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Fotos (2):  Nanut/Regal
Sogenannte „Peckerl“ als Feuchtpräparate im Narrenturm.

Vermutlich die Tätowierung eines Seemanns. Links oben die Darstellung des Fliehkraftreglers einer Dampfmaschine. Der einstige Besitzer der Haut war wahrscheinlich stolz darauf, Maschinist zu sein.

 
Gesundheitspolitik 9. Juli 2009

Unauslöschlicher Schmuck

Bilder und Geschichten, die unter die Haut gehen.

Kaiser Franz Joseph hat es vermutlich gar nicht schön gefunden und noch weniger gefreut, als er erfuhr, dass sich seine Sisi einen Anker auf die linke Schulter hatte tätowieren lassen. Immerhin war die Kaiserin damals schon 51 Jahre alt, dazu kam, dass sie sich diesen „Klassiker“ in einer durch und durch unstandesgemäßen Hafenkneipe in der Ägäis hatte tätowieren lassen.

 

Kaiserin Sisi befand sich mit ihrem Hautschmuck, einem Anker auf der Schulter, in guter Gesellschaft. Andere gekrönte Häupter wie König Georg V., König Edward VII. oder Zar Nikolaus II. waren ebenso tätowiert. Auch der Herzog von Sachsen Koburg, der König von Griechenland oder die Prinzessin Waldemar von Dänemark jagten sich Tinte unter die Haut. Vermutlich waren die aristokratischen Tattoos aber wesentlich schöner als die „Peckerl“ ihrer „Kollegen“ von der untersten Sprosse der sozialen Leiter. Einige dieser Häute mit den allseits bekannten, typisch dicken blauen Linien sind als Feuchtpräparate im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum der Nachwelt erhalten geblieben.

Körperbemalung und Tätowierung sind vermutlich so alt wie die menschliche Zivilisation. Die Technik, Farbpigmente mit spitzen Gegenständen in die Haut zu bringen, ist seit Urzeiten fast überall auf der Welt bekannt. Wo die Kunst der Tätowierung ihren geographischen Ursprung hat, ist allerdings nicht geklärt. Glaubten Historiker früher, dass sich die Tätowierung aus dem asiatischen Raum über die Welt verbreitete, mussten sie nach dem Fund der über 5.000 Jahre alten Gletschermumie vom Hauslabjoch in Tirol ihre Thesen überdenken. An der Hautoberfläche der Mumie wurden insgesamt 47 Tätowierungen entdeckt. „Ötzi“ ist bis heute der älteste tätowierte Körper der Welt.

Arztbrief aus der Steinzeit

Tattoos fand man aber auch auf ägyptischen Mumien und bei den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas. Weit über 2.000 Jahre alt ist eine mit Vögeln, Hirschen und mystischen Tieren prächtig tätowierte weibliche Mumie, die in Russland gefunden wurde. Tätowierungen waren aber nicht nur Schmuck oder Stammessymbol. Sie hatten auch kultische oder magische Bedeutung. So symbolisierten sie etwa die Aufnahme von Jugendlichen in den Kreis der Erwachsenen, zeigten den sozialen Status, erzählten Geschichten von diversen Heldentaten, schützten vor Dämonen und hatten – wie bei „Ötzi“ – sogar therapeutischen Charakter. Einige seiner Tätowierungspunkte und -gruppen sind eindeutig nicht ornamental, sondern stimmen weitgehend mit den klassischen Akupunkturpunkten überein. Das geht so weit, dass Akupunkteure aus den tätowierten Punktkombinationen sogar auf die Beschwerden schlossen, die „Ötzi“ gehabt haben musste, und Experten lesen heute seine Tätowierungen wie einen „Arztbrief aus der Steinzeit“.

Auch in vielen Religionen galten Tätowierungen als Zugehörigkeitszeichen. Frühe christliche Sekten tätowierten sich christliche Symbole ans Handgelenk oder auf die Stirn. Die Kreuzritter hofften durch die Tätowierung eines Kreuzes am Unterarm im Falle ihres Todes auf eine christliche Ruhestätte, selbst wenn sie im muslimischen Morgenland versterben sollten.

Das Wort des Jahres 1774

Erstmals weite Verbreitung und Aufmerksamkeit in Europa erhielten die Tätowierungen jedoch durch den britischen Kapitän James Cook. Von seiner zweiten Weltumsegelung brachte er 1774 nicht nur den – wie in der mikronesischen adeligen Gesellschaft üblich – am ganzen Körper kunstvoll tätowierten tahitianischen Prinzen Omai nach Europa, sondern führte auch den aus der Südsee stammenden Begriff „tatauieren“ in den europäischen Wortschatz ein. Das Wort „tat-tow“ imitierte vermutlich lautmalerisch das Geräusch, das bei der Verwendung des in Polynesien traditionell benutzten Tätowierkammes entsteht, und bedeutet so viel wie „Wunden schlagen“. Nach Prinz Omai, der mit seinen allseits bestaunten und bewunderten Tattoos in der besseren Londoner Gesellschaft Erfolge feierte, kamen laufend mehr oder weniger echte tätowierte „Wilde“ als Attraktion für Kuriositätenkabinette nach Europa. Vor allem die „tätowierte Frau“ war ein Blickfang, den sich eine Raritätenschau nicht entgehen lassen konnte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte das Tattoo eine Blütezeit. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung – zum Großteil allerdings aus sozialen Randgruppen, aber auch höchste Kreise – trugen diesen immerwährenden Körperschmuck. Vor allem aber waren es Seeleute, die, mit eigenen Motiven abseits von Glauben oder Stammessymbolen tätowiert, von ihren Reisen zurückkehrten. Viele „sammelten“ geradezu Tattoos von Hafen zu Hafen. Mehr als 95 Prozent der Seeleute waren Ende des 19. Jahrhunderts tätowiert. Damals entstand wohl das Klischee des tätowierten Matrosen, das sich bis heute gehalten hat.

Tätowierungen waren – und sind zum Teil auch heute noch – Ausdruck einer Alternativkultur. Waren es früher vor allem Seemänner, Soldaten, Schausteller, Kriminelle und vielleicht noch „degenerierte Adelige“, die sich tätowieren ließen, änderte sich das in den letzten Jahrzehnten radikal. Tattoos haben den Hauch des „Halbseidenen“, des Verwegenen und Verbotenen abgelegt, sie sind salonfähig geworden.

Ewiger als lieb...

Tätowierungen erfreuen sich weltweit größerer Beliebtheit denn je. Die „beautiful people“ schmücken sich heute allerdings nicht mit den klassischen „Häfenpeckerln“. Farbenprächtige kleine Kunstwerke zieren die Haut an sichtbaren und manchmal auch an weniger öffentlichen Stellen. Ein kultiges, dauerhaftes, unauslöschliches, ewiges Schmuckstück in der Haut. Später dann oft „ewiger“ als lieb.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 27 /2009

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