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Gesundheitspolitik 8. Oktober 2008

Gutes Aussehen ist heute ein Muss für junge Mädchen

Immer öfter wird vermittelt: Auf dem Weg zu wirklicher Schönheit ist die Zwischenstation am Operationstisch der Schönheitschirurgie unvermeidbar. Das Frauengesundheitszentrum in Graz ist speziell für die Gesundheitsinteressen von Mädchen und Frauen da und versucht seit 1993 ein Gegengewicht zu großen Interessensgruppen im Gesundheitswesen zu sein.

Im Gespräch mit der Ärzte Woche legt die Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums, Mag. Sylvia Groth, dar, wie der gesellschaftliche Druck Mädchen dazu verführt, sich chirurgisch verschönern zu lassen und wie schwer sich manche Anbieter in diesem Geschäft tun, sich diesem Wunsch zu entziehen.

Es wurden Hochrechnungen veröffentlicht, denen zufolge sich jedes fünfte Kind zwischen neun und 14 Jahren eine Schönheitsoperation wünscht. Frau Mag. Groth, ist dieses Thema bei jungen Mädchen in Österreich tatsächlich so stark präsent?
Groth: Zunächst ist dazu zu sagen: Es existieren bislang keine exakten Daten über die tatsächliche Zahl von Schönheitsoperationen. Je nach Quelle sind es in Österreich zwischen 25.000 und 50.000. Laut Angaben deutscher plastischer Chirurgen werden zehn Prozent der Eingriffe bei unter 20-Jährigen und ein Viertel an unter 25-Jährigen durchgeführt. Es wäre sicher notwendig, dieses Phänomen genauer zu erforschen – sowohl in Hinblick auf die Motivation der Jugendlichen und die Art und Weise der Aufklärung durch die Ärzte, als auch auf die konkret durchgeführten Operationen.
Das Grazer Frauengesundheitszentrum führt regelmäßig Workshops für Mädchen an Schulen durch. Eine Frage ist dabei: „Wie viel deiner Zeit wendest du täglich für die Schönheitspflege auf?“ Die Mädchen sind meist sehr überrascht, wenn ihnen bewusst wird, wie groß der Anteil ihrer Freizeit ist, den sie dafür investieren.
Wir sprechen mit den Mädchen auch darüber: „Wie zufrieden bist du mit deinem Körper?“ Dabei sollen sie auf Plakaten die aus ihrer Sicht „kritischen“ Körperregionen anzeichnen. Nur eine von fünfzehn ist mit ihrem Erscheinungsbild ganz zufrieden. Vor allem auch die Größe der Brüste, die Oberschenkel und der Bauch werden teils vehement als „nicht gut genug“ wahrgenommen. Ebenso kritisch beobachtet wird zumeist das eigene Körpergewicht.
Aktuelle Studien bei europäischen Kindern und Jugendlichen (Health Behaviour in School-aged children, HBSC, eine von der Weltgesundheitsorganisation initiierte zwischenstaatliche Studie zum Gesundheitsverhalten von Schülern und Schülerinnen, Factsheet Nr. 2, Anmerkung) zeigen deutlich einen Einbruch der subjektiven Gesundheit bei elf- bis 15-jährigen Mädchen. Zusätzlich ist für alle Altersgruppen der bedenkliche Trend gegeben, dass sich die subjektive Gesundheit im Lauf der neunziger Jahre deutlich verschlechtert hat.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Groth: Auch wenn heute in den meisten Familien Buben und Mädchen kaum unterschiedlich erzogen werden: In den Geschäften sind schon die Spielsachen von Kleinkindern in Rosa und Hellblau eingeteilt. Vor allem dann, wenn Mädchen sich für Buben zu interessieren beginnen und erste Erfahrungen mit ihrer Sexualität haben, wird Schönheit ganz massiv zum Thema – oft auch seitens der Eltern.
Bei heranwachsenden Frauen lassen sich für mich oft verblüffende Einstellungen finden: Ein geringes sexuelles Selbstbewusstsein, eine Sexualität, die stark an – vermuteten – Wünschen und Erwartungen von Männern orientiert ist, sowie sehr konkrete Vorstellungen, was „Schönheit“ ausmacht.
Als ich 14 war, habe ich mich genauso mit dem Thema Schönheit auseinandergesetzt und wollte meine Nase operieren lassen. Mein Vater hat mir das auch zugesichert, aber erst, wenn ich erwachsen sein würde. Dann war es für mich kein Thema mehr. Was heute anders ist: In vielen Medien sind sogenannte Schönheitsideale viel präsenter, Schönheit wird gleichgesetzt mit Erfolg und Glück. Und die erwähnten Hochrechnungen machen glauben, dass Schönheitsoperationen oder das Interesse daran quasi etwas ganz Selbstverständliches und Alltägliches seien. Der Besuch beim Schönheitschirurgen wird teilweise dem beim Friseur gleichgesetzt. Denn auch die großen Stars nehmen diese Dienste in Anspruch, um endlich perfekt auszusehen.
Ganz wichtig ist, das Interesse am Thema Schönheit nicht zu verurteilen, genauso wenig wie Sorgen, ein bestimmter Körperteil sei nicht „schön“ genug. Gleichzeitig muss das Selbstvertrauen gerade bei heranwachsenden Frauen gezielt gestärkt werden. In unseren Workshops geht es etwa um die Ressourcen, die jede junge Frau in sich trägt, und darum, ihnen ihre Stärken bewusst zu machen. Seit kurzem zeigen wir auch den Kurzfilm UNIQUE! in den Workshops – er gibt Schülerinnen mit starken Bildern und humorvoll Impulse zum Thema Schönheitsoperationen.
Positiv sehe ich manche Trends wie in Spanien, wo es gesetzliche Auflagen gibt, dass Models ein bestimmtes Mindestkörpergewicht haben müssen – gleichzeitig sind aber eben Berichte über die angeblich positiven Effekte von Schönheitsoperationen auf das gesamte Leben allgegenwärtig. Frauen lassen sich live vor der Kamera operieren, Fernsehserien beschäftigen sich mit den Angeboten der Schönheitsinstitute. Hier verschwimmt der Unterschied zwischen Heilauftrag von Ärzten und Gewerbe.

