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Gesundheitspolitik 11. September 2008

Vergessene Pein

Vorurteile, dass Menschen mit Demenz Schmerz weniger intensiv wahrnehmen, kursieren immer noch. Dies führt zu einer schlechteren Behandlung.

43 Prozent der über 50-Jährigen leiden unter chronischen Schmerzen, bei den über 60-Jährigen sind es mindestens 60 Prozent, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Besonders häufig sind schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Osteoarthrose, Erkrankungen der Wirbelsäule oder Neuropathien vor allem in Zusammenhang mit Diabetes und Herpes zoster. Medikamente gegen neuropathische Schmerzen sind oft besonders teuer und kommen teils nur in Spitälern zur Anwendung.
Besondere Mankos bei der Schmerzbehandlung gibt es bei Personen mit Demenz. Aktuelle Analysen weisen darauf hin, dass diese im Schnitt nur halb so viele Schmerzmittel erhalten wie Menschen ohne Beeinträchtigung der kognitiven Leistungen. Das wird durch Untersuchungen in Pflegeheimen erhärtet: Je stärker jemand von Demenz betroffen ist, desto seltener bekommt er Schmerzpräparate. Eine andere Untersuchung zeigt, dass Demenzpatienten nach einer Schenkelhalsfraktur nur ein Drittel der Menge an Schmerzmedikamenten erhalten im Vergleich zu nicht dementen Patienten.
„Ältere Menschen neigen generell dazu, ihre Schmerzen herunterzuspielen und zu der Ansicht, dass das Leid zum Altern gehören würde. Mit dem Fortschreiten von Hirnleistungsstörungen sinkt zudem die Fähigkeit, Schmerzen genau zu lokalisieren“, sagt der Leiter der Abteilung für Gerontoneurologie und neurologische Rehabilitation im Haus der Barmherzigkeit in Wien, Dr. Andreas Winkler.

Richtig fragen

Viele Alte wollen dem Arzt nicht ‚lästig‘ fallen“, weiß Winkler. Aus diesem Grund sei die Miteinbeziehung von Angehörigen in die Schmerztherapie dementer Patienten wichtig. Dabei könnten Menschen mit einer leichten bis mittelschweren kognitiven Einschränkung bei einem entsprechend sensiblen Fragenschema durchaus Auskünfte über den Verlauf und die Intensität von Schmerzen geben. Das Wort „Schmerz“ sollte freilich eher vermieden werden. Der Arzt sei besser beraten, direkte und indirekte Folgen von Schmerzen wie Schlafstörungen oder Einschränkungen bei alltäglichen Aktivitäten anzusprechen. Eine wichtige Hilfe biete die Analogskala „Beurteilung von Schmerz bei Demenz“, BESD, (siehe Webtipp). Hinweise auf chronische Schmerzen könnten Appetitlosigkeit, chronische Unruhe, starkes Schwitzen sowie Schon- und Fehlhaltungen oder Verhaltensstörungen sein.
„Es ist ein leider nach wie vor weit verbreitetes Vorurteil, dass Menschen mit Demenz Schmerzen nicht mehr so stark spüren“, bedauert Winkler. Diese Einstellung verstärke die Diskriminierung und Stigmatisierung der Betroffenen und behindere eine adäquate Behandlung. Neben einer Unterversorgung mit Schmerzmitteln seien auch höhere Kosten im Gesundheitswesen sowie im Sozialbereich die Folge. Nicht ausreichend behandelte Schmerzen könnten die Verschlechterung der kognitiven Leistung beschleunigen. Winkler betont außerdem, dass Schmerzen – gerade bei Menschen mit Demenz – Ängste auslösen können. „Die Patienten sind unruhig, wandern herum, gestikulieren, machen sich schreiend bemerkbar und werden mitunter auch aggressiv.“
„Ruhigstellen“ mit Medikamenten oder freiheitsbeschränkende Maßnahmen trügen zur Verschärfung des Problems bei.

Webtipp: http://www.ratgeber-pflegegeld.de/besd.doc

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 37/2008

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