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Gesundheitspolitik 20. August 2009

„Qualität muss definiert und transparent werden“

Dr. Anton Ofner, Gremialobmann des Medizinproduktehandels, bemängelt fehlende Möglichkeit der Steuerung im Gesundheitswesen und fordert Finanzierung aus einer Hand.

In der laufenden Diskussion über eine Reform des Gesundheitssystems steht die Kostenfrage im Mittelpunkt. Das Gesundheitswesen an sich, behaupten die meisten der involvierten Experten, sei aber eines der besten auf der Welt. Aber ist es das wirklich? Worauf berufen sich die Gutredner, wo nehmen sie entsprechende Kennzahlen her?

 

Dr. Anton Ofner, Gremialobmann des Medizinproduktehandels, bemängelt das Fehlen von Daten über die Qualität der Gesundheitsleistungen und kritisiert die unzureichende Steuerbarkeit des Systems.

 

Woran krankt es denn derzeit im Gesundheitssystem?

OFNER: Zuerst muss man mit dem Blick auf den historischen Konnex einmal sagen, dass das österreichische Gesundheitswesen und -system in der Vergangenheit Großes für die Bevölkerung geleistet und dazu beigetragen hat, dass Österreich eines der lebenswertesten Länder der Welt geworden ist. Allerdings haben wir es im Gesundheitswesen naturgemäß mit dynamischen Parametern zu tun, und wir liegen mit den Kosten mittlerweile an der Spitze der OECD-Länder. Neben einigen anderen Faktoren ist die mangelnde Steuerfähigkeit des Systems auf Grund der – auch föderal bedingten – Mehrfachstrukturen im Hinblick auf Verwaltung und Finanzierung des Systems ein Grund. Der Zugang der neuen Regierung, die Finanzierung aus einer Hand in das Regierungsübereinkommen aufzunehmen, ist sicherlich vorteilhaft. Nun muss man aber zügig an die Umsetzung gehen und die notwendigen Modellversuche starten. Weiters ist es dringend notwendig, das Leistungsangebot des intra- und extramuralen Sektors patientenorientiert aufeinander abzustimmen.

 

Was sind die Herausforderungen der kommenden Jahre?

Ofner: Die demografische Entwicklung der Gesellschaften in den entwickelten Nationen, die heute und wohl noch die nächsten Jahre durch die krisenhafte wirtschaftliche Situation verschärft wird, sowie der wissenschaftliche und technische Fortschritt gepaart mit dem Recht des Patienten auf die qualitativ hochwertigste und modernste Behandlung, bilden die Schenkel einer Schere, die das Bestreben hat, sich immer weiter zu öffnen. Wir werden unsere ganze Kraft, Kreativität und Phantasie brauchen, um diese Situation zu meistern. Die Einflussgrößen der Qualität der medizinischen Leistung müssen definiert und – auch für den Patienten – transparent gemacht werden. Wir müssen die Effizienz der Prozesse des Gesundheitssystems steigern. Ein leistungsorientiertes Anreizsystem für die medizinische Dienstleistung sollte stärker den Aspekt der Prävention beinhalten und eine Abkehr von der reinen Reparaturmedizin sowie die Hinwendung zur Vorsorgemedizin induzieren. Wir werden diesen Herausforderungen nur Lösungen entgegensetzen können, wenn es uns gelingt, die Struktur des Gesundheitswesens so zu adaptieren, dass dessen Steuerung möglich wird.

 

Welche Visionen haben Sie?

Ofner: Ich denke, dass man sich ganz pragmatisch in die Position des Leistungsbeziehers, des Patienten, begeben muss, um zielführende strukturelle Reformen zu konzipieren. Nehmen wir zum Beispiel den ambulanten Bereich. Es gibt natürlich Indikationen, die den Besuch bei einem niedergelassenen Arzt, Praktiker oder Facharzt rechtfertigen. Bei sehr vielen Indikationen trifft dies jedoch nicht zu. Für den Patienten ist diese Vorgehensweise, besonders in ländlichen Regionen, zeitraubend und beschwerlich. Hier würde der Ausbau integrierter Versorgungseinheiten ohne Zweifel Abhilfe schaffen. Auch muss endlich das Prinzip des Wettbewerbs im Gesundheitssystem Einzug halten. Die Forderung, dass der Besitz und der Betrieb von Einrichtungen des Gesundheitswesens – etwa Tageskliniken oder integrierte Versorgungseinheiten – der Berufsgruppe der Ärzte vorbehalten sein soll, ist anachronistisch, widerspricht jeder wirtschaftlichen Ratio und wohl auch den Grundprinzipien des Europäischen Wirtschaftsraums. Weiters sollten e-Medizin und die elektronische Krankenakte hohe Effizienzgewinne bringen und damit Mittel für die Absicherung der Versorgungsleistung sowie die Forcierung des Präventionsgedankens in der Versorgung frei machen. Derzeit gibt es nicht nur völlig intransparente Finanzierungsprozesse, sondern auch zu viele Partner im Kompetenzdschungel des Gesundheitssystems. Das verunmöglicht effiziente, flexible, situations- und patientenorientierte Steuerung des Systems und Abstimmung der Schnittstellen zwischen extra- und intramuralem Bereich. Die Finanzierung aus einer Hand ist ein wichtiger erster Schritt. Weitere, wie die Schaffung eines gesamtkompetenten Lenkungsgremiums, müssen folgen.

