue im Verlag Orac erschienene Buch Zukunft Gesundheit - So retten wir unser soziales System, der beiden Ärzte-Woche-Autoren Andreas Feiertag und Martin Rümmele.
Kasten:
Daten und Fakten
28 Milliarden Euro
werden allein in Österreich für die Gesundheitsversorgung pro Jahr ausgegeben. Im gesamten deutschsprachigen Raum sind es mehr als 320 Milliarden Euro. Der überwiegende Teil dieser Mittel fließt in die kurative Versorgung. In Österreich liegt der Anteil der Präventionsausgaben im Gesundheitswesen bei ein- bis einhalb Prozent. Allerdings sind dabei auch Ausgaben für Impfungen und Vorsorgemedizin miteingerechnet. Experten fordern deshalb seit Jahren, diesen Anteil deutlich zu erhöhen, um Krankenheiten nicht nur früher erkennen, sondern auch verhindern zu können.

Von Martin Rümmele, Ärzte Woche 37 /2009

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