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Entlohnung
 
Gesundheitspolitik 25. August 2009

Interview: „Kosten-Explosion ist ein Märchen der Tagespolitik“

Der Präsident der ärztlichen Direktoren und Primarärzte, Reinhart Waneck, will, dass das Gesundheitswesen aus der Tagespolitik herausgehalten wird.

Ex-Gesundheitsstaatssekretär Prim. Prof. Dr. Reinhart Waneck geht als Chef der Primarärzte auf Konfrontation zu den Vorstellungen des ehemaligen Koalitionspartners ÖVP. Im Interview mit der Ärzte Woche wünscht er sich etwa eine Erhöhung der Beitragsgrundlage in der Krankenversicherung. Der Förderalismus, Politiker, die zu sehr an das Tagesgeschäft denken, und die fehlende Abstimmung von Angeboten im niedergelassenen und stationären Bereich sind für Reinhart Waneck die Grundübel im heimischen Gesundheitswesen.

Woran krankt es Ihrer Meinung nach in unserem Gesundheitssystem?

Waneck: Gegenfrage: Was ist das Besondere im Gesundheitswesen? Das Besondere am Gesundheitswesen ist, dass es bedingungslos um das Leben und damit um die Einzigartigkeit jedes Menschen geht. Wenn wir dies als gesellschaftlichen Grundkonsens anerkennen, entsteht ein qualitätvolles und menschliches Gesundheitswesen. Es steht aber auch vollständig in der Abhängigkeit der Professionisten, die im Gesundheitswesen tätig sind. Erst die Expertise, die Kompetenz, das Wissen und die Erfahrung der einzelnen Berufsgruppen sind die Grundlage für ein gutes Gesundheits- und Pflegesystem.

Das klingt schön. Dennoch haben wir massive organisatorische und finanzielle Probleme. Was ist für Sie die Ursache dafür?

Waneck: Gesundheitspolitik eignet sich nicht für den Horizont einer Legislaturperiode. Ich denke, sogenannte gesunde Politiker, die in der Regel kein medizinisches Gewissen haben, sollen die Finger lassen von der Tagespolitik im Gesundheitswesen. Es braucht gerade hier Politiker mit spezieller Expertise und medizinischem Gewissen. Das müssten nicht ausnahmslos Mediziner sein.

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig die richtigen Reformentscheidungen, wie wir ja in der Vergangenheit immer wieder gesehen haben. Wo sind für Sie die Probleme im System?

Waneck: Das gegenwärtige System der Finanzierung ist wegen seiner Unübersichtlichkeit für jede Steuerung ungeeignet. Ehe man aber für eine Finanzierung aus einer Hand spricht, muss es zur Festlegung von Eckpunkten kommen. Also etwa, ob der Bund mehr Entscheidungskompetenz bekommt oder ob es dabei bleibt, dass jedes Bundesland – und häufig abhängig von Wahlterminen – weiterhin machen kann, was es will.

Und welchen Weg bevorzugen Sie?

Waneck: Mein Problemlösungsansatz ist sicher mehr Zentralismus im Gesundheitswesen. Der Österreichische Strukturplan Gesundheit ist ein erster Ansatz. Es braucht eine Abstimmung der stationären Bereiche mit dem niedergelassenen Raum – aber nicht Spital versus niedergelassene Ärzteschaft – sowie eine Definition und Zuordnung von Leistungen. Aber auch eine Anpassung der Ausbildung der Gesundheitsberufe an moderne Erfordernisse. Es gäbe schon jetzt Sofortmaßnahmen, die keinem wehtun würden, aber einiges an Geldmitteln brächten, wie etwa den sofortiger Ersatz der Zinsenzahlungen der Krankenversicherung aus Budgetmitteln, damit nicht Versichertengelder in Millionenhöhe als zinsenfreie Darlehen an Bankinstitute gehen. Die Reduktion der Ambulanzfrequenzen könnte endlich durch die jetzt umgesetzten Gruppenpraxen gelingen – das war eines der ersten Gesetze von mir im Jahr 2000/2001. Ich kann mir aber auch eine Freizeitversicherung vorstellen.

Wie könnte die funktionieren?

Waneck: Man könnte etwa einen Euro pro Liftkarte und Tag einheben – damit werden auch ausländische Touristen erfasst.

Wo liegen für Sie die Herausforderungen für die Zukunft und wie könnte man diesen begegnen?

