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Foto: BM.I (abdruck honorarfrei(
Das Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine: Die gesundheitlichen Folgen des größten anzunehmenden Unfalls im Jahr 1986 sind bis heute nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht.
 
Gesundheitspolitik 23. Juni 2009

WHO im Würgegriff der Atomlobby

Ein wenig bekannter Vertrag zwingt die Weltgesundheitsorganisation, die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl zu verharmlosen.

Vor 50 Jahren wurde ein sehr problematisches Abkommen zwischen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und der WHO unterzeichnet. Österreichische Umwelt- und Ärzteorganisationen protestieren gegen diesen Vertrag.

„Die WHO hat an sich eine wunderbare Verfassung“, sagte Prof. Dr. Michel Fernex, Vorstandsmitglied von IPPNW Schweiz (ÄrztInnen für die Verhütung eines Atomkriegs), der jahrelang an WHO-Programmen mitgearbeitet hatte, auf einer Pressekonferenz Ende Mai in Wien. Wie es in den Statuten heißt, besteht das Ziel darin, „allen Völkern zur Erreichung des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu verhelfen“. Dazu muss sich die WHO „als leitende und koordinierende Stelle des internationalen Gesundheitswesens“ betätigen. Dass sie diese Aufgabe nicht immer erfüllen kann, geht auf die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück.

1957, also in einer sehr atomkraftfreundlichen Zeit, bat die WHO 20 führende Genetiker und Strahlenschutz-Experten (darunter Prof. Dr. Rolf Sievert), sich – im Zusammenhang mit der zunehmenden kommerziellen Anwendung der Nuklearenergie – zu den Auswirkungen ionisierender Strahlung zu äußern. In der abschließenden Publikation drückten die Experten ihre Besorgnis bezüglich der mutagenen Wirkung der Strahlung aus. Dies missfiel laut Fernex der 1956 gegründeten Internationalen Atomenergie-Organisation, deren Statuten ja die Förderung der Atomenergie beinhalten. Sie habe sich daher um ein Abkommen bemüht, das die Autonomie der WHO im Bereich von Gesundheitsfragen, die im Zusammenhang mit der Kernenergie stehen, beschränken sollte. Daraufhin wurde in der 12. Versammlung der WHO am 28. Mai 1959 eine entsprechende Vereinbarung geschlossen, welche die beiden Organisationen (WHO und IAEO) vor der Durchführung einschlägiger Programme und Tätigkeiten „von bedeutendem Interesse für die andere Partei“ zur „Regelung der Frage im gegenseitigen Einvernehmen“ verpflichtet. Dies klingt zunächst relativ unbedenklich, war aber z. B. die Basis dafür, dass die IAEO die Publikation der Konferenzbeiträge einer Veranstaltung der WHO über die Folgen von Tschernobyl, die 1995 in Genf stattgefunden hatte, verhinderte, wie der ehemalige WHO-Generaldirektor Dr. Hiroshi Nakajima erläuterte. Weiters segnete die WHO die grotesk niedrigen Zahlen der IAEO, die Opfer der Tschernobyl-Katastrophe betreffend, ab.

„Stellen Sie sich vor“, so Dr. Klaus Renoldner, Präsident des österreichischen Zweigs (OMEGA) der Internationalen ÄrztInnen für die Verhütung eines Atomkriegs (IPPNW), „die Weltgesundheitsorganisation hätte einen ähnlichen Vertrag mit der Tabakindustrie: Niemand käme auf die Idee, dass ein Abkommen mit einer Organisation, die gewohnt ist, auf massive Weise ihre Interessen zu verfolgen, unbedenklich ist.“

Mangel an Studien erklärt

Fernex ergänzte: „Das 1959 unterzeichnete Abkommen behindert die Arbeit der WHO. Deshalb fehlen Studien über die Auswirkungen chronischer Niedrigdosisstrahlung, insbesondere interner Dauerbestrahlung. Nach der Tschernobyl-Katastrophe wirkte sich die mangelnde Präsenz und Unabhängigkeit der WHO besonders dramatisch aus.“

Nachdem die Initiative „Für Unabhängigkeit der WHO“ daher seit 2007 an jedem Werktag Mahnwache vor dem Sitz der WHO in Genf hält, machten nun auch österreichische Umweltorganisationen und Atomkraftgegner gegen das Abkommen mobil. Zum 50. Jahrestag demonstrierten die „ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt“, OMEGA/IPPNW Österreich, Plattform gegen Atomgefahren (PLAGE) und Wiener Plattform „Atomkraftfreie Zukunft“ vor der Wiener Hofburg, wo eine Konferenz des Falls des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren gedachte. „Die radioaktive Wolke aus Tschernobyl kannte von vornherein keine Ost-West-Grenze, Ost- und Westeuropa wurden von ihr heimgesucht“, begründete PLAGE-Sprecher Mag. Heinz Stockinger Zeitpunkt und Ort der Aktion. „Zur objektiven Aufarbeitung der Folgen von Tschernobyl wäre eine unabhängige WHO bitter nötig.“

Für Dr. Gerd Oberfeld, Referent für Umweltmedizin der Österreichischen Ärztekammer, wird durch den Vertrag die freie Meinungsäußerung der WHO beeinflusst: „Die Ärztekammer hatte im Bereich Feinstaub eine intensive und sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit der WHO. Völlig anders handelt die WHO im Strahlenbereich, egal ob Radioaktivität oder elektromagnetische Felder von Stromleitungen oder Mobilfunk – hier zeigt sich die WHO nicht gerade als Hüterin der Gesundheit.“ Die Österreichische Ärztekammer fordert neben einer Auflösung des Vertrags zwischen IAEO und WHO „eine transparente Untersuchung über den Einfluss u. a. der Atomindustrie auf die WHO unter Beteilung der Öffentlichkeit und der facheinschlägigen NGOs“.

Doz. Dr. Hanns Moshammer von den „Ärztinnen und Ärzten für eine gesunde Umwelt“ betonte die Verantwortung der Regierungen und Parlamente: „Österreich hätte die Möglichkeit, dieses für Strahlenforschung und Hilfe bei Atomunfällen äußerst problematische Abkommen auf der jährlichen WHO-Weltgesundheitsversammlung auf die Tagesordnung zu bringen.“ Diese Forderung trugen die Experten auch Gesundheitsminister Alois Stöger diplomé vor. So wie seine Vorgängerin, Dr. Andrea Kdolsky, sieht Stöger den Vertrag aber als unproblematisch an.

 

Weitere Infos (und Petition): http://www.independentwho.info

Von Dr. Peter Wallner , Ärzte Woche 25 /2009

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