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Gesundheitspolitik 23. Juni 2009

Gleicher Zugang für alle zum Gesundheitssystem

Der Obmann des österreichischen Generikaverbandes, Dr. Otmar Peischl, sieht in den Medikamenten ein brach liegendes Einsparungspotenzial, das es rasch zu nutzen gilt.

Die Krankenkassen im Speziellen und das Gesundheitswesen im Allgemeinen haben weiterhin großen Reformbedarf. Interessant an der laufenden Debatte ist der Umstand, dass sich die Reformbestrebungen zumeist lediglich auf die Verringerung der Ausgaben konzentrieren. Und hier sind nicht etwa die Personalkosten, die das Gros der Ausgaben ausmachen, im Fokus des Interesses, sondern die Medikamentenkosten. Dort wiederum treffen Originalhersteller mit den Generikaproduzenten aufeinander.

Dr. Otmar Peischl ist als Obmann des österreichischen Generikaverbands quasi das Pendant zu Dr. Hubert Dreßler, dem Präsidenten der Pharmig. Logisch, dass Peischl davon überzeugt ist, dass mit dem Ausbau des Generika-Absatzes die Kosten im heimischen Gesundheitswesen reduziert werden können. Daneben hat Peischl aber auch noch andere Visionen. Ihm geht es um den Abbau der Zwei-Klassen-Medizin, den Ausbau der Vorsorge und einen unbegrenzten Zugang zum Gesundheitswesen für jeden Menschen.

Die Diskussionen über notwendige Reformen im österreichischen Gesundheitswesen wollen nicht abreißen. Woran krankt es Ihrer Meinung nach derzeit am meisten im Gesundheitssystem?

Peischl: Wirkliche Reformen wurden bisher nicht geschafft. Das zeigen auch anhaltende Diskussionen über diverse Finanzierungsmodalitäten. Vorhandene Potenziale werden nicht nachhaltig ausgeschöpft. Im Arzneimittelbereich jedenfalls liegen noch Ressourcen brach. Allein in fünf Jahren konnten mit Hilfe von Generika nachweislich 360 Millionen Euro eingespart werden. Derzeit werden im generikafähigen Bereich noch immer 60 Prozent Produkte von Erstanbietern verordnet. Hier schlummert großes Potenzial, das dringend genutzt werden sollte, bevor man über Selbstbehalte diskutiert und Patienten verunsichert.

Was sind die Herausforderungen der kommenden Jahre und welche Lösungen sollten dabei für das heimische Gesundheitssystem angedacht werden?

Peischl: Wie in allen Industrieländern sind auch in Österreich die größten Herausforderungen die Bevölkerungsentwicklung und die damit einhergehenden steigenden Gesundheitskosten: Die Lebenserwartung nimmt gesundheitspolitisch erwünscht zu. Die Zahl der Älteren steigt nicht zuletzt dank des medizinischen Fortschritts rapide an. Mit der Änderung der Bevölkerungsstruktur ändert sich auch das Krankheitspanorama. Chronische Erkrankungen, Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit nehmen zu. Eine Entwicklung, die sich auch massiv auf unser Gesundheitssystem auswirkt: Denn schon jetzt steht die Finanzierung des Gesundheitssystems zur Diskussion. Hier gilt es Lösungen zu finden, die die hohe Qualität unserer Versorgung weiterhin für alle garantieren und dem Trend zur Zwei-Klassen-Gesellschaft entgegenwirken. Die Versorgungssicherheit muss für alle Bürger gewährleistet werden. Die dabei wichtige Rolle von Generika wird bei Weitem unterschätzt. Seit Generika erhältlich sind, müssen die Krankenkassen für viele Volkskrankheiten trotz steigender Patientenzahlen wesentlich weniger ausgeben.

Welche Visionen haben Sie für unser Gesundheitssystem der Zukunft? Und vor allem: Wo sehen Sie die Schlüsselbereiche für mögliche Reformen?

Peischl: Die Erhaltung der hohen Versorgungsqualität sowie der gleiche Zugang für jeden Patienten zu allen Leistungen haben höchste Priorität. Weder die ältere noch die jüngere Generation dürfen durch Leistungseinschränkungen und Beitragserhöhungen belastet werden. Gleicher Zugang zum Gesundheitssystem für alle. Keine Erhöhung der Selbstbehalte und keine Abstriche in der Versorgungsqualität. Wichtig ist auch die Entscheidungsgrundlage: Nicht Emotionen, sondern rationale Argumente und der aktuelle Wissensstand sollten Entscheidungsgrundlage für Verbesserungen sein.

Wie ist der Generikaverband in die Diskussion über eine Gesundheitsreform eingebunden?

Peischl: Wir leisten unseren Beitrag, indem wir die realen Potenziale aufzeigen und die besondere Rolle von Generika für ein funktionierendes Gesundheitssystem belegen. Eine weitere Aufgabe des Generikaverbands ist es, Ärzte, Patienten und Entscheidungsträger über Generika zu informieren. Alle Diskussionen und Reformvorschläge laufen darauf hinaus, das hohe Niveau unseres Gesundheitssystems zu erhalten und mit Hilfe von Generika weitere Kosten zu sparen.

Welches Verhältnis hat der Generikaverband eigentlich zur Pharmig, zur Interessensvertretung der österreichischen Pharmaunternehmen, die ja am Absatz ihrer Originalpräparate interessiert sind?

Peischl: Pharmig und Generikaverband sind gleichwertige Partner im Gesundheitssystem. Dass es unterschiedliche Meinungen gibt, ist legitim und fördert den Diskurs. Je mehr Standpunkte eingebracht und überprüft werden können, umso förderlicher ist es für ein gutes Gesundheitssystem.