Waneck: Zuerst einmal: Die Kostenexplosion ist ein Märchen der Tagespolitik: In den vergangenen zehn Jahren stieg der Anteil am BIP von 9,6 auf 10,3 Prozent. Die finanzielle Sanierung der Krankenkassen ist ein Gebot der Stunde, aber keine Reform. Der Staat wird sicher, wenn man sich die EU-Entwicklungen ansieht, vom Leister zum Gewährleister. Die Regulierung wird mehr über den Markt erfolgen. Damit wird die Bedeutung privater Partner für das öffentliche Gesundheitswesen zunehmen – das wird bei uns durch das PPP-Modell-Gesetz bereits geregelt. Der Wettbewerb wird sich auch dadurch in den Gesundheitseinrichtungen durch Qualität und Zuwendung unterscheiden, und Transparenz wird zur entscheidenden Herausforderung. Aber auch dadurch, dass Patienten unabhängige und Qualitätsinformationen verlangen und erhalten werden. Ich denke, dass grenzüberschreitende Kooperationen zunehmen werden – und damit nimmt auch die Patientenmobilität, aber auch die der Beschäftigten im Gesundheitswesen zu. Gefahren drohen unserem System durch grenzüberschreitende Krankheiten, durch Influenza, TBC, AIDS/HIV, Malaria und so weiter.

Sie haben gesagt, dass die Sanierung der Kassen oberstes Gebot ist, die Gesundheitsausgaben aber nicht so dramatisch steigen. Immer öfter sagen Experten, dass das Problem der Kassen die Einnahmenbasis ist. Doch wie lässt sich dieses lösen?

Waneck: Etwa durch eine Öffnung der Beitragsgrundlage für Krankenversicherungsbeiträge nach oben und auf Basis der steuerpflichtigen Einkünfte. Das ist politisch aber kaum zu realisieren.

Kommen wir noch zu Ihrer Berufsgruppe. Immer wieder ist in politischen Debatten der Vorwurf an ärztliche Direktoren und Primarärzte zu hören, dass sie Abteilungen im eigenen Interesse aufrechterhalten und mehr Interesse an Privatpatienten haben als an normal versicherten Patienten. Was sagen Sie solchen Kritikern?

Waneck: Die Sondergebühren der Zusatzversicherten machen vier bis fünf Prozent der Gesamtkosten aus, und es kann nicht darauf verzichtet werden, da die Spitäler einerseits damit nichtsubventionierte Kosten decken und andererseits von den Trägern als Ersatz für niedrigere Löhne gehandhabt werden. Der Vertrag mit den Privatversicherungen beinhaltet die freie Arztwahl und ist in der Mehrzahl der Fälle an den Abteilungsleiter gebunden – was die persönliche Betreuung inkludiert. Allerdings gilt in den meisten Bundesländern und Spitälern auch die sogenannte „Bringerlösung“. Das heißt, ein Oberarzt bringt seine Patienten in das Spital und partizipiert in selber Höhe am Honorar, als wäre er der Primarius. Hier gibt es aber Unterschiede in den einzelnen Bundesländern. Dennoch haben alle inzwischen weitgehendste Akzeptanz gefunden, wobei der sogenannte Hausanteil ständig zunimmt. Die Arbeit ist aber immer ein Produkt von Teamarbeit. Für das Aufrechterhalten von Abteilungen ist in der Regel der Träger verantwortlich und obliegt der regionalen Politik. Ein Abteilungschef wird in der Regel zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr bestellt. Das sind zwischen 15 und 25 Jahre bis zur Pensionierung und damit eine zu kurze Zeit, um einen Beharrungseffekt zu erzielen. 

Das Gespräch führte Martin Rümmele

Kasten: Verband der ärztlichen Direktoren und Primarärzte Österreichs
Die Vereinigung der ärztlichen Direktoren und Primarärzte ist ein Verein und bezweckt die gegenseitige Information der Mitglieder in ihrer Funktion als leitende Ärzte. Das Ziel ist der Erfahrungsaustausch auf allen Gebieten des Krankenhauswesens einschließlich der ärztlichen Ausbildung, den Kontakten mit den medizinischen Universitäten, sowie die Wahrung und Förderung der beruflichen Interessen der Mitglieder.
Wordrap: Kurz gefragt
• Unser Gesundheitswesen leistet für mich ...
- ... Hervorragendes. Wir raunzen auf hohem Niveau.
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- , ... , wenn sie sozial ausgewogen sind, ein Weg, über Leistungen nachzudenken und zu kontrollieren, ob sie in relevanter Weise erbracht wurden und ob sie Sinn machten.
• Meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ...
- ... im Mai 2009 und erfolgt abgestuft jährlich.
• Gesundheitspolitik interessiert mich, weil ...
- ... ich vom ersten Tag meines Studiums an damit konfrontiert wurde und die Beschäftigung damit für leitende Ärzte Pflicht sein sollte.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

Martin Rümmele, Ärzte Woche 35 /2009

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