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Gesundheitspolitik 4. September 2008

Höchstleistung mit Hungerfigur

Auch nach Olympia wird es bei diversen Wettkämpfen um sportliche Höchstleistungen gehen. Die Zahl von Jugendlichen, die sich für den Erfolg ‚schlank‘ hungern, ist im Steigen begriffen.

Bei Interviews mit erfolgreichen Sportlern berichten diese immer wieder auch über ihre Gesundheit. Gerade bei Sportarten mit einem starken Fokus auf Ästhetik wie Ballett, Eiskunstlaufen und Kunstturnen, gewichtsabhängigen Disziplinen wie Judo, Karate, Skispringen und Langlauf oder Ausdauersportarten wie Schwimmen und Radrennen sind Kinder und Jugendliche gefährdet. „Auf der Jagd nach sportlichen Triumphen hungern sie sich schlank, um bessere Leistungen zu erbringen“, berichtet Prof. Dr. Peter Scheer, Leiter der psychosomatischen Abteilung für Pädiatrie an der Kinderklinik der Medizinischen Universität Graz.
Fast fanatisch wird versucht, den Anteil von Körperfett bzw. das Körpergewicht möglichst gering zu halten. „Kinder und Jugendliche hungern sich in der Hoffnung auf Höchstleistungen immer häufiger zu einem schädigenden Niedriggewicht hinunter – dabei sind sie teilweise noch nicht einmal in der Pubertät“, so Scheer.

Zu wenig Kalorien für sportlich ehrgeizige Kinder

Die tägliche Energiezufuhr entspricht dann oft bei weitem nicht dem – auch durch die Sportausübung erhöhten – tatsächlichen Bedarf. Die betroffenen Sportler – dabei handelt es sich sowohl um heranwachsende Frauen als auch Männer – schätzen das Erscheinungsbild ihres Körpers allerdings als „realistisch“ ein. Auch wenn Hungerphasen sich auf Trainings- und Wettkampfzeiten konzentrieren, „kann der Übergang in eine massive Essstörung fließend geschehen, besonders wenn als Faktoren hohe Leistungsbereitschaft, persönliche Unsicherheit und ein verzerrtes Körperbild dazu kommen.“ Dabei könnten genauso Breitensportler betroffen sein, wenn diese in Zusammenhang mit der Sportausübung exzessiv auf ihre Nahrungszufuhr achten.

Leistungsverminderung

Mit der zunehmend auftretenden Essstörung einher gehen können eine eingeschränkte körperliche und soziale Entwicklung, „das Wachstum wird verzögert und die Knochendichte herabgesetzt“, sagt Scheer. Dazu kommen auch eine steigende Verletzungsgefahr der Bänder sowie erhöhte Wahrscheinlichkeit für Infekte. Durch die Mangelernährung würde sich weiters langfristig eine Schwächung und Leistungsverminderung ergeben. Manche Sportler meinen dann, noch weiter abnehmen zu müssen – ein Teufelskreis.

Athleten XXXS

In vielen Sportarten würde Untergewicht quasi zum guten Ton gehören, ein entsprechendes Essverhalten also auch kaum auffallen. Neben den Eltern spielen aus Scheers Sicht die Trainer, aber auch die betreuenden Pädiater, Sport- und Hausärzte eine wichtige Rolle, um ein Abgleiten in Anorexia athletica zu vermeiden. Mit Unterstützung des Landes Steiermark hat Scheer nun ein Informationsprojekt zur Früherkennung gestartet, in dessen Rahmen auch eine kostenlose Broschüre produziert wurde (siehe Webtipp).
Scheer zählt einige Punkte auf, die in der medizinischen Begleitung zu beachten sind: „Es sollte unbedingt nach den Ernährungsgewohnheiten und eventuellen aktuellen Diäten gefragt werden.“ Teilweise entwickeln die Kinder und Jugendlichen eigene Diäten und halten diese strikt ein. Die regelmäßige Kontrolle von Größe, Wachstum, Gewicht, des Ruhe- und Belastungspulses sind ebenso wichtig wie bei Mädchen und Frauen die Frage nach Eintreten bzw. Regelmäßigkeit der Menstruation. Dies gilt auch dann, wenn der BMI-Wert auf den ersten Blick normal zu sein scheint. Ebenso von Bedeutung können die Ergometrie, das EKG, die Bestimmung der Elektrolyte sowie der Knochendichtemessung sein. Alarmzeichen für Anorexia athletica sind ein starker Gewichtsverlust innerhalb kurzer Zeit und übermäßige sportliche Betätigung. Auch chronische Magen- und Darmbeschwerden, Gastritis und chronische Bauchschmerzen sollten rechtzeitig Beachtung finden.
Bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen sei dann gleichermaßen die Frage nach Art und Intensität der Sportausübung wichtig.

 Auf der schiefen Ebene des Hungerns

Webtipps:
www.kinderpsychosomatik.at/home/health/zuDuenn/Broschuerekleinwebpdf.pdf
www.mann-sein.at/

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 36/2008

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