Es wird aber auch kritisiert, dass die vom Generikaverband vorgebrachten Zahlen zu Generika und Einsparungen nicht stimmen. Was können Sie dieser Kritik entgegenhalten?

Peischl: Fakt ist, dass der Generikaverband die Zahlen des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger sowie des unabhängigen Instituts „IMS Health Austria“ verwendet. Für jeden ist nachvollziehbar, wie viel für Generika und ersetzbare Erstanbieter seitens der Kassen bezahlt wird. Als Generikaspezialisten kennen wir diese Daten sehr genau.

Es wird in der laufenden Diskussion und auch im Allgemeinen immer wieder kritisiert, dass Generika die Compliance verschlechtern sollen, dass sich Patienten mit den Medikamenten nicht zurechtfänden.

Peischl: Vollkommen absurd. Generikaunternehmen sind auf das Feintuning von Arzneimitteln spezialisiert und investieren in die Modernisierung des Produktes. Dabei fließen die Fortschritte der pharmazeutischen Technologie ein: Besonderer Wert wird auf verträgliche Hilfsstoffe, zusätzliche Dosierungsstärken und patientenfreundliche Darreichungsformen gelegt. Selbstverständlich unterliegen auch neue Hilfsstoffe und eine weiterentwickelte Galenik der akribischen Beurteilung durch die österreichischen Zulassungsbehörden. Das sind wichtige Maßnahmen für eine steigende Compliance. Die jahrelangen Erfahrungen und Dokumentationen schlagen sich auch in der Breite der Information bei Generika nieder: So fließen bei den Neuzulassungen von Generika die jüngsten und aktuellsten Zulassungsdaten sowohl in die Fach- als auch in die Gebrauchsinformation ein. Die Informationen für Arzt und Patient sind damit oft umfangreicher und detaillierter als früher. Damit werden Patientensicherheit, Compliance und Therapieerfolge unterstützt.

Der dritte, oft gehörte Kritikpunkt betrifft die Wirkungweise der Generika. Es wird behauptet, dass Generika doch nicht exakt gleich wirken wie die Originalpräparate. Was sagen Sie dazu?

Peischl: Das ist schlichtweg falsch! Die Beurteilung von Arzneimitteln sollten wir unseren Experten überlassen, der Österreichischen Zulassungsbehörde, AGES PharmMed, sowie der Heilmittelevaluierungskommission. Die gleichen Behörden sind auch für die Zulassung von Erstanbieter-Arzneimitteln zuständig. Generika sind weltweit State-of-the-Art. Sie sind heute ein bewährter und fixer Bestandteil unseres international gelobten Gesundheitssystems. Im Jahr 2007 wurden rund 23 Millionen Packungen Generika von österreichischen Ärzten verordnet. Diese Zahl spricht für sich.

Das Gespräch führte Andreas Feiertag

 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie Stakeholder im Gesundheitswesen:

Im Interview Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungsträger: "Ohne Kassensanierung braucht es keine Visionen"

Im Interview Dr. Hubert Dreßler, Präsident der Pharmig Österreich: "Alle Zusatzzuckerln nur über Zusatzversicherung"

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Im Interview Dr. Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer: "Nein, die Ärztekammer ist nicht reformresistent"

Im Interview Mag. Monika Maier, Sprecherin der ARGE Selbsthilfegruppen Österreich: "Ein Gesamtbudget ist unbedingt notwendig"

Im Interview Mag. Christoph Sauermann, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI): "Daumenschrauben für den Föderalismus"

Hintergrund:
Der österreichische Generikaverband wird von Jahr zu Jahr einflussreicher.
Der österreichische Generikaverband ist ein Zusammenschluss von Generika-Produzenten, die ihre Arzneimittel in Österreich anbieten: Genericon Pharma GmbH, Hexal Pharma GmbH, Interpharm ProduktionsgmbH, Sandoz GmbH, Ratiopharm Arzneimittel Vertriebs GmbH, S.MED GmbH und Stada Arzneimittel GmbH. Diese Unternehmen repräsentieren rund 80 Prozent des österreichischen Generikamarktes.
Wordrap:
Kurz gefragt
• Unser Gesundheitswesen leistet für mich ...
- ... im Vergleich zu anderen Ländern Erstklassiges.
• Selbstbehalte sind für mich...
- ... im Sinne der Patientinnen und Patienten abzulehnen.
• Meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ...
- ... letztes Jahr.
• Gesundheitspolitik interessiert mich, weil ...
- ... sie jeden Menschen ganz persönlich betrifft.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... insbesondere höchstmögliche Lebensqualität.
Zur Person
Dr. Otmar Peischl Obmann des Generikaverbandes

Dr. Otmar Peischl kann mit seinen heute 54 Lebensjahren bereits auf wesentlich mehr als ein Vierteljahrhundert Erfahrung in der Pharma-Branche verweisen. Der studierte Biologe und Biochemiker startete 1983 seine Pharmatätigkeit bei der damaligen Hoechst AG, die heute längst im Unternehmen Sanofi Aventis aufgegangen ist. Nur knapp mehr als drei Jahre danach wechselte Peischl zur Firma Leopold & Co AG (heute Fresenius). Und seit 1989 ist Peischl schließlich für Genericon Pharma in der Funktion des Directors for Marketing and Sales tätig. Otmar Peischl war ab der Gründung des Österreichischen Generikaverbandes (OEGV) im Jahr 2000 in dessen Vorstand und somit in alle Tätigkeitsbereiche eingebunden. Seit 29. Jänner 2007 ist er Obmann des Verbands.
Info: OEGV, 1050 Wien, Wiedner Hauptstraße 90/12; www.generikaverband.at

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche 25 /2009

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