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Fotos (2): Wolfgang Regal
Die Krönung der „bone church“ ist der riesige achtarmige knöcherne Kronleuchter, der in der Mitte des Raumes schwebt und in dem angeblich sämtliche Knochen des menschlichen Körpers verarbeitet sind.

Sämtliche Utensilien, die für eine katholische Messe benötigt werden, sind vorhanden. Durchaus nicht ungewöhnlich für ein katholisches Gotteshaus. Ungewöhnlich ist nur, dass alle Gerätschaften aus Menschenknochen gebastelt sind.

 
Gesundheitspolitik 27. Juni 2009

Wohliges Gruseln im Beinhaus von Kutná Hora

Bizarres Gesamtkunstwerk aus Knochen oder Disneyland für Gothic Freaks.

Vor einigen Jahren noch Geheimtipp, mausert sich eine obskure Sehenswürdigkeit in Kutná Hora (Kuttenberg), die etwa 70 Kilometer südöstlich von Prag entfernt liegt, allmählich zur Touristenattraktion. Makabre „Kunstwerke“ aus Knochen von etwa 40.000 menschlichen Leichen faszinieren, verstören oder erschaudern den Besucher des Beinhauses im Vorort Kostnice Sedlec (Sedletz). Die Touristenfrage nach der „bone church“ ist überall in der Stadt zu hören. Geschaffen hat dieses weltweit einzigartige morbide Gesamtkunstwerk aus menschlichen Knochen im Untergeschoss der Allerheiligenkirche der böhmische Holzschnitzer František Rint im Jahr 1870.

 

Einer Legende nach brachte im Jahr 1278 der Abt des Zisterzienserklosters Sedlec von einer Jerusalemreise eine Handvoll Erde vom heiligen Grab mit, verstreute diese auf dem Friedhof und machte ihn dadurch zu einem Teil des Heiligen Landes. Dadurch wurde der Gottesacker ein weithin begehrter Bestattungsort.

Den Wunsch, in dieser heiligen Erde seine letzte Ruhe zu finden, brachte fromme Verblichene – nicht nur aus der näheren Umgebung und Böhmen – zur Bestattung nach Sedlec. Auch bei Bayern, Polen und so-gar Belgiern war diese Ruhestätte heiß begehrt. Mag vielleicht auch die Seele in der heiligen Erde ihre Ruhe gefunden haben oder besonders rasch ins ersehnte Himmelreich gekommen sein, den sterblichen Überresten blieb dies aber versagt. Gereinigt, desinfiziert und mit Chlorkalk gebleicht, landeten sie in der Friedhofskapelle und sind heute ei-ne touristische Sehenswürdigkeit, eine gespenstische Kulisse für Hollywood Mystery-Filme – im Jahr 2000 etwa für „Dungeons & Dragons“ mit Jeremy Irons – oder Staffage für Gothic Freaks auf der Suche nach dem ultimativen Kick.

Tausende und abertausende Menschen wurden im Lauf der Jahrhunderte auf dem kleinen Friedhof in Sedlec begraben. Pestepidemien und Kriege füllten den Friedhof oft rascher als erwartet. Mehrfach mussten die Mönche die alten Gebeine exhumieren, um Platz für neue Gräber zu schaffen. Die ausgegrabenen Knochen stapelten sie im Untergeschoss der Friedhofskapelle.

Das Beinhaus entstand unter den Schwarzenbergs

Das „Aus“ für Kloster und Friedhof kam im Jahr 1784. In diesem Jahr hob Kaiser Josef II. neben vielen anderen Klöstern auch das Kloster Sedlec auf. Sein heutiges Aussehen erhielt die Kapelle durch das Fürstengeschlecht Schwarzenberg. Die Schwarzenbergs kauften das Anwesen und fanden sechs riesige Pyramiden mit menschlichen Gebeinen in der Kapelle vor.

Sie beauftragten den Holzschnitzer Rint, das Beinhaus so kunstvoll wie möglich zu gestalten. Und das tat er. Von den ursprünglich sechs Knochenpyramiden entfernte er zwei, benutzte davon einen Teil der Knochen für seine Dekorationen und Ausschmückung des Raumes und ließ etwa 40 m³ Knochen auf dem Friedhof beisetzen. Da es sich, obwohl der Raum eher an einen Platz für schwarze Messen und Satanskul-te erinnert, um eine katholische Kirche handelt, findet man hier auch sämtliche Utensilien, die für eine katholische Messe benötigt werden. Durchaus nicht ungewöhnlich für ein katholisches Gotteshaus. Ungewöhnlich ist nur, dass alle Gerätschaften aus Menschenknochen gebastelt sind. Kruzifixe aus Oberarmknochen, Ellen und Speichen, umrahmt von Oberschenkelknochen, Schulterblättern und Schädeln, eine Monstranz, bei der ein Schädel von Oberarmknochen, Kreuzbeinen und Wirbelkörpern strahlenförmig umkränzt ist und auf einem Sockel von Unterkiefern und bündelweise Oberarmknochen ruht und Messweinkelche zusammengesetzt aus Schädel, Oberschenkelknochen, Beckenschaufeln und Kreuzbeinen.

Ein ganzes Skelett als Kronleuchter verarbeitet

Die Krönung der Kapelle ist aber der riesige achtarmige knöcherne Kronleuchter, der in der Mitte des Raumes schwebt und in dem angeblich sämtliche Knochen des menschlichen Körpers verarbeitet sind. Dabei dienen Totenköpfe und Schulterblätter hier als Kerzenhalter und Wachsfänger.

Auch das Wappen der Schwarzenbergs im linken Teil der Kapelle ist vollständig aus Knochen nachgebildet. Sogar den Raben, der einem Schädel die Augen aushackt, in der linken unteren Ecke des Wappens – eine Erinnerung an die Bezwingung der Festung Györ durch Adolf von Schwarzenberg im Jahr 1598 – fer-tigte Rint aus Schulterblatt, Mittelfußknochen und einem gespaltenen Oberarmstumpf. Mit Dreschflegel und Hacken eingeschlagene Schädel in zwei beleuchteten Vitrinen erinnern, wie brutal Kriege sind, nicht nur im Mittelalter. Zierliche Knochengirlanden, Kerzenleuchter, Pyramiden aus Schädeln und diversen Knochen vervollständigen dieses gigantische, gespenstische, aber durchaus auch makaber charmante barocke Memento mori.

Dieses wohl ungewöhnlichste katholische Gotteshaus der Welt ist unbedingt sehenswert, nicht nur für Gothic-Freaks, Satanisten und Medizinstudenten vor dem Knochenkolloquium.

Von Wolfgang Regal, Ärzte Woche 26 /2009

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