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Gesundheitspolitik 1. September 2009

Interview: „Wir brauchen ein klares Regulativ und Transparenz“

Julian Hadschieff ist Chef der Premiamed, besser bekannt als Humanomed, und Sprecher der Privatspitäler. Als solcher fordert er – wenig verwunderlich – mehr Wettbewerb im System.

Mehr Transparenz und einheitlichere Steuerungs- und Finanzierungsstrukturen – bei diesen Forderungen sind sich nahezu alle Stakeholder im Gesundheitswesen, die die Ärzte Woche in den vergangenen Wochen befragt hat, einig. Zum Abschluss unserer Serie wünscht sich auch der Fachverbandsvorsitzende der privaten Kur- und Krankenanstalten in der Wirtschaftskammer, Julian Hadschieff, eine Zusammenführung der dualen Finanzierungsströme von niedergelassenem und stationärem Sektor, und er fordert eine Einbindung der Länder in eine Gesundheitsreform.

Einen möglichst hohen Nutzen und die beste und kostengünstigste Versorgung der Menschen erhofft sich Julian Hadschieff. Die Kritik an den Privatkrankenanstalten, dass sie meist nur Rosinen picken und nur Patienten mit sogenannten guten Risiken, also geringeren Erkrankungen, behandeln, lässt er nicht gelten. Das Leistungsspektrum der Privaten sei dem der Öffentlichen sehr ähnlich, betont er.

Gesundheitsminister Stöger und die Krankenkassen plagen sich weiter mit einem politischen Kompromiss für eine Gesundheitsreform. Woran krankt es Ihrer Meinung nach eigentlich im österreichischen System?

Hadschieff: Die Strukturen im Gesundheitssystem müssen so sein, dass möglichst viel Geld beim Patienten ankommt. Doch das ist derzeit nicht der Fall. Es versickert zu viel Geld im System und wird damit dem Patienten vorenthalten. Das ist geradezu unethisch. Für eine nachhaltige Lösung dieses Problems bedarf es einer grundlegenden Reform, in die auch die Bundesländer in ihrer Funktion als Finanzierer und Betreiber von Krankenanstalten eingebunden sein müssen.

Welche Lösungen sehen Sie für diese Probleme?

Hadschieff: Wir brauchen ein klares Regulativ. Wir müssen vor allem Qualität definieren und auch messen. Wenn wir nicht wissen, wie gut das Ergebnis einer Gesundheitsleistung ist und was sie kostet, kann niemand konkret beurteilen, ob effizient gearbeitet wurde.

Wie könnte so ein Regulativ aussehen, beziehungsweise wer sollte das sein?

Hadschieff: Dem Konzept der „Managed Competition“ folgend, sollte der Staat das Regulativ für das Gesundheitswesen vorgeben. Die qualitätsgesicherte Leistungserbringung sollte dann von privaten oder auch öffentlichen Anbietern erfolgen, die im fairen freien Wettbewerb am Markt agieren. Es soll derjenige die Leistung erbringen, der sie qualitätsgesichert am günstigsten anbietet. Diese Forderung wird durch die Finanzierung des Gesundheitswesens aus einem Topf unterstützt. Dabei muss der Grundsatz „gleiches Geld für gleiche Leistung“ gelten. Derzeit erhalten Privatspitäler für die gleiche Leistung deutlich weniger Geld als öffentliche Krankenhäuser. Wenn diese Diskriminierung und Wettbewerbsverzerrung abgestellt wird, hat das Gesundheitssystem einen großen Fortschritt geschafft.

Wie könnte die oft diskutierte Finanzierung aus einer Hand funktionieren?

Hadschieff: Die derzeitigen dualen Finanzierungsstrukturen müssen aufgelöst werden. Damit es nur noch einen Topf gibt, in dem die Finanzen gebündelt werden. Durch diese Konzentration wird sichergestellt, dass die Entscheidungen ausschließlich zum Nutzen des Patienten getroffen werden und nicht länger andere Interessen mit einfließen. Die Leistung wird dann von jenem Anbieter erbracht, der sie qualitätsgesichert am günstigsten und zum Nutzen des Patienten erbringen kann. Für die Verwaltung des zentralen Finanzierungstopfs würde sich die Sozialversicherung eignen.

Betrachten wir die Probleme einmal anders: Was sind die Herausforderungen der kommenden Jahre und welche Lösungen sehen Sie dafür?