Prof. Dr. Maria Deutinger, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie sagte in einem Interview im Kurier: „Gerade bei Jugendlichen hinterfragen wir jeden Eingriff sehr genau.“ Ein Verbot von Schönheitsoperationen bei Minderjährigen würde diese zu illegalen Angeboten treiben. Wie sehen Sie das?
Groth: Deshalb sind europäische Regelungen erforderlich. In verschiedensten Medien gibt es Kleinanzeigen von diversen Schönheitsinstituten, die ganz gezielt für Schönheitsoperationen werben. Noch stärker ist dies im Internet der Fall. Ärzte dürfen zwar selbst nicht für ihre Leistungen werben, dieses Verbot gilt aber nicht für Institute. Diesen geht es offensichtlich ums Geschäft und ein bewusstes Ankurbeln der Nachfrage. Dabei werden das Ausmaß des Eingriffs und die möglichen Folgen oft stark verharmlost – Ziel ist zudem offensichtlich keine differenzierte Beratung, sondern ein möglichst rasches Ansetzen von Operationsterminen.
Im Europaparlament ist bereits 2002 ein Verbot von Brustoperationen bei unter 18-Jährigen empfohlen worden. In Österreich ist angedacht, nach der Wahl Gespräche mit der Ärztekammer aufzunehmen, um eine entsprechende freiwillige Selbstverpflichtung der Ärzte zu erreichen.
Was viel zu wenig Erwähnung findet: Wer seine Brüste operieren lässt, muss dies nach 15 Jahren erneut tun. Zudem besteht das Risiko einer Narbenbildung, und es kann sich die Aussagekraft von Mammografien reduzieren.
Wir halten es jedenfalls für erforderlich, dass Schönheitschirurgie nur von speziell ausgebildeten Fachärzten durchgeführt wird – das ist derzeit nicht immer der Fall. Gleichzeitig bringt es aus meiner Sicht wenig, wenn Ärzte betonen, ohnehin alles richtig zu machen. Sie sollten sich gezielt und kritisch mit dem Thema auseinandersetzen und umfassend über Wirkungen und unerwünschte Ergebnisse beraten. Teilweise wird auch mit dem Argument der medizinischen Indikation gearbeitet – dies gilt aus meiner Sicht höchstens in Ausnahmefällen.
Eine größere Brust als Geschenk zur Firmung oder „genitale Korrekturen“ an der Vulva fallen hier sicher nicht darunter. Es ist absurd, wenn argumentiert wird, große Labien würden Probleme im Alltag verursachen. Spricht jemand davon, dass ein Penis oder die Hoden das Radfahren behindern würden?

Webtipp
Der Film UNIQUE! kann kostenfrei bei www.fgz.co.at bestellt werden.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 40/2008

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