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Gesundheitspolitik 4. September 2008

Schlechte Bildung macht Gesundheitsprobleme

Wer ein niedriges Bildungsniveau hat oder Probleme im sozialen Bereich, etwa wegen eines niedrigen Einkommens, hat geringere Chancen, an gute Gesundheitsinformationen heranzukommen. Das bleibt nicht ohne unerwünschte Wirkungen.

Der Bildungsgrad und der Zugang zu Gesundheitsinformationen bzw. ebenso der konkrete Lebensstil hängen eng zusammen. Meint jedenfalls Mag. Otto Rath von „Innovative Sozialprojekte“ (ISOP), einer Grazer Initiative, die Migranten, Flüchtlinge, (Langzeit-)Arbeitslose und Menschen mit Grundbildungsdefiziten mit Beratung, Qualifizierung und Beschäftigungsprojekten unterstützt: „Mit Informationskampagnen und verschiedenen Gesundheitsförderungsprojekten werden oft jene Zielgruppen erreicht, die ohnehin schon am Thema interessiert sind und auch Bereitschaft zeigen, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau sind oft solche, die von Armut gefährdet oder betroffen sind. Sie haben – auch aufgrund vieler konkreter und bitterer Erfahrungen – das Gefühl, an der eigenen Lebenssituation wenig oder nichts ändern zu können.“ Es gelte daher Formen zu finden, das Selbstvertrauen dieser Menschen zu stärken.

Unverstandene Patientenfolder

„Für Ärzte bedeutet dies zunächst, sich dessen bewusst zu sein, dass es Menschen gibt, die aufgrund ihres Bildungsniveaus oder sozialen Status mit Informationen über ihre Gesundheit sowie den Umgang mit Krankheit teils schwer umgehen können, weil sie die mit nach Hause gegebenen Texte nicht verstehen“, so Rath. Dies werde beim Arztbesuch nur selten angesprochen, wer gibt schon gerne zu, eine Information nicht verstanden zu haben?
Zu bedenken sei in diesem Zusammenhang auch, dass in Österreich wie auch im übrigen Europa etwa zehn Prozent der Bevölkerung „funktionelle Analphabeten“ sind. Also Menschen mit Defiziten bei Lese- und Schreibkompetenzen.
Und: Wer von Armut gefährdet oder betroffen ist und damit schwerer Zugang zu Informationen zum Thema Gesundheit hat, ist auch häufiger krank oder die Krankheiten können bei ihm länger andauern.
Daher meint Rath: „Wichtig ist, dass sich der Arzt gerade für diese Personen Zeit nimmt, um nachzufragen, ob die Informationen auch gut angekommen sind.“ Nötig wären auch Vereinfachungen bei den Beipackzetteln – hier könnten eine größere Schrift, einfachere Formulierungen sowie Piktogramme zum Einsatz kommen. Ähnliches gelte auch für Informationsmaterialien, die der Arzt mitgibt.
„Es gilt zudem, auch andere Kommunikationskanäle zu nutzen“, meint Rath. Für niedergelassene Ärzte könnten dies etwa Vorträge bzw. Kooperationen mit Gesunden Gemeinden sein, bei denen bestimmte Zielgruppen gezielt angesprochen werden. Wie etwa Alleinerziehende, Migranten, Langzeitarbeitsuchende oder Menschen mit psychosozialen Problemen.

„Guides“ auf aktiver Suche

ISOP arbeitet derzeit an der Umsetzung eines Projekts, bei dem sogenannte „guides“ ausgebildet werden – sie sollen Einzelpersonen unterstützen, die Schwierigkeiten beim Zugang zum Gesundheitssystem haben. Oder diese sollen Ressourcen auf der Gemeindeebene suchen und aktivieren, die dann wieder konkrete Unterstützung geben können. „Dabei handelt es sich um ein nachgehendes Angebot, das heißt, es reicht einfach nicht aus, zu warten, bis bestimmte Menschen den Weg zu Informationsangeboten zu Gesundheitsthemen sowie zu konkreten Gesundheitsprojekten finden.“
Beispiele, die in ähnliche Richtungen gehen, seien etwa Gesundheitsförderungsprojekte im Zuge von Projekten des Arbeitsmarktservices für Langzeitsarbeitsuchende oder auch die Kompetenztrainings, die das Grazer Frauengesundheitszentrum in ganz Österreich zunächst für MultiplikatorInnen und dann auch für verschiedene Zielgruppen bis 2010 anbietet.

Info:
International Board of Certified Lactation Consultant Examiners, IBCLC: Internationales Gremium von Fachleuten auf dem Gebiet Laktation und Stillen. Es erstellt und organisiert weltweit das Examen zur Still- und Laktationsberaterin.

Webtipp:
www.isop.at

Hotline:
Alfa-Telefon 0810/200-810


Stillförderung für soziale „Randgruppen“

Besonders für Frauen mit niedrigem Bildungsniveau und in sozial prekären Situationen ist es schwierig, in der Zeit der Schwangerschaft und rund um die Geburt an gute Informationen und Beratung zu kommen. „Es wäre wichtig, dass Unterstützung spätestens im Rahmen der Entbindung angeboten wird, am besten mit einem fixen und kostenlosen Beratungstermin z. B. zwei Wochen nach der Geburt, wo häufig Stillprobleme ihren Ausgangspunkt haben“, weiß Gabriele Hörandner (International Board of Certified Lactation Consultant Examiners, IBCLC, und Präsidentin des Verbandes der Still- und Laktationsberaterinnen Österreichs, VSLÖ) und selbst tätig in der mobilen Kinderkrankenpflege sowie der Mutterberatung. Hörandner: „Leider gibt es oft wenig Wissen über die gesundheitlichen Vorteile, die Stillen für das Baby und die Mutter bringen.“
Aktuelle Studien belegen erneut den vielfältigen Schutz des Stillens: „Brustgenährte Babys sind seltener krank, weil sie einen langfristigen Schutz mitbekommen gegen unterschiedliche Krankheiten“, erzählt Hörandner. „Speziell für Frauen, die von Armut gefährdet oder betroffen sind, ist es ein sehr positiver Effekt, wenn sie seltener mit dem Kind zum Arzt müssen oder geringere Kosten für Behandlungen entstehen.“
Aber auch für die Mutter bringt das Stillen Vorteile: Die Immunabwehr der Mutter wird gestärkt, es sinkt das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs sowie für Osteoporose und rheumatische Arthritis.
Hörandner: „Wichtig wären kostenlose Informations- und Beratungsangebote zum Thema Stillen – etwa in Form von personell und strukturell gut ausgestatteten Stillambulanzen bzw. spezifischer Fortbildung von Personen, die in der Mutterberatung tätig sind.“


Weltalphabetisierungstag

Am 8. September ist Weltalphabetisierungstag. Dieser Tag wurde von der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, UNESCO, im Anschluss an die Weltkonferenz zur Beseitigung des Analphabetentums im September 1965 in Teheran ins Leben gerufen.
Eines der vielen Projekte an diesem Tag ist In.Bewegung – Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung. Es schickt österreichweit tausende Bücher auf die Reise. Passanten können diese von Hausfassaden, Brückengeländern oder Bäumen pflücken, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an anderen unerwarteten Orten finden.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 36/2008

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