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Fotos (3):  Nanut/Regal
Ein Kupferstich aus dem Jahr 1708 zeigt eine präzise anatomische Darstellung einer Schilddrüse.

Theodor Kocher (1841-1917) ist ein Pionier der Schildrüsenchirurgie.

Ein Präparat im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum zeigt eine Struma mit deutlicher Kompression der Trachea.

 
Gesundheitspolitik 23. Juni 2009

„Eine tödliche Metzelei verantwortungsloser Chirurgen“

Lange Zeit war die Schilddrüsenchirurgie mit einem Bannfluch belegt.

„Wir müssen dieses Verfahren, selbst vom gewandtesten Chirurgen ausgeführt, ein tollkühnes Verfahren nennen. Es hat auch diese Operation von jeher mehr entschiedene Gegner gehabt, als Vertheidiger. So wurde sie ein grausames, nicht zu entschuldigendes Verfahren genannt. Ja, Einzelne gingen in ihrer Entrüstung so weit, dass sie dieselbe geradezu als Mordversuch erklärten.“ Dies schrieb der Chirurg Wenzel von Linhart (1821- 1877) in seinem „Compendium der chirurgischen Operationslehre“, erschienen 1856 beim k.k. Hofbuchhändler Wilhelm Braumüller in Wien. Die waghalsige, ja geradezu barbarisch bestialische Operation von der er sprach ist die totale Exstirpation der Schilddrüse.

 

Tatsächlich endete der Versuch den Kropf mit dem Messer zu behandeln von der Antike bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in den allermeisten Fällen in einem Desaster. Beim Versuch – wohlgemerkt alles noch ohne Narkose – in den Kropf einzuschneiden und dann mit den Fingern die Knoten aus der Schilddrüse „herauszuzerren“, kam es meist zu massiven nicht stillbaren Blutungen und tödlichen Embolien durch die in die großen Halsvenen angesaugte Luft. Auch „Wundfieber“ mit Sepsis und nicht selten Ersticken führten häufig zum Tod. Bereits Paracelsus – er hatte erkannt, dass im krankhaft veränderten Kropf ungewöhnlich viele Blutgefäße vorhanden sind – warnte eindringlich vor dem Schnitt in den Kropf. In über 40 Prozent der Fälle endete die Operation bis weit ins 19. Jahrhundert tödlich. Wer das Glück hatte die Operation zu überleben, musste sich danach oft mit einem „kleineren Übel“ abfinden: die Störung oder gar den Verlust der Sprache durch die Verletzung, Zerrung oder Quetschung des Nervus laryngeus recurrens, der hinter der Schilddrüse verläuft und die Stimmbänder innerviert. Viele medizinische Autoritäten belegten damals die „leichtsinnige Operation“ mit einem Bannfluch und sprachen von einer tödlichen „Metzelei“ an die sich kein „verantwortungsbewusster Chirurg“ wagen sollte.

Quacksalberei mit gerösteten Meerschwämmen und Seetang

Aber auch die Internisten kannten kein wirklich wirksames Mittel gegen den Kropf. Wie die Ärzte vor tausend Jahren behandelten sie die Geschwülste der Schilddrüse mit gerösteten Meerschwämmen und Seetang. Das Jod als vielfältig verwendetes Kropfmittel war lange Zeit das einzige Heilmittel das Kropfgeschwülste – zumindest gelegentlich – abschwellen ließ. Der Schweizer Jean François Coindet (1774-1834) entdeckte im Jahr 1820, dass Jod der wirksame Bestandteil des Meerschwammes war. Auch wusste niemand wozu dieses zweilappige Gebilde unterhalb des Kehlkopfes – obwohl es bereits seit der Antike bekannt war – eigentlich da war und ob es überhaupt lebenswichtig war. Galen glaubte es „schmiere“ den Kehlkopf, hielt die Struktur aber für so unwichtig, dass er ihr nicht einmal einen Namen gab. „Glandulae thyroidaeae“ – wörtlich: die einem viereckigen Schild ähnlichen Drüsen - nannte sie der englische Arzt Thomas Wharton erst im Jahr 1656 als er sie für sein Buch über die Drüsen beschreiben musste. Die Übersetzung ins Deutsche führte dann zur Bezeichnung „Schilddrüse“. Über den Zweck des Organs wusste aber auch Wharton nichts. Er meinte sie sei dazu da den knorpeligen Kehlkopf warm zu halten und „überflüssige Feuchtigkeit der Stimmnerven an sich zu nehmen“. Außerdem nahm er an, sie „diene der Verschönerung des weiblichen Halses“.