Hadschieff: Die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkung auf den Arbeitsmarkt führt dazu, dass immer weniger Erwerbstätige eine stetig zunehmende Steuerlast und steigende Sozialversicherungsbeiträge zu tragen haben. Die Finanzierung des Gesundheitssystems muss dieser Veränderung angepasst werden. Es kann nicht sein, dass die überwiegende Last des Gesundheitswesens von immer weniger Erwerbstätigen getragen werden muss. Die Beitragsgerechtigkeit muss optimiert werden, und zwar einerseits durch die Schaffung einer verbreiterten Beitragsbasis und andererseits durch die Erhöhung des Hebesatzes der Rentner (fiktiver Arbeitgeberbeitrag des Bundes für Pensionisten, Anm.). Dem Grundsatz „Rationalisierung vor Rationierung“ ist durch Hebung möglicher Effizienzpotenziale dabei Folge zu leisten. Wir brauchen integrierte durchgängig abgestufte Versorgungsstrukturen, wie sie private Betreiber von Gesundheitseinrichtungen bereits erfolgreich anbieten. Gleiches Geld für gleiche Leistung. Wir brauchen einen fairen Wettbewerb aller Anbieter am Markt für Gesundheitsgüter, ohne jegliche Diskriminierung. Quersubventionierungen und Beihilfen für einzelne Anbieter darf es nicht länger geben.

Welche Visionen haben Sie in Bezug auf das Gesundheitssystem im Allgemeinen?

Hadschieff: Das Gesundheitssystem der Zukunft sichert dem Patienten den größtmöglichen Nutzen, mit Anbietern, die in einem fairen Wettbewerb zueinander stehen. Sie agieren nahe am Wohnort und orientieren sich ausschließlich am Patientenwohl. Die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung ist qualitativ hochwertig. Sie geht auf die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen ein.

In der Diskussion um Gesundheitsreformen wird Privatkrankenhäusern u. a. vorgehalten, nur privatversicherte Patienten mit guten Risiken zu behandeln. Was entgegnen Sie darauf?

Hadschieff: Studien belegen, dass das Leistungsspektrum von Privatkrankenhäusern und öffentlichen Häusern zu 84 Prozent deckungsgleich ist. Größtenteils liegen auch dieselben Diagnosen vor. Auch die Schwere der behandelten Fälle ist sehr ähnlich. Patienten privater Krankenanstalten sind durchschnittlich etwas älter und haben eine kürzere Verweildauer. Die Transferierungs- und Wiederaufnahmerate ist im privaten Bereich geringer als im öffentlichen Sektor. Den immer wieder vorgebrachten Vorwürfen können die Privatspitäler also klare Fakten entgegenhalten.

Nicht selten ist auch zu hören, dass die Privatspitäler ein Interesse an Privatisierungen, vor allem der öffentlichen Rehabeinrichtungen, haben. Was sagen Sie dazu? Zuletzt kam es ja auch zu mehreren derartigen (Teil-)Privatisierungen.

Hadschieff: Die bisher durchgeführten Teilprivatisierungen und PPP-Modelle sind gute Beispiele für die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Betreibern.

Das Gespräch führte Martin Rümmele

Ende der Serie.

 

Kasten:
Fachverband der privaten Kur- und Krankenanstalten
Der Fachverband der privaten Krankenanstalten und Kurbetriebe ist die gesetzliche Interessenvertretung der privaten Gesundheitsbetriebe und vertritt die Interessen von 1.029 Betrieben. Er begutachtet einerseits für diese Gesetzesentwürfe und betreibt andererseits Lobbying auf nationaler und internationaler Ebene für die Branche.
Zur Person
KR Mag. Julian M. Hadschieff

Der gebürtige Tiroler studierte an der Universität Innsbruck und absolvierte ein Executive Program an der School of Public Health der Harvard University. Von 1986 bis 1990 arbeitete er in der Präsidialabteilung I des Amtes der Tiroler Landesregierung und war Projektleiter bei der Gründung der Tiroler Landeskrankenanstalten GmbH (TILAK). 1991 war er Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der Humanomed Krankenhaus Management, die seit heuer als PremiaMed Management GmbH firmiert. 1993 war er dann auch Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter der Humanocare Management-Consult GmbH, einer Management-Holding für mehrere Senioren- und Behindertenbetreuungseinrichtungen. Seit 2000 ist Hadschieff Obmann des Fachverbands der Gesundheitsbetriebe in der Wirtschaftskammer Österreich, seit 2009 Sprecher der Plattform Gesundheit in der WKÖ. Der sehgehandicapte Manager ist zudem Vizepräsident des österreichischen Behindertensportverbands (ÖBSV) und begeisterter Skifahrer.
Info: www.gesundheit-austria.at
Wordrap:
Kurz gefragt
• Das Gesundheitswesen leistet für mich ...
- ... Enormes, es könnte aber noch effizienter sein.
• Selbstbehalte sind für mich ...
- ... gerechtfertigt – das ist ein Investment in die eigene Gesundheit.
• Meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ...
- ... vor einem Jahr.
• Gesundheitspolitik interessiert mich, weil ...
- ... hinter jeder Entscheidung in diesem Bereich viele menschliche Schicksale stehen, die einem nicht gleichgültig sein können.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... Lebensqualität und Lebensfreude.

Martin Rümmele, Ärzte Woche 36 /2009

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