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Fotos (3):  Nanut/Regal
Eine zu Seuchenzeiten benutzte österreichische Kontumazanstalt für ankommende Reisende und Güter um 1831.

„Leibarzt dreier Kaiser“ und Hofhistoriograph: Johann Wilhelm Mannagetta (1588-1666).

 
Gesundheitspolitik 14. Juli 2009

„Fliehe früh, fliehe weit und kehre spät zurück“

Wie die ersten Quarantänevorschriften im Mittelalter entstanden.

Die gefürchtetsten Seuchen, die Menschen im Mittelalter in Angst und Schrecken versetzten, waren zweifellos Lepra und Pest. Sobald sie irgendwo auftraten, brach unweigerlich Panik aus. Nicht zu Unrecht, starben doch bei Pestepidemien die meisten Erkrankten innerhalb kürzester Zeit. Sie „aßen noch am Vormittag mit ihren Verwandten, um am Abend des gleichen Tages in einer anderen Welt mit ihren Vorfahren das Nachtmahl zu halten!“, schrieb Giovanni Bocaccio in seinem „Decamerone“ über die Pest in Florenz des Jahres 1348.

 

Die Beobachtung, dass die Pest „durch den Verkehr von den Kranken auf die Gesunden überging, wie das Feuer trockene oder brennbare Stoffe ergreift, wenn sie ihm nahe gebracht werden“, zeigt, dass die Menschen – obwohl sie nicht die geringste Ahnung über die Ursache und Verbreitung der Epidemie hatten – die Krankheit für ansteckend hielten. „Fliehe früh, fliehe weit und kehre spät zurück!“, war der gängigste Rat und manchmal auch die einzig rettende „Therapie“. Da dadurch unweigerlich ein fürchterliches Chaos ausbrach, manche Städte fast verödeten und die zumeist kopflos Flüchtenden die Seuche noch weiter verbreiteten, vermauerten manche Stadtverwaltungen sogar einen Teil ihrer Stadttore und drohten ihren Bürgern mit der Todesstrafe, falls jemand die Stadt verließe.

Die frühest nachweisbare Absonderung kranker Menschen zum Schutz von Gesunden erfolgte aber im Fall der Lepra. In der Nähe des Klosters von St. Gallen isolierte der heilige Othmar im Jahr 736 Aussätzige in einem „hospitiolum ad suscipiendos leprosos“. Im Jahr 757 erließen Pipin der Kurze und später, im Jahr 786, Karl der Große Verordnungen, dass Lepröse in speziellen Aussätzigenhäusern strengstens zu isolieren seien. Die Kranken wurden bürgerlich für tot erklärt, netterweise las man ihnen noch schnell eine Totenmesse. Nach Schluss derselben begrub man sie symbolisch, indem man ihnen eine Schaufel Erde auf die Füße warf. Dann wurden sie „ausgesetzt“. Die sogenannten „Leprosorien“ durften sie nur an speziellen Tagen und in spezieller Kleidung und mit einem Horn oder einer Holzklapper – mit diesen Instrumenten warnten sie die Gesunden vor sich – verlassen.

Die guten Erfolge, die man mit den unbarmherzigen, schauerlichen, aber letztlich doch wirkungsvollen Isoliermaßnahmen bei der Lepra gemacht hatte, waren mit ein Grund, dass viele Städte im Falle des „Schwarzen Todes“ ähnliche Maßnahmen ergriffen. Da die Pest in Europa zumeist über das Meer eingeschleppt wurde, waren es zunächst die Hafenstädte, die sich mithilfe von Absperrungen gegen die Pest zu schützen versuchten. Sie gestatteten Schiffen aus Pestgebieten erst nach einer gewissen Frist, in welcher der Gesundheitszustand der Besatzung kontrolliert wurde, in den Hafen einzulaufen. Die Pestordnung des Visconte Bernabo von Reggio bei Modena vom 17. Januar 1374 verlangte zwar nur eine zehntägige Beobachtungszeit, sie gilt aber heute als Beginn der eigentlichen „Quarantäne“, die ja genau genommen eine Isolation von 40 Tagen – quarantina di giorni – bedeutet. Venedig und Genua waren vermutlich die ersten Städte, die ihre Häfen gegen Schiffe aus Pestgebieten sperrten. Der Stadtrat von Ragusa (dem heutigen Dubrovnik) erließ im Jahr 1377 die „Trentina“, eine dreißigtägige Isolation, die für über das Meer ankommende Kaufleute und Reisende galt. Die Schiffe mussten an speziell dafür eingerichteten Quarantäneplätzen ankern, und die Einreisenden warteten auf einer nahe gelegenen Insel die Isolationszeit ab. Die klassische vierzigtägige Absonderung wurde zum ersten Mal 1383 in Marseille eingeführt – manche Autoren sprechen allerdings davon, dass Venedig bereits 1127 und 1348 als Schutzmaßnahme gegen die Pest seinen Hafen schloss.

Sackpfeifer Augustin

„Erfahrungen über die Dauer des Giftes an und in den Körpern“ hatte damals natürlich noch niemand. So forderte die berühmte „Wienerische Pestordnung, verfasst 1665 vom „Leibarzt dreier Kaiser“ und Hofhistoriographen Johann Wilhelm Mannagetta (1588-1666), die aber erst 1679 vom berühmten Wiener Pestarzt Paul de Sorbait (1624-1691) „fleißig revidirt, approbirt, und vermehret in Druck befördert“ wurde, nur „14 Täg“ Isolierung. Andere, vorsichtigere Städte forderten vierzig Tage, da „mancher wohl drei, vier, fünf oder mehr Wochen das anklebende Pestgift in oder am Leib mit sich herum getragen, ehe es ihn krank gemacht oder ins Beth geworfen“. Übrigens taucht in dieser „Wienerischen Pestordnung“ zum ersten Mal die Geschichte vom – hier allerdings noch namenlosen – Sackpfeifer, dem „lieben Augustin“, auf, der scheintot in eine Pestgrube geworfen wurde.

Die Festsetzung der vierzigtägigen Frist hatte vermutlich viele Gründe – allerdings kaum rationale. Schon in der Bibel hat die Zahl 40 eine besondere Bedeutung. So dauert in der Heiligen Schrift unter anderem die Sintflut 40 Tage und 40 Nächte, 40 Tage wartet Moses auf dem Berg Sinai, um das Gesetz zu empfangen, 40 Tage fastet Jesus in der Wüste, und mit ein paar rechnerischen Tricks – die Sonntage werden nicht gezählt – dauert die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Karsamstag ebenfalls 40 Tage. Die Alchemisten benötigen für bestimmte Transmutationen exakt 40 Tage und im 13. und 14. Jahrhundert galt der 40. Tag als Grenze zwischen der akuten und der chronischen Form einer Krankheit.

Den Ratten und den Flöhen war die Quarantäne herzlich egal

Da der Übertragungsmechanismus der Seuchen damals noch nicht durchschaut wurde – so konnte etwa die Rolle der Flöhe und Ratten bei der Pest erst Ende des 19. Jahrhunderts aufgeklärt werden – hatten die Versuche, sich gegen die Epidemien zu wehren, oft nur geringen Erfolg. Zwar waren die meisten Quarantänevorschriften durchaus vernünftig und konnten tatsächlich eine Infektionskette unterbrechen, aber selbst wenn pestverdächtige Personen oder Waren wirklich vierzig Tage lang – was zudem nicht immer sehr streng gehandhabt wurde – isoliert wurden, den Ratten und Flöhen waren diese Vorschriften meist herzlich egal.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 28 /2009

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