Trotz „Bannfluch“ fanden sich aber doch immer wieder „verantwortungslose“ Chirurgen, die versuchten große Kröpfe mit dem Messer zu entfernen, da sie ihre Patienten nicht hilflos ersticken lassen wollten. Die erste dokumentierte Schilddrüsenresektion führte 1791 der französische Chirurg Pierre-Joseph Desault (1744-1795) durch – besser bekannt ist er allerdings wegen seines Schulterverbandes bei Brüchen des Schlüsselbeins. Die entscheidende Wende in der Schilddrüsenchirurgie kam erst in den 1870er Jahren durch die beiden chirurgischen Giganten Theodor Billroth (1829-1894) in Wien und vor allem Theodor Kocher (1841- 1917) in Bern. Kocher gelang es durch seine präzise Operationstechnik, die Einführung der Antisepsis und die sorgfältige Blutstillung mit Hilfe von Arterienklemmen die Mortalität von anfangs 40 Prozent auf 0,2 Prozent zu reduzieren. Seine Operationslehre – Kragenschnitt, Spaltung der medialen Halsmuskulatur, sorgfältige Blutstillung mit Identifikation der lateralen Halsvenen – ist zum Teil bis heute gültig.

Aber sowohl Billroth als auch Kocher hatten mit damals schwer erklärbaren postoperativen Komplikationen ihre liebe Not. War es bei Kocher das Myxödem, ein mit Trägheit und Fettleibigkeit verbundenes „kretinoides Leiden“, waren es bei den von Billroth operierten Patienten, Krämpfe und vereinzelt tödlich verlaufende „Tetanien“. Erst nach und nach konnten beide Probleme geklärt werden: Kocher, ein vorsichtig und blutlos operierender Chirurg entfernte peinlich genau die komplette Schilddrüse und verletzte das Gewebe außerhalb ihrer Kapsel praktisch nicht. Durch seine perfekte Operationstechnik produzierte er – auch Kocher war zu diesem Zeitpunk die Funktion der Schilddrüse noch weitgehend unbekannt – in manchen Fällen „stumpfsinnige Kretins“ während Billroth der rascher, spektakulärer und mit weniger Rücksicht auf Blutungen und Gewebe operierte, oft Reste der Schilddrüse zurückließ, dafür aber gelegentlich die „Parathormon“ produzierenden Epithelkörperchen versehentlich mitentfernte, erst 1924 konnte Parathormon erstmals nachgewiesen werden. Im Jahr 1883 pflanzte dann Kocher – er vermutete, dass die Schilddrüse eine „wichtige“ Funktion besitzt, die bei vollständiger Exstirpation des Organs verschwand – erstmals einem jungen Mann nach einer Kropfoperation fremdes menschliches Schilddrüsengewebe ein, damit die Funktion durch das transplantiertes Gewebe wieder ausgeübt werden könne. Diese Pionierarbeit gilt heute als eine der ersten modernen Transplantationen und führte um 1900 neben anderen Untersuchungen und Arbeiten zur Anerkennung der Transplantation als durchführbare medizinische Vorstellung. Kocher soll eigenhändig über 6.000 Operationen an der Schilddrüse ausgeführt haben. Für seine „bahnbrechenden“ Arbeiten über Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse erhielt Theodor Kocher 1909 als erster Mediziner die wichtigste wissenschaftliche Auszeichnung: den Nobelpreis.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 25 /2009

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