 

Wie kann eine effiziente Finanzierung des Gesundheitssystems sinnvoll umgesetzt werden?

ofner: Hier gibt es eine ganze Reihe von Ideen. Manche davon sind sehr radikale Ansätze, wie etwa die Abschaffung aller Kassen und die Totalverstaatlichung des Gesundheitssystems. Ich bin der Meinung, dass die Kassen eine wichtige Funktion, nämlich die regionale, nahe am Patienten verwaltete Sicherstellung von zweckmäßigen und qualitativ adäquaten Leistungen, erfüllen. Sie sollten saniert und nachhaltig abgesichert werden. Das schließt aber die – auch überregionale – Hebung von Effizienzpotenzialen, etwa in Verwaltung und Leistungsangebot, ein. Der zentrale Punkt ist aber ohne Zweifel die Finanzierung aus einer Hand, die eine ganze Anzahl von positiven Begleiterscheinungen mit sich bringt.

 

Wie ist der Medizinproduktehandel in die Diskussion über eine Gesundheitsreform eingebunden?

ofner: Unsere Branche wird durch die gesetzliche Interessensvertretung, die Bundes- und Landesgremien für den Medizinproduktehandel im Rahmen der Wirtschaftskammern der Länder sowie die Bundeswirtschaftskammer repräsentiert und ist über diese Organisationen voll in den Meinungsbildungsprozess der Wirtschaftskammer integriert. Diese Meinung fließt in unserem sozialpartnerschaftlich organisierten System in den politischen Prozess ein.

 

Es gibt auch Kritik an Ihrer Berufssparte: Der Medizinproduktehandel bringe keine Innovationen mehr auf den Markt, ändere lediglich Bestehendes ab, um Patente zu sichern und weiterhin hohe Umsätze zu lukrieren, Patienten seien egal. Was halten sie dem entgegen?

ofner: Der Handel bringt die Produkte der Industrie auf den Markt, oder genauer, zum Arzt, ins Krankenhaus, in die Apotheke, in den Einzelhandel und zum Konsumenten. Gewerbe und Industrie in unserem Sektor produzieren ihre Erzeugnisse fast immer in überaus enger Zusammenarbeit mit Ärzten und Spitälern, die neue Lösungen für bestehende oder neue Probleme suchen. Daraus entsteht ein Strom von immer neuen, innovativen Erzeugnissen – derzeit gehen wir von über 500.000 verschiedenen Medizinprodukten aus. Der Hauptnutzen eines Medizinproduktes kann ohne die von den Unternehmen unserer Branche generierten Zusatznutzen wie Lagerhaltung, Beratung, Planung, Lieferung, Inbetriebnahme, Schulung und mehr in den allermeisten Fällen gar nicht entfaltet werden. Viele unserer Produkte sind für die Eigenanwendung konzipiert und haben daher kostendämpfende Wirkung: überlegen Sie zum Beispiel die Folgen, würden Patienten jedes Mal einen Arzt oder ein Spital aufsuchen, um Fieber oder Blutdruck zu messen oder eine kleinere Bandage anzulegen. Das System bräche zusammen. Was unser Interesse am Wohl des Patienten betrifft: Selbst wenn man die berufsethischen Grundsätze, denen wir verpflichtet sind, außer Acht lässt: Es wäre wirtschaftlich kurzsichtig und unklug, Produkte, die niemand braucht, zu Preisen, die niemand zahlen kann, in den Markt drücken zu wollen – sollte so etwas überhaupt möglich sein.

 

Das Gespräch führte Andreas Feiertag

 

 Alle Interviews dieser Serie sind unter www.SpringerMedOnline.at

nachzulesen.

Hintergrund:
Der Medizinproduktehandel in Österreich ist ein milliardenschweres Geschäft.








Der Medizinproduktehandel in Österreich ist in der Österreichischen Wirtschaftskammer in einem Bundesgremium und in den Landeswirtschaftskammern in Landesgremien als Interessenvertretung organisiert. Derzeit stellt der Sektor über 500.000 Medizinprodukte den Spitälern, Apotheken, Ärzten und Patienten zur Verfügung. Allein der in Wien erwirtschaftete Jahresumsatz liegt bei mehr als 1,7 Milliarden Euro.
Wordrap:
Kurz gefragt
• Unser Gesundheitswesen leistet für mich ...
- ... Gutes und verdient die Anpassung an die Gegenwart.
• Selbstbehalte sind für mich...
- ... als Steuerungsinstrument nur bedingt wirksam.
• Meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ...
- ... vor einer Woche.
• Gesundheitspolitik interessiert mich, weil ...
- ... ein funktionierendes Gesundheitswesen für eine demokratische Gesellschaft ein Stützpfeiler ist.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... ganz persönlich die Möglichkeit, diese wunderbare Welt freudvoll zu erleben.
Zur Person
KR Dr. Anton Gerald Ofner Medizinproduktehandel




1953 in Murau, Steiermark, geboren, studierte Anton Ofner Betriebswirtschaft (Massachusetts Institute of Technology), Sportwissenschaften (Universität Graz) und ist akademischer Krankenhausmanager (Wirtschaftsuniversität Wien). Nach Auslandsaufenthalten (drei Jahre Außenhandelsstelle der Bundeswirtschaftskammer in Seoul, Korea, und fünf Jahre für die Voest in Hong Kong, China) bekleidete er Managementfunktionen im Voest-Alpine-Konzern sowie einem japanischen Konzern der Medizinprodukteindustrie. Er ist Gesellschafter von Medizinproduktefirmen, Obmann des Landesgremiums der Wirtschaftskammer Wien für den Medizinproduktehandel und Obmann-Stellvertreter im Bundesgremium des Foto-, Optik- und Medizinproduktehandels der Bundeswirtschaftskammer. Anton Ofner ist Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich.

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