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Gesundheitspolitik 27. Juni 2009

Daumenschrauben für den Föderalismus

Mag. Christoph Sauermann, Präsident der FOPI, bemängelt fehlende Daten zur Qualität im Gesundheitswesen und spricht sich für eine Finanzierung aus einer Hand aus.

In der laufenden Diskussion über eine Reform des Gesundheitswesens steht die Kostenfrage im Mittelpunkt. Aber das Gesundheitswesen an sich, behaupten die meisten der involvierten Experten, sei eines der besten auf der Welt. Aber ist es das wirklich? Worauf berufen sich die „Gutredner“, wo nehmen sie entsprechende Kennzahlen her?

Mag. Christoph Sauermann, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI), bemängelt in unserem Gespräch das Fehlen von Daten über die Qualität der Gesundheitsleistungen.

Woran krankt es denn derzeit im Gesundheitssystem?

Sauermann: Die Wurzel des Übels ist die uneinheitliche Finanzierung der Gesundheitsversorgung und die völlige Zersplitterung der Steuerungs- und Kontrollkompetenzen. In Kombination mit dem Fehlen von verbindlichen Gesundheitszielen führt das dazu, dass die finanziellen Mittel nicht immer dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen bringen. Dort, wo Wettbewerb im Gesundheitswesen besteht, ist er nicht auf Systemverbesserung, sondern primär auf Kostenreduktion gerichtet. Die Folge sind Über-, Unter- und Fehlversorgung auf einem – zugegeben – sehr hohen Niveau. Tatsächlich kann derzeit aber niemand sagen, wie gut unser Gesundheitssystem wirklich ist, da es kaum Daten, Zielvorgaben und Qualitätsstandards gibt.

Und wie kann eine solche einheitliche Finanzierung, die Sie angesprochen haben, denn überhaupt sinnvoll umgesetzt werden?

Sauermann: Indem man den Ursachen auf den Grund geht, warum wir immer noch darüber diskutieren, obwohl sich alle Experten seit Jahren einig sind, dass kein Weg daran vorbeiführt. Solange sich einzelne Akteure im Gesundheitssystem ein bequemes Nest im Dickicht des Finanzdschungels bauen können, gibt es auch keinen Anreiz, einer Restrukturierung der Geldflüsse zuzustimmen – also muss man zuerst dem Föderalismus die Daumenschrauben ansetzen. Ohne Einbindung der Länder und des stationären Bereichs bleibt jede Reform ein kosmetischer Eingriff – das hat ja die Vergangenheit bewiesen.

Was sind die Herausforderungen der kommenden Jahre, und welche Lösungen gibt es dafür?

Sauermann: Oberste Priorität hat zweifellos die nachhaltige Konsolidierung der Kassen. Die schwierige Wirtschaftslage, die Überalterung der Gesellschaft in Verbindung mit den rückläufigen Geburtsraten haben bereits heute massiv die wirtschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen des Systems verändert und zu einer steigenden Anspruchnahme medizinischer Leistungen bei gleichzeitigem Rückgang der Beiträge geführt. Je länger wir damit warten, auf die demografische Entwicklung politisch zu reagieren, desto schmerzhafter und teurer werden die Reformen werden. Ohne den Wettbewerb zu verstärken, wird unser Gesundheitssystem künftig nicht funktionieren. Nur so können wir die Effizienzreserven heben, die wir brauchen, um den demografischen Wandel zu bewältigen und den medizinischen Fortschritt zu finanzieren. Für Österreich heißt das: Wir brauchen mehr Wettbewerb, weniger Bürokratie, mehr Vertragsfreiheit und weniger Regulierung

Welche Visionen haben Sie?

Sauermann: Ich möchte ein Gesundheitssystem, in dem man offen über Bedarfsgerechtigkeit, Eigenverantwortung und Solidarität diskutieren darf, ohne gleich mit der Neoliberalismus-Keule geschlagen zu werden. Die Schlüsselbereiche sind klar auszumachen: Überall dort, wo der Patient zwischen verschiedenen Leistungsanbietern hin und her wandert, gilt es anzusetzen. Entwicklung und Ausbau einer integrierten Medizin und Versorgung sind die Schlüsselprozesse der Zukunft. Aber auch hier gilt: Wir brauchen Daten, Zielvorgaben und Qualitätsstandards. Und wir werden uns nicht länger davor drücken können, notwendige Leistungen zu bestimmen – und zwar nach ökonomischen Gesichtspunkten. Das heißt in letzter Konsequenz, dass nicht mehr alles medizinisch Mögliche von der Solidargemeinschaft finanziert werden kann.

Wie ist das FOPI in die Diskussion über eine Reform eingebunden?

Sauermann: FOPI hat sich in den letzten Jahren als kompetenter und konstruktiver Partner im Gesundheitswesen etabliert, und diese Rolle nehmen wir auch im aktuellen Reformprozess aktiv ein. Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die forschende Pharmaindustrie und ihre Innovationen in Österreich zu oft als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung gesehen werden. Als nicht-gesetzliche Interessensvertretung hängt unsere Partizipation am politischen Diskussions- und Entscheidungsprozess von der Qualität unserer Argumente und unserer Lösungsvorschläge ab. Durch die zunehmende Komplexität des Systems stößt die Politik an ihre Grenzen und ist offener für unsere Konzepte und Lösungsansätze geworden.

Es gibt aber auch laufend Kritik an Ihren Mitgliedern: Die pharmazeutische Industrie bringe keine Innovationen mehr auf den Markt, ändere nur Indikation oder Rezeptur bestehender Produkte, um neue Patente und damit hohe Preise zu erhalten. Was halten Sie diesen Anwürfen entgegen?

Sauermann: Die Preise für innovative Arzneimittel liegen in Österreich um 18 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. In diesem Durchschnitt sind auch Länder mit deutlich niedrigerem Wirtschaftswachstum und höherer Inflation eingerechnet – von hohen Preisen kann also absolut nicht die Rede sein, Innovation wird in Österreich nicht belohnt. Eher im Gegenteil: Wir werden es in Zukunft noch öfter erleben, dass neue Arzneimittel aufgrund des Preisdumpings in Österreich erst gar nicht auf den Markt kommen. Für uns forschende Arzneimittelhersteller ist der Weltmarkt relevant. Nur innovative Arzneimittel haben auf dem Weltmarkt eine Chance, sich durchzusetzen. Seit 1990 hat die forschende Industrie über 300 neue Arzneimittel und Impfstoffe für über 150 Krankheitsbilder entwickelt. Allein in Europa hat die forschende Pharmaindustrie 2006 rund 24,8 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert. In den nächsten vier Jahren könnten in der EU 40 neue Medikamente gegen seltene Krankheiten zugelassen werden – diese Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Worunter wir leiden, sind die großen Erfolge der Vergangenheit – die Erwartungshaltung an die forschende Industrie ist mittlerweile so groß, dass nur noch neue Wirkstoffe oder neue Wirkprinzipien als Innovationen gelten. Tatsache ist, dass Fortschritt nicht nur durch große Schritte erreicht wird, sondern auch durch kontinuierliches Weiterentwickeln des einmal Erreichten. Die große Mehrzahl der derzeit wichtigsten Arzneimittel ist durch Schrittinnovationen entstanden. Eine faire Bewertung des Innovationsgrades setzt voraus, dass neue Arzneimittel die Möglichkeit zum Beleg der therapeutischen Evidenz und der Bewährung im Versorgungsalltag eingeräumt wird – beides ist in Österreich nur eingeschränkt der Fall.

Es wird darüber hinaus aber auch kritisiert, dass sich die pharmazeutische Industrie nur aus reiner Profitgier gegen die wesentlich kostengünstigeren Generika wehrt.

Sauermann: Die EU hat es mit dem „Headroom for Innovation“-Konzept bereits klar gesagt: Der Einsatz von Generika soll Geld freimachen, um den medizinischen Fortschritt zu finanzieren. Unter diesem Aspekt ist die forschende Industrie an einem funktionierenden Generika-Markt interessiert. Wogegen wir uns wehren, ist, dass die Arzneimittelpolitik in Österreich seit Jahren ausschließlich auf die Förderung von Generika abzielt und der forschenden Industrie den schwarzen Peter als Kostentreiber zuspielt.

Das Gespräch führte Andreas Feiertag

 

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Im Interview Dr. Otmar Peischl, Obmann des Generikaverbands: "Gleicher Zugang für alle zum Gesundheitssystem"

Wordrap:
Kurz gefragt
• Unser Gesundheitswesen leistet für mich ...
- ... einen gelebten sozialen Ausgleich.
• Selbstbehalte sind für mich...
- ... primär ein Anreizsystem, um weniger Gesundheitsleistungen zu konsumieren.
• Meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ...
- ... ohne Befund.
• Gesundheitspolitik interessiert mich, weil ...
- ... sie alle anderen Politikfelder beeinflusst.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... dass ich mich in meiner Haut wohl fühle.
Hintergrund:
FOPI, das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie, wurde 2000 gegründet.
Als Reaktion auf zunehmende Globalisierung gründete der Dachverband der US-Pharmaindustrie (PhRMA) Mitte der 90er-Jahre eine Reihe von Local Area Working Groups (LAWG). 2000 ging FOPI, das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie, aus der österreichischen LAWG hervor. Das Verzeichnis der mittlerweile 18 Mitglieder liest sich wie das „Who is Who“ der internationalen forschenden Industrie. FOPI ist auch in der europäischen Lobbying-Datenbank registriert.
Zur Person
Mag. Christoph Sauermann, Präsident der FOPI

Christoph Sauermann (42) ist Experte für Industrie- und Gesundheitspolitik und verfügt über langjährige Erfahrung in der forschenden Industrie. Der studierte Ökonom und Wirtschaftswissenschaftler startete seine Karriere 1994 bei Organon. Nach drei Jahren wechselte Sauermann zur Österreich-Tochter des US-amerikanischen Pharmakonzerns Wyeth und war dort wesentlich für den Aufbau der osteuropäischen Märkte verantwortlich. Seit 2002 steht er als Geschäftsführer an der Spitze des Unternehmens. 2005 wurde er erstmals als Vizepräsident in den Vorstand des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI) gewählt. Seit März 2007 vertritt Sauermann als Präsident die Anliegen der forschenden Industrie und ist Vorstandsmitglied der Pharmig.
Info: FOPI, bei Wyeth; 1015 Wien, Storcheng. 1; www.fopi.at

Andreas Feiertag, Ärzte Woche 26 /2